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Kultur Regional Theaterbaustelle-Gründer: „Leipzig hat Talente ziehen lassen“
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05:27 22.10.2018
Ein Jugendtheaterstück über Prostitution: Szene aus der Stuttgarter Inszenierung „Girls Boys Love Cash". Quelle: Foto: Alexander Wunsch
Leipzig

Als Teil des Stuttgarter „Citizen.KANE.Kollektivs“ kehrt Regisseur Christian Müller jetzt für zwei Gastspiele am Theater der Jungen Welt (TdJW) nach Leipzig zurück. Vor Jahren hat er hier die Theaterbaustelle mitgegründet und die Reihe „Regieduell“ erfunden.

Wie nehmen Sie das Leipziger Theater von außen war?

Viele Theatermacher, die während ihrer Studentenzeit hier Off-Theater gemacht haben, sind wie ich nach dem Studium nicht in Leipzig geblieben. Die Stadt hatte offensichtlich kein Interesse daran, die hier ausgebildeten Künstler zu halten. Leipzig hat einige Talente ziehen lassen. Jetzt bin ich in Stuttgart, wurde aber immer wieder durch spannende Theaterprojekte nach Leipzig gelockt. Das hat in den letzten Jahren stark nachgelassen. Die Kulturszene wirkt irgendwie satt.

Mit der aktuellen Produktion kommen Sie jetzt ans TdJW. War das ein lang gehegter Wunsch oder eher Zufall?

Das Citizen.KANE.Kollektiv gibt es jetzt seit etwas mehr als drei Jahren. Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, um auch außerhalb Stuttgarts unsere Stücke zu spielen. Da wir gerne für Jugendliche Produktionen entwickeln, freuen wir uns sehr über das Gastspiel am TdJW. Das ist ja das größte und wichtigste Kinder- und Jugendtheater Leipzigs. Insofern ist das kein Zufall, sondern ein Wunschspielort.

In „Girls Boys Love Cash“ geht es um Prostitution. Kein leichter Stoff fürs Jugendtheater. Wie sind Sie da herangegangen?

Jugendtheater und Prostitution haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. In Stuttgart ist das kleine Rotlichtviertel nur 200 Meter vom Kinder- und Jugendtheater der Stadt entfernt. Während also abends die einen jungen Erwachsenen ins Theater gehen, stehen ein paar Ecken entfernt andere junge Menschen auf der Straße und bieten ihren Körper zum Verkauf an. Diese beiden Welten wissen so gut wie nichts übereinander. Wir haben einen Jugendclub auf die Beine gestellt, der aus der jugendlichen Perspektive heraus recherchiert hat – vor Ort im Gespräch mit weiblichen und männlichen Prostituierten, mit Vertretern von Sozialverbänden und mit Bordellbesitzern. Die Ergebnisse sind die Grundlage unserer theatralen Performance.

„Das Stück ist nie ganz fertig“

Nun ist das Thema ja auch nicht ganz neu, man denke etwa an Christiane F. Was macht die Aktualität Ihres Zugriffs aus?

Im Laufe der Recherche haben wir erkannt, dass die meisten weiblichen Prostituierten im Moment aus Rumänien kommen. Wir haben uns gefragt, warum das so ist. Wir sind mit den Jugendlichen des Spielclubs nach Bukarest geflogen und haben uns vor Ort die Situation angesehen und Interviews geführt. Die Perspektive der Jugendlichen hat uns dabei sehr geholfen. Es ergab sich ein unverstellter und weniger moralischer Blick auf das Themenfeld. Die Geschichten, Erkenntnisse, aber auch unbeantwortete Fragen aus der Recherche haben wir dann auf die Bühne gebracht. Mit einem fiktional-performativen Einstieg zu den Themen Körper und Konsum und einem zweiten Teil, der Dokumentartheater mit theatralen Bildern verbindet.

In Stuttgart und anderswo ist das Stück ja bereits gezeigt worden. Wie waren die Reaktionen von Jugendlichen und Erwachsenen?

Bisher waren die Reaktionen von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen beeindruckend. Auch die Einladung zum Festival „Augenblick mal!“ nach Berlin zeigt, dass es ankommt. Nach jeder Vorstellung bleiben alle Darsteller auf der Bühne. Es gibt eine kleine Bar und wir sprechen mit unserem Publikum über die Fragen, die das Stück aufgeworfen hat und über eigene Erlebnisse. Für uns ist das ein fester Bestandteil des Stücks. Die Gespräche und Diskussionen mit dem Publikum sind das eigentliche Ziel der Vorstellung. Das Stück ist also nie ganz fertig oder zu Ende. 

„Girls Boys Love Cash“, Aufführungen Dienstag, 19.30 Uhr, und Mittwoch, 11 Uhr, Theater der Jungen Welt, Lindenauer Markt 21, Karten für 12/6 Euro gibt es telefonisch unter 0341 4866016 oder im Internet unter www.tdjw.de

Von Torben Ibs

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