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Kultur Regional Stille Leidenschaft – zum Tod von Bruno Ganz
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16:32 17.02.2019
Ein Weltstar: der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist am Samstag im Alter von 77 Jahren in Zürich gestorben. Quelle: Techt/APA/dpa
Leipzig

Er hatte ein Lächeln, das von innen kam. Warm, wissend, weise. Es wurde ihm nicht geschenkt. Es kam mit den Jahren. Auf dem Theater. Im Film. Es kam wohl auch aus jenen dunklen Zeiten, in denen er Alkoholiker war. Wer so eine Sucht wirklich hinter sich lassen kann, der hat ein neues Leben gewonnen. Bruno Ganz schaffte es. Ein großer Schauspieler war er immer. Davor, damit und danach.

Nichts anderes wollte Bruno Ganz sein. Es gab kein anderes Ziel neben dem einen: Schauspieler. Mit 19 gab es den ersten Auftritt im Film, mit 21 den ersten Gang auf eine Bühne. Das eine wie das andere mini. Was zum Sohn einer Italienerin und eines Schweizer Arbeiters passte.

Sichtbar, hörbar, spürbar

Auch wenn er der Star war, wenn er die Szene beherrschte, wirkte er immer, anders als andere in gleicher Lage, bescheiden, nahm sich zurück, spielte wie unter Watte – und wirkte umso intensiver. Einer, in dem Magie steckte. Rätselhaft, aber sichtbar, hörbar, spürbar. Die Temperamente der zwei elterlichen Nationalitäten erzeugten eine seltsame, ganz eigene Temperatur. Darin lag sein Geheimnis.

Schlicht gesagt: Bruno Ganz strahlte aus, auch wenn er nichts tat. Wo er stand, sprach, ging, musste man hinsehen. So etwas bekommen nur ganz wenige hin. Peter Zadek hat Bruno Ganz als Erster wirklich entdeckt. Dann übernahm Peter Stein. Der radikal gegen den klassischen Strich inszenierte „Torquato Tasso“ machte mit Bruno Ganz Furore. Steins „Sommergäste“ hingegen waren (auch im Kino) ein opulentes Schaustück – mit Bruno Ganz als Shalimov.

Der Faust im Goethe-Marathon

Er war „Hamlet“ und Oskar („Geschichten aus dem Wiener Wald“), Kleists Prinz von Homburg und Alceste in Molières „Der Misanthrop“, Shakespeares Coriolanus, „Ödipus auf Kolonos“ (erster Auftritt im Burgtheater 2003) und der „Faust“ in Steins 20-stündigem Goethe-Marathon. Als Josef Meinrad 1996 den Iffland-Ring weitergab, der dem Würdigsten unter den Schauspielern zustehen soll, bekam ihn Bruno Ganz.

Da stand er auf dem Gipfel. Mit Mitte 50. Da war er nicht nur einer, der im Theater gefeiert wurde. Da war er auch bereits seit Jahren im Kino gefragt. Der Franzose Eric Rohmer holte ihn als sündigenden Grafen in „Die Marquise von O.“, Wim Wenders als kranken Rahmenmacher, der Auftragsmorde begehen soll, für „Der amerikanische Freund“.

Bildikone des deutschen Kinos

Bei Reinhard Hauff ist er in „Messer im Kopf“ ein Unschuldigen ohne Gedächtnis, der zum Terroristen erklärt wird, bei Werner Herzog jener Jonathan Harker, der in „Nosferatu“ Dracula ahnungslos nach Wismar holt, bei Volker Schlöndorff in „Die Fälschung“ ein Journalist, der durch den libanesischen Bürgerkrieg irrt. Alain Tanner lässt ihn als Aussteiger in Lissabon nach innerer Ruhe suchen („In der weißen Stadt“) und Claude Goretta schickt ihn unter Pariser Modemacher („Die Verweigerung“).

Bruno Ganz (l.) und Otto Sander in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ . Quelle: StudioCanal GmbH/dpa

Wirklich zum Star des deutschen Kinos wurde Bruno Ganz allerdings erst, als ihn Wim Wenders 1987 als Engel Damiel in den „Himmel über Berlin“ fliegen ließ – und mit der Liebe zur Trapezartistin erdenschwer Mensch werden. Sein Porträt, als er mit fragend-neugierigem Blick und maliziösem Lächeln auf der Siegessäule steht, gehört zu den Bildikonen des deutschen Kinos.

1998 ging Bruno Ganz in „Die Ewigkeit und ihr Preis“ von Theo Angelopoulos als todkranker Poet durchs griechische Exil und rettete einen albanischen Jungen. Seit diesem Cannes-Gewinner war er immer wieder der Melancholische, der Feinsinnige, der Nachdenkliche, umgeben von einem Hauch von Poesie. Der späte Bruno Ganz im Kino, das war ein ganz eigener Typus, der zerquält wirkte und mit stiller Leidenschaft lebte. Ein Wesen zwischen Lyrik und Leiden.

