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Kultur Regional Sozialdrama trifft Sozialpolitik: Dulig und Riexinger diskutieren nach „Sorry, we missed you“ von Ken Loach
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17:55 26.01.2020
Ricky Turner (Kris Hitchen) versucht es mit der Selbstständigkeit – als Franchise-Fahrer eines Paket-Zustellservices. Quelle: Filmwelt
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Leipzig

Er hat Schulden, aber auch Hoffnung. Er sieht Licht am Horizont. Ricky, verheiratet, zwei Kinder, gebeutelt von der Krise 2008, der zu stolz für Arbeitslosengeld ist, der am Bau und beim Begrünen gearbeitet hat, geht in die Selbstständigkeit. Für den Lieferwagen, den er als Paketzusteller mitzubringen hat, muss das Auto von Ehefrau Abby verkauft werden. Das braucht sie eigentlich.

Nun leben beide unter Druck. Abby, die als Pflegerin unterwegs ist, wird nur für jene Zeit bezahlt, die sie tatsächlich bei Patienten ist. Immer mit dem Bus durch den Tag, da wird die Zahl kleiner – und der Tag länger. 14 Stunden hat nun jeder von Ricky. Sechs Mal in der Woche.

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Alpträume, Prügel, Schulden

Wer den Rhythmus nicht mitmacht, verliert Touren und Geld. Gepinkelt wird in Flaschen, ausgeliefert im Laufschritt. Muss der Zettel „Sorry, we missed you“ an die Tür, ist das ärgerlich. „Was ist nur aus dem Acht-Stunden-Tag geworden“, sagt eine von Abbys Patientinnen, die 1984 beim Bergarbeiterstreik gegen Thatcher dabei war.

Ricky und Abby sind Abend für Abend fertig. Abby versinkt in Alpträumen im Treibsand, Sohn Seb schwänzt die Schule, prügelt sich, sprayt Wände mit Krakeleien voll, klaut – und attackiert Vater Ricky. Der pausiert wegen Seb und verliert Geld. Der wird überfallen – und hat neue Schulden.

Chronist der Arbeiterklasse

Ken Loach, der unerbittliche Chronist der britischen Arbeiterklasse („Ich, Daniel Blake“), erzählt mit illusionslosem, authentischem Blick und bitterem, realistischem Atem von einem, der den Verlockungen einer zweifelhaften Selbstständigkeit glaubte.

Die verteilt das Risiko neoliberal einseitig. Die verlangt Selbstausbeutung – und nennt es Optimierung. Die macht aus dem Manager Maloney, als Teil des gnadenlosen Systems, einen modernen Sklaventreiber. Die sieht die Straßenaufsicht als Robin Hood von heute, die es allerdings den Armen nimmt. Die treibt Familien in den schleichenden Zerfall.

Erosion überall

„Sorry, we missed you“ ist frei von Parolen des Klassenkampfes, ist nicht didaktisch, sondern vertraut seiner Geschichte. Dabei ist der Ton des 83-jährigen Ken Loach, in dessen Filmen immer noch und immer mal wieder von der Arbeiterklasse die Rede ist, bitter, illusionslos, hoffnungsfrei. Auch, wenn er die Jungen skizziert.

Da gibt es nur hohle Angeber-Worte, Verweigerung, ein großes Desinteresse an allem, aber keine Rebellion. In „Kes“ (1969), dem ersten Loach-Hit, gab es noch Aufbruch. Jetzt bleibt nur noch Anpassung und Klugscheißerei.

Auch Ken Loach scheint mittlerweile nicht mehr an Veränderung zu glauben. Triste Bilder, triste Szenen, triste Geschichte. Erosion überall – und Haustür-Diskussionen um Fußball enden im Streit. Letzte Hoffnung: die Familie. Ein trügerischer Anker.

Premiere, 29. Januar, 19.30 Uhr, Passage, mit Martin Dulig (SPD, Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr in Sachsen), Bernd Riexinger (Vorsitzender Die Linke), Tilo Aé (Krankenpfleger, Betriebsratsvorsitzender im St. Georg)

Von Norbert Wehrstedt

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