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Kultur Regional Thomas Adès dirigiert die europäische Erstaufführung seines Klavierkonzertes
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20:10 26.04.2019
Dirigierender Komponist: Thomas Adès im Gewandhaus. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Von wegen Kassengift. Bestens gefüllt sind die Sitzreihen im Großen Saal, mit etlichen jungen Gesichtern darunter. Und das nicht trotz, sondern wohl eher wegen der vielen neuen Töne, die Thomas Adès im Großen Concert zum Klingen bringt.

Der englische Starkomponist, weltweit einer der gefragtesten bei den großen Konzert- und Opernhäusern, greift für die europäischen Erstaufführung seines Klavierkonzerts wieder selbst zum Stab. Dass dieses nur sechs Wochen nach der Premiere auf den Pulten des Gewandhausorchesters liegt, verdankt sich der musikalischen Atlantik-Brücke zwischen Boston und Leipzig, über die zuletzt regelmäßig Auftragswerke der Bostoner an den Augustusplatz weitergereicht wurden.

Das freut nicht nur den Komponisten. Auch Kirill Gerstein darf wieder Platz nehmen am Klavier. Er hat das Konzert aus der Taufe gehoben, ist dessen Widmungsträger und die Idealbesetzung sowieso, um die unverbrauchte Sinnlichkeit dieser in traditioneller Dreisätzigkeit organisierten Moderne zu erkunden. Das Erstaunliche: Seine fabelhafte, an spätromantischen Konzertschlachtrössern trainierte Klaviertechnik braucht er dafür kaum umzustellen. Ein Paukenschlag als Startschuss, und der Vollblut-Virtuose ist im „Allegramente“ (Ravel lässt grüßen) sofort in seinem Element, umgeben von Doppeloktav-Gedonner, Glissando-Exzessen und irrwitzigen Trillerketten. Derlei Schauwerte bleiben natürlich nie Selbstzweck, sondern sind eingebunden in kraftvoll gezogene Linien, weit gespannten Bögen eines gigantischen Orchester-Kaleidoskops.

Urwüchsiger Drive

Vor allem aber bringt Gerstein diesen aus dem Jazz geborgten, urwüchsigen Drive mit in die Musik. Da kann ihm das Gewandhausorchester zunächst nur mit Sicherheitsabstand folgen. Weil Adès‘ forderndes, in seiner Vehemenz stellenweise überforderndes Dirigat nicht immer von Hilfe ist.

Nach dem in gewaltigen Pfundnoten daher schreitenden Trauerchoral des Mittelsatzes grassiert im dritten Satz wieder der ungezügelte Spieltrieb. Erst holpernde, dann rasende Tonleitern, die an Conlon Nancarrows Player-Piano-Studien denken lassen, durchziehen dieses Finale mit effektsicherem Ausgang. Das wird reichlich beklatscht. Auch im Gewandhaus bestätigt man dem erfolgsverwöhnten Adès, dass seine Neuschöpfung sicher nicht zum letzten Mal erklungen ist.

Ende mit grandiosem Sieg

Für die Leipziger Feuertaufe seines Klavierkonzertes durfte der 48-jährige Engländer auch über das Rahmenprogramm bestimmen – und suchte sich dazu Strawinskys „Symphony in Three Movements“ und Franz Liszts Sinfonische Dichtung „Hunnenschlacht“ aus. Erstere, ein aus den 40er Jahren stammender Sinfonie-Nachzügler des Recycling-Talents Strawinsky, packt das Gewandhausorchester munter an, verliert im „Andante – Interlude“ ein wenig den Faden, um ihn rechtzeitig zur schön-schrägen Fuge des „Con Moto“ wiederzufinden. Die „Hunnenschlacht“, mit ihrem Ehrