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Kultur Regional TV-Meisterstück „Chernobyl“ jetzt auf DVD
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15:32 02.09.2019
Szene aus der Sky/HBO-Serie „Chernobyl“: Am 26. April 1986 steht der Reaktorblock 4 des ukrainischen Kernkraftwerks nach einer Explosion in Flammen. Quelle: Polyband/Sky
Leipzig

Wird eine Lüge hartnäckig genug wiederholt, ist sie am Ende Wahrheit. Die Sowjetunion hatte sich mit einer eingerichtet, Russland und die Ukraine blieben dabei: Die verheerenden Explosion im Reaktor 4 des Kernkraftwerks Chernobyl kurz nach Anbruch des 26. April 1986 kostete nur 31 Menschen das Leben.

„Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr“, diktiert der Atomwissenschaftler Waleri Legassow heimlich und desillusioniert auf sein Tonband. Er war, als Chef des Kurtschatow-Instituts, der Leiter der Untersuchungs-Kommission für die Ursachen der Nuklearkatastrophe – und erkannte ein paar Wahrheiten, die noch Gorbatschow als Staatsgeheimnis behandelte: Die Leiter jenes verhängnisvollen Abschalttests ignorierten selbstherrlich und ordensversessen alle Warnungen, der Mannschaft im Kontrollraum fehlte die Ausbildung, der Reaktor RMBK-1000 besaß – aus Kostengründen – einen Konstruktionsfehler.

Emotionales Erzählen

Wie macht man aus all den durchaus bekannten Fakten mehr als nur ein Dokumentarspiel? Antwort: durch emotionales Erzählen, durch Bilder, die sich einbrennen, durch Szenen, die das innere Wesen dieser sowjetischen, mehr stalinistisch als sozialistisch schillernden Ordnung spiegeln. Da ist Glasnost ganz weit weg und die allwissende Partei allemal allmächtig.

Chernobyl“, die Sky/HBO-TV-Serie, ist ein Ereignis. Nie zuvor wurde so intensiv, so detailgenau, so dramatisch, so klug konstruiert, so beklemmend, so atemberaubend über das flammende Inferno der Aprilnacht 1986 und seine Folgen erzählt. Im Zentrum: Waleri Legassow, der Wissenschaftler, und Boris Scherbina, Minister für Erdöl und Energie. Der Wissende und der Apparatschik. Der Warner und der Mann der Partei, der erst einmal alles gutreden und Erfolge an den Generalsekretär weitergeben will – bis er allmählich begreift, was da wirklich passiert ist.

Immer wieder: die Testnacht

Immer wieder zwischen die verzweifelten Bemühungen dieses Duos um eine Eindämmung der akut drohenden Atomverseuchung geschnitten: die Testnacht. Die unheimliche Arroganz und die Drohungen des Chefingenieurs Djatlow, die Warnungen des Kontrollraumleiters Akimow, das Erschrecken der Besatzung, als die Kernspaltung außer Kontrolle gerät, die Ahnungslosigkeit der Feuerwehrleute und der Bewohner von Prypjat, die faszinierend den Flammen von einer nahen Brücke zusehen.

Fast alle bezahlen ihren Leichtsinn mit dem Leben, während eine Atomwissenschaftlerin in Minsk den fröhlich trinkenden Parteichef von Weißrussland warnt. Der gelernte Schuhmacher will davon allerdings gar nichts hören.

80er Jahre Ost

Chernobyl“ ist ein fiebriger Wettlauf gegen die Zeit, getrieben von einer sphärischen Musik aus Geräuschen und Klängen wie aus einer Zwischenwelt. Da sind Dialoge wirklich auf den Punkt gebracht. Da stimmt einfach alles, atmet die Ausstattung 80er Jahre Ost: die Anzüge und Kleider, die Frisuren und Straßenbilder, die Häuser und Wohnungseinrichtungen, die ideologischen Reden und das Kettenrauchen.

Drei Freiwillige gehen auf eine selbstmörderische Tour in die Reaktor-Eingeweide, um Wasser abzulassen.Über 400 Bergarbeiter werden aus Tula geholt, um per Hand Gang und Hohlraum unter den zerstörten Atomkoloss zu graben. Die Partei fliegt zum Beräumen des Reaktordachs einen deutschen Roboter ein, der gleich ausfällt: Es wurde bei der Strahlendosis, die er aushalten muss, gelogen.

Zutiefst verstörend

Lügen muss auch, auf Druck des KGB, Legassow vor der Wiener Atomenergiebehörde. Als er dann im Prozess gegen KKW-Direktor und zwei Chefingenieure die Wahrheit sagt, ist er erledigt. Am 27. April 1988, kaltgestellt, überwacht und krank, erhängt er sich. Auch Scherbina stirbt 1990 an den Chernobyl-Folgen.

Johan Renck (Regie) und Craig Mazin (Drehbuch) ist mit „Chernobyl“ etwas Außerordentliches gelungen: Ein realistisches Drama über Menschen, die selbstlos gegen einen unsichtbaren Tod kämpften. Das ist weder heroisch noch pathetisch, sondern einfach nur zutiefst verstörend. Wozu nicht nur Stellan Skarsgard, Jared Harris und Emily Watson beitragen. „Chernobyl“ ist vielmehr in jeder Rolle typgenau besetzt. Ein TV-Meisterstück.

Chernobyl. Sky/HBO 2019; Bildformat: 2,00:1, Farbe. 312 Minuten (fünf Folgen, zwei DVD), Polyband, Deutsch und Englisch, ab 15,99 Euro

Von Norbert Wehrstedt

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