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Kultur Regional TdJW-Intendant verabschiedet sich 2020 mit Theater am Karl-Heine-Kanal
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15:53 09.07.2019
Erste Erkundungsfahrt für das TdJW-Sommertheater 2020.
Erste Erkundungsfahrt für das TdJW-Sommertheater 2020. Quelle: Dimo Rieß
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Leipzig

Die Hitze der vergangenen Tage ist wie weggeblasen. Der Wind raschelt in den Trauerweiden und lässt das Boot schaukeln. Die Kaffee-Sahne flockt in die Tasse, offenbar gezeichnet von vergangenen Wärme-Strapazen. TdJW-Pressereferentin Birgit Lindermayr sucht in einer geliehenen Strickjacke Schutz. Und Winnie Karnofka, noch Dramaturgin und künftig Intendantin am Theater der Jungen Welt, hat sogar in einem gelben Regenmantel Platz genommen, so dass man zu grübeln beginnt, ob man bei der Einladung vielleicht etwas falsch verstanden hat, der Durchstich zum Elster-Saale-Kanal heimlich erfolgt ist und die Fahrt bis ins Hamburger Regenwetter fortgesetzt wird. Aber dann geht der Fahrer vom Gas, das Boot liegt auf dem Karl-Heine-Kanal vor dem Stelzenhaus auf dem Wasser und Jürgen Zielinski sagt: „Hier geht es dann los!“

Man könnte auch sagen: Hier hört es dann auf. Zielinski, seit 2002 Intendant des Theaters der Jungen Welt, steht vor seiner letzten Saison. Im Juni 2020 verabschiedet er sich mit einem Sommertheater, das „Auf sieben Brücken“ heißt – und auf, unter und neben sieben Brücken über den Karl-Heine-Kanal spielen wird.

Dreimal bereits seit 2008 hat das Theater der Jungen Welt den Kanal als Aufführungsort genutzt, immer unter der künstlerischen Leitung von Zielinski, den es ans Wasser zieht. Die Flussläufe seien sein Lieblingsort in Leipzig, hat er einmal verraten. Und an den Flussläufen reihten sich dann 2008, 2011 und zuletzt vor vier Jahren die Freiluft-Inszenierungen als Stationentheater auf, erfahrbar für zahlende Passagiere mit dem Boot und ebenso begleitet am Ufer von Schaulustigen. Was durchaus erwünscht ist: Das TdJW versteht sich als Teil der Stadtgesellschaft, sucht den Austausch, den Diskurs mit den Menschen. Und manchmal gilt es eben, Überzeugungsarbeit zu leisten. Zielinski erzählt vergnügt von einer älteren Frau, die sich bei beim jüngsten Kanal-Theater vom Balkon herab über den Lärm aufregte. Zielinski fragte zurück, ob die Besoffenen am Kanal zu später Stunde nicht noch mehr Lärm machten. Rhetorische Frage mit Wirkung. „Ab da stand sie immer unten und hat zugeschaut.“

Zielinski kann so etwas, er kann überzeugen, Ideen verkaufen, Pläne durchsetzen, Brücken bauen, Leute ins Boot holen. Das mit den Brücken eher metaphorisch, das mit dem Boot auch ganz real. Im Boot, mit dem es ein knappes Jahr vor der Premiere auf erste Erkundungsfahrt für die Spielorte geht, sitzen neben dem TdJW-Team die ersten Kooperations-Partner. Nora Pester zum Beispiel, Chefin bei Hentrich & Hentrich, Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte, die den jüdischen Anteil in der Industriegeschichte des Leipziger Westens beleuchten wird. Der ehemalige Industrie-Standort und seine Transformation zu einem Ort der Kultur wird Thema von „Auf sieben Brücken“. Auch so ist die Metapher „Brücke“ gemeint, als Brücke über die Zeiten.