Ironische Bravour

Auch in „Brot und Tulpen“, in dem er als isländischer Kellner in Venedig in einer italienischen Hausfrau ungekannte Gefühle weckt. Er spielte den BKA-Chef Herold („Baader-Meinhof-Komplex“), den Schweizer Präsidenten, der in eine Intrige gerät („Der große Kater“), den Alm-Öhi in „Heidi“, einen Esoteriker in der britischen Komödie „The Party“ und mit all seiner ironischen Bravour den zänkischen Jubilar und SED-Altgenossen Powileit in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Ein kleines darstellerisches Meisterstück absolvierte er in tiefem norwegischen Schnee: als Serben-Pate mit hartem Zungenschlag in „Einer nach dem anderen“. Allerdings hatte Bruno Ganz seinen größten Film-Erfolg bereits ein paar Jahre zuvor: Er war Hitler in „Der Untergang“. Einen besseren wird es im Kino wohl nicht mehr geben.

Bruno Ganz als Adolf Hitler (vorne) mit Heino Ferch als Albert Speer im Film „Der Untergang“. Quelle: Constantin Film/dpa

Vielleicht besetzte ihn Lars von Trier wegen dieses unerhört intensiven Spiels zwischen Illusionen, Zittern und Paranoia auch für sein Serienkiller-Drama „The House that Jack built“. In seinem letzten Auftritt hingegen durfte Bruno Ganz wieder eine verstehende Seele von Mensch sein: als alter Sigmund Freud vor dem Exil in „Der Trafikant“. Über 100 Filme hat er in fast 60 Jahren gedreht, von vielen werden vermutlich nur seine Auftritte, auch die ganz kurzen, im Gedächtnis bleiben.

Im Sommer wollte Bruno Ganz in Salzburg spielen, musste aber wegen einer Krebserkrankung absagen. Nun ist Sonnabendmorgen einer der größten deutschsprachigen Schauspieler in seinem Haus auf der Halbinsel Au am linken Ufer des Zürichsees gestorben. Mit 77 Jahren.

Würdigungen

Schauspieler Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie: „Ich bin bestürzt und sehr traurig über den Tod meines großen, wenn nicht größten Kollegen. (...) Eine Bitte: Hören Sie Bruno Ganz liest Hölderlins „Diotima“ auf YouTube.“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Mit Bruno Ganz verlieren wir eine Ikone des deutschsprachigen Theaters und einen herausragenden Könner auch der internationalen Schauspielkunst. (...) Weltweit wird er verehrt: ob als Engel Damiel in ,Der Himmel über Berlin’ oder als trauriger Kellner Fernando in ,Brot und Tulpen’. (...) Wir werden Bruno Ganz sehr vermissen und hoffen, dass er als ,Damiel’ weiter mit uns ist.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „So manche Figur der Weltliteratur hat erst durch ihn Profil und Farbe erhalten. (...) Nicht, was gesagt, gezeigt oder gespielt wird, ist entscheidend, sondern wie es gesagt, gezeigt oder gespielt wird. Bruno Ganz besaß diesen magischen Schlüssel, der große Kunst erschließt.“

Der frühere Schweizer Bundespräsident Alain Berset: „Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch. Das macht sein Wirken und Werk so bedeutsam, weil es differenziert und dadurch verstörend wirkt. Er spielte die Rolle nicht, er lebte sie.“

Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit Blick auf den strahlenden Sonnenschein: „Ich habe das Gefühl, dass nichts im Weg sein soll, wenn er auf seinem Weg ist in den ,Himmel über Berlin’.“

An wen geht der Iffland-Ring?

Fast 23 Jahre ist es her, dass der am Samstag gestorbene Bruno Ganz den legendären Iffland-Ring als bester deutschsprachiger Schauspieler entgegennahm – gerührt und mit weichen Knien, wie der damals 55-jährige im Mai 1996 während der Festmatinee im Wiener Burgtheater gestand.

Der drei Monate zuvor gestorbene österreichische Volksschauspieler Josef Meinrad hatte Ganz in seinem Vermächtnis als neuen Träger des Preises bestimmt. Der Iffland-Ring, ein diamantenbesetzter Eisenring mit einem Portrait Ifflands, soll auf den Berliner Schauspieler und Theaterdirektor August Wilhelm Iffland (1759–1814) zurückgehen. Den Ring erhält der „jeweils bedeutendste und würdigste Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters“ auf Lebenszeit.

Wer ihn bekommt, muss sich innerhalb von drei Monaten für einen Nachfolger entscheiden und den Namen in einem versiegelten Kuvert im österreichischen Kunstministerium deponieren.

Ganz soll seinen fast gleichaltrigen Bühnenkollegen Gert Voss als Nachfolger bestimmt haben, doch Voss starb 2014 – es wird also ein anderer in die Reihe der Iffland-Ringträger gestellt.

Von Norbert Wehrstedt

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