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Kultur Regional Spielt, singt und hüpft: Jamie Cullum in Leipzig
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16:03 31.05.2019
Jamie Cullum auf der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Der Gedanke dürfte einem irgendwann geradezu zwangsläufig durch den Kopf schießen: Gott, was für ein Energiebündel! Ein Spring-ins-Feld, der gern auch mal vom Piano springt, wenn er nicht grad am Bühnenrand entlang tänzelt. Oder eher hüpft – wie ein Tennisball. Und der, wenn er eben nicht gerade singt, hüpft oder Klavier spielt, dem Publikum auch gern mal was erzählt. Etwa, dass er zum ersten Mal vor 18 Jahren in Deutschland war und dass er im August 40 wird und in einer Woche sein neues, sein inzwischen achtes Studioalbum auf den Markt kommt. „Taller“ heißt es – und um es gleich zu sagen: Die Stückauswahl, die Jamie Cullum davon am Donnerstag bei seinem Konzert auf der fast ausverkauften Parkbühne vor 2500 Zuschauern schon mal vorab zum Besten gab, klang vielversprechend. Also nach unbedingter Kaufempfehlung.

So viel Werbung muss/darf an dieser Stelle mal sein. Denn ganz klar: Was Jamie Cullum ja auch noch und vor allem ist, ist ein Singer-Songwriter erster Güte. Geerdet im Jazz, aber viel zu hyperaktiv um still introvertiert im Gärtchen des Elitären zu verbleiben. Denn das auch auf der großen Nachbarplantage des Pop hier und da schöne Pflanzen wachsen, weiß jeder, der kein Ignorant ist. Cullum ist keiner. Vielmehr ein Komponist ohne Berührungsängste und mit einem wahrlich glücklichen Händchen für beglückende Songs. Zudem ein Vollblut-Crooner der jungenhaft freundlich charmanten Art. Und in all dem ganz offensichtlich einer, dem seine Arbeit ein ungeheures Vergnügen bereitet.

Jamie Cullum am 30. Mai 2019 auf der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park Leipzig

Lebensbejahende Melancholie

Sowas muss sich auch schon frühsten Prägungen verdanken. Zu denen ein weltläufiges Elternhaus – die Mutter stammt aus dem einstigen Burma, der Vater aus Israel – und die umfangreiche Jazzplattensammlung der beiden sicher dazu gehörte. Und so Pop-affin Jamie Cullum auch immer – manchmal mehr, manchmal weniger – sein mag, so latent pulsiert in seiner Musik der Jazz. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Ist auch zum Parkbühnen-Konzert so.

„Pointless Nostalgic“ heißt in schönster Ironie schon die erste Platte Cullums, die 2003 unmittelbar vorm ja dann (auch) ziemlich nostalgisch gefärbten Erfolgsalbum „Twentysomething“ erschien. Und es ist seit damals schon der spezielle Cullum-Twist, zwar immer wieder nostalgisch, darin aber nie sinn- und schon gar nicht witzlos (pointless) zu sein. Soll heißen: Wie alle guten Jazzmusiker begreift auch Cullum, dass die Rückbesinnung auf die Tradition Inspiration und keine Pflegstufe fürs Museale ist.

Weshalb der Mann dann mit seiner fünfköpfigen erstklassigen Begleitband, plus zwei formidablen und auch deshalb angemessen im Vordergrund platzierten Backgroundsängerinnen, in aller Selbstverständlichkeit zwischen alten Standards („Just a Gigolo“, „I Get a Kick Out of You“), weniger alten Eigenkompositionen (unter anderem die betörende Liebesschmerzballade „Standing Still“ vom 2012er-Album „Changes“) und viel Nagelneuem vom „Taller“-Album hin und her switcht. Gerade Letzterem nun verdanken sich dann auch ein paar der großen Höhepunkte des Abends.

Perfektes Entertainment

Geht im Grunde schon beim groovenden, soulig funkelnden „Taller“-Titelstück los, mit dem Cullem den Konzertreigen eröffnet. Wirkungsvoll auch „Drink“, ein in Bar-Piano-Akkorden schwebender, Whiskey-rauchiger Song für, so Cullum, traurige Männer an traurigen Montagen. Zu welchem (was im sächsischen Kontext ja nicht ganz ohne Witz ist) späterhin „The Age of Anxiety“ wiederum ganz gut passt. Ein still dräuendes Stück, ein Blick auf die Gegenwart und die Welt; sicherlich inspiriert von W. H. Audens großem gleichnamigen, 1947 erschienenen Poem.

Dass nun just ein Gute-Laune-Entertainer wie Cullum das „Zeitalter der Angst“ besingt, kommt weder von ungefähr, noch wirkt es aufgesetzt. Ein Großteil des Jazz-Repertoires stammt schließlich aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und des Kalten Krieges sowieso. Und das dann gerade der ebenfalls vom neuen „Taller“-Album stammende Song „Mankind“ eben keine Menschheits-Stadionhymne in Pop-Pathos ist, sondern sehr balladesk jazzig und „unplugged“ im intimen Kreis nah am Bühnenrand intoniert wird, gehört dann wieder zu diesem Cullum-Twist: Nostalgisch mag es ja anmuten, melancholisch sowieso – sinnlos aber ist das ganz und gar nicht.

Und immer perfektes Entertainment. Bis hin zur Zugabe, die Cullum allein am Flügel bestreitet. Mit „Save Your Soul“, weil das dann in aller Getragenheit dann doch so ein schönes Mitsing-Oh-Oh-Oh-Ohooo-Oh-Oh als Emotionsschaumbad für alle bereithält. Das Publikum taucht tief ein. Bis Cullum unmittelbar danach sein wie im Flug vergehendes, gut 100-minütiges Konzert mit einem wunderbaren Standard ausklingen lässt: Mit „Cuando vuelva a tu lado“ der großen Maria Grever (1885–1951) nämlich. Berühmt geworden als „What a Difference a Day Makes“ in der Fassung der nicht minder großen Dinah Washington (1924–1963). Was für ein schöner Song. Nostalgisch? Mag sein. Sinnstiftend lebensbejahend in jedem Fall.

Von Steffen Georgi

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