Im kommenden Jahr feiert die Stadt Leipzig das Jahr der Industriekultur und das Kanal-Theater fügt sich als offizieller Beitrag ins Programm. Karin Rolle-Bechler sitzt als Vertreterin des Kulturamts im Boot. Ihr gegenüber Angelika Freifrau von Fritsch, Leiterin des städtischen Amts für Umweltschutz. Das TdJW klärt lieber vor Ort die Fragen mit den Ämtern, etwa wo Schauspieler am Ufer agieren dürfen, ohne Vögel zu ärgern, oder wo das Publikum von Bord gehen kann zum Ende der Tour, ohne Böschungsbewuchs zu zertrampeln. Es geht nicht immer alles, was sich Theatermacher wünschen. Manchmal ist es auch nicht nötig. „Die Bäume müssen weg“, sagt Zielinski, längst im Boot stehend, und zeigt mit langem Arm auf das Ufer. Ob er das ernst meint, weiß niemand so recht in dem Moment, er selber vielleicht auch nicht. Zwei Sekunden später Entwarnung, er hat sich im Ort getäuscht. Die Bäume dürfen bleiben, die Schauspieler werden einige Meter weiter hinten Platz finden.

„Manches war schon hart umkämpft mit dem Umweltamt“, lacht Zielinski, als er von vergangenen TdJW-Theatern berichtet. „Wir haben noch nie miteinander gekämpft“, entgegnet von Fritsch.

Nein, gekämpft wird nicht, Lösungen werden gesucht, selbst ein Akt der Binnenschifffahrts-Piraterie läuft freundlich ab: Von einem entgegenkommenden Boot erbeutet Zielinskis Team doch noch Kaffee-Sahne, bevor es Terrain zu erkunden gilt, das bisher noch nicht vom TdJW bespielt wurde. Er sei die Strecke schon mal abgegangen, sagt Zielinski. Vermutlich meint er aber den Weg entlang des Kanals. Über das Wasser kann auch er nicht gehen – aber eben die richtigen Leute an Bord versammeln: Frank Ferchner vom Verein Wasserstadt zum Beispiel. Der Verein kooperierte bisher bei allen Wasser-Theatern des TdJW, stellte die Bote zur Verfügung und nebenbei historisches Hintergrundwissen. Ferchner plaudert über Industrie-Pionier Karl Heine, zaubert erst geschichtliche Fakten aus dem Hut und dann die Lösung am Kunstkraftwerk, wo die Theaterstrecke enden soll. Er habe da hinten noch ein Floß liegen, sagt er, als alle noch rätseln, wie hier in einem Jahr die Passagiere von Bord gehen sollen. Das Floß wird zum Ausstiegssteg. Nächstes Problem gelöst, die Stimmung bleibt entspannt.

Zielinski zeigt begeistert auf ein Baugerüst, das an der Saalfelder Straße über die Brücke hängt. „Das Ding ist gut. Kann jemand den Namen der Baufirma herausfinden?“Ideen schwirren durch die Luft. Der Raum unter eine Brücke könne man für eine Installation verdunkeln. Kooperationspartner werden genannt, die noch gar nicht wissen, dass sie in einem Jahr an einem Theaterprojekt mitwirken. Andere haben schon Erfahrung und sind gebucht. Einige „Best-offs der vergangenen Sommertheater“ will Zielinski in den neuen Kontext einbauen. Reinhart Reimann singt wieder im Ufergehölz. Die von Erwin Stache gegründete Gruppe Atonor mit ihrer elektronischen Experimental-Musik mischt erneut mit. Am Stelzenhaus hat sie zuletzt künstlerisch die Sounds der untergegangenen Industriekultur gespiegelt. „Irgendwann haben die Frösche geantwortet“, erinnert sich Zielinski. Eine Kooperationsvereinbarung mit den Fröschen für das kommende Jahr gibt es nicht. Was möglicherweise am meisten der Reiher bedauert, der am Ufer steht und glotzt, bis er mit wenigen Flügelschlägen zwischen den Bäumen verschwindet.

Von Dimo Rieß