Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Stehende Ovationen für eine grellbunte „Verkaufte Braut“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Stehende Ovationen für eine grellbunte „Verkaufte Braut“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:41 16.06.2019
Heiratsvermittler Kezal (Sebastian Pilgrim) versucht der feschen Marie seinen Kandidaten Wenzel (Sven Hjörleifsson, auf dem Foto) schmackhaft zu machen. Quelle: Volkmar Heinz
Leipzig

Sie ist ein Wunder, diese Ouvertüre. Sprudelnd und schäumend vor Energie spult Christoph Gedschold sie mit dem fabelhaften Gewandhausorchester ab, nicht gehetzt, sondern präzise, nicht bürokratisch, sondern sinnlich. Und diese Musizierhaltung trägt über die folgenden knapp drei Bruttostunden.

Gedschold zurrt „Die verkaufte Braut“ bei der gut besuchten, aber keineswegs ausverkauften Premiere am Samstagabend in der Oper Leipzig am Rhythmus fest, an all den tatsächlichen und behaupteten Volkstänzen, mit denen Smetana seine komische Oper gliederte und zusammenhielt, und behält dabei dennoch dabei auch die melodische Delikatesse im Auge, die der Komponist in jede Schicht seines Werks wob.

Ergebnis ist ein auf weiten Strecken makelloser, ungewohnt heller, silbriger, federnder, feingliedriger Orchesterklang, forsch vorantreibend in den Chorszenen und Ensembles, zart die Seele massierend auf den lyrischen Inseln.

Die grellbunten Fantasie-Trachten Sarah Mittenbühlers entwickeln eine erstaunliche szenische Wucht.

Wunderbares Rollendebüt

Für die steht vor allem Marie, die sich für 300 Gulden verschachert fühlt von ihrem Liebsten Hans. Magdalena Hinterdobler singt sie als Rollendebüt – und sie singt sie wunderbar, lässt mit ihrer Partie die böhmische National-Buffa gekonnt mit dem Belcanto kokettieren: Ob sie Hans’ „ehrliches Gesicht“ besingt, oder den vermeintlichen Verrat betörend schön beweint, ob sie zürnt oder schwärmt, trotzt, lacht oder weint – ihr Sopran findet die richtige Farbe, den richtigen Ton, die richtige Schattierung und bleibt dabei bemerkenswert natürlich.

Patrick Vogel steht ihr als Hans fast auf Augenhöhe zur Seite. Er kommt souverän durch die anspruchsvolle Partie, mit sicherer Höhe und vorbildlicher Artikulation. Allerdings fehlt seinem Tenor ein wenig die Wärme, vor allem im direkten Vergleich mit den üppigen Rotgold-Tönen Hinterdoblers.

Aus dem Ensemble besetzt

Die letzte Neuproduktion der Saison ist beinahe vollständig aus dem Haus besetzt. Das zeigt, wie erfolgreich Operndirektorin Franziska Severin in den letzten Jahren bei der Ensemblepflege war.

Denn das solistische Niveau ist durchweg hoch: Sebastian Pilgrim hat zwar bisweilen recht eigene Vorstellungen vom Text, brilliert aber als Heiratsvermittler Kezal mit seinem sonoren Buffo-Bass, seinem selbstgefälligen Parlando und den urkomisch gespreizten Manierismen.

Mehr als die Summe der Teile

Sven Hjörleifsson stattet den stotternden Wenzel gleichermaßen mit Witz und Würde aus, Franz Xaver Schlecht und Sandra Maxheimer lassen als Kruschina und Kathinka nichts anbrennen, und selbst für die Zirkustruppe des Schlussaktes sind nicht nur waschechte Artisten verpflichtet, sondern auch fabelhafte Sänger rund um den grandios halbseidenen Direktor Martin Petzold.

Sie alle sorgen dafür, dass aus dieser veritablen Ensemble-Oper am Ende auch sängerisch weit mehr wird als die Summe der Teile. Der von Alexander Stessin einstudierte kraftvoll auftrumpfende Chor zeigt allerdings hin und wieder Timing-Probleme.

Grellbunte Fantasie-Trachten

Das mag daran liegen, dass die Sängerinnen und Sänger abgelenkt werden von den Kostümen die Sarah Mittenbühler ihnen auf die Leiber schneidern, und den Haarteilen, die sie auf ihren Köpfen festtackern ließ.

Tatsächlich entwickelt die grellbunte, ausladende, alberne, angeberische und vollständig überzogene, aber bis ins letzte Detail liebevoll ausgearbeiteten Fantasie-Trachten dieser Festtagsgesellschaft eine unwiderstehliche Wucht auf der Bühne. Und auf die verlässt sich auch Christian von Götz in seiner Inszenierung.

Knutsch-Selfies mit der Plattenkamera

Er nutzt sie zur Personalisierung von Maries Vater Kruschina und lässt Franz Xaver Schlecht seitlich tief gebeugt unter der Last seiner interessanten Frisur ächzen.

Dazu streut er einige Gags ein, lässt Kezal mit Konfetti werfen und Hans den Hamlet üben, Wenzel Knutsch-Selfies mit der Plattenkamera schießen und den Chor Sackhüpfen. Er nutzt bisweilen auch gekonnt die Drehbühne von Dieter Richters prachtvoller Festsaal-Szene.

Gestapelte Ensembles

Aber ein großer Wurf ist diese Regiearbeit nicht. Vor allem, weil von Götz zu viele der famosen Ensembles dadurch entschärft, dass er sie stapelt. So werden maßgebliche Teile der Handlung auf der Wendeltreppe verhandelt, die, umgeben von Foto-Trophäen erfolgreicher Heiratsvermittlerei, zu Kezals Kammer führt.

Das sieht auf den ersten Blick gut aus, nutzt sich aber auf den zweiten schon ab – und raubt den Figuren die Blick-Beziehung zueinander. So bleibt von dieser Komischen Oper auf weiten Strecken nur der Schwank, der nur eine Richtung kennt: die zum Publikum.

Sei’s drum: Das freut sich übers rückhaltlose Amüsiertheater, und „Die verkaufte Braut“ hält es aus. Folgerichtig fällt der Jubel ausführlich aus und ungeteilt, viele tragen ihn im Stehen vor und schließen alle Beteiligten mit ein. Hinterdobler und Pilgrim sowie Gedschold und das Gewandhausorchester noch ein bisschen mehr.

Aufführungen am 23. und 30. Juni, 25. August und 1. September, Oper Leipzig am Augustusplatz, Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, unter 0341 1261261 und an der Opernkasse

Von Peter Korfmacher

Der Marktplatz wird zum Fenster des Bachfests zur Stadt und lockt tausende Hörer. Jazziges und etwas Weihnachtliches spielt sich auf der Marktbühne ab, ein Künstler hat sogar Heimspiel am Klavier.

16.06.2019

Der belgische Performer Diederik Peeters hat in zwei Jahren einen Zyklus zum Reich des Geisterhaften erarbeitet. Zum Abschluss ist nun in der Leipziger Schauspiel-Residenz „Erscheinungen“ zu sehen. Die Premiere am Freitag offenbarte und befriedigte unser Bedürfnis nach Magie.

16.06.2019

In den 70er Jahren waren Krzysztof Zanussis Filme regelmäßig in den DDR-Kinos zu sehen. Doch die Sicht auf den polnischen Meisterregisseur änderte sich 1981 mit „In einem fernen Land“ über Johannes Paul II. Am 17. Juni wird Zanussi 80.

15.06.2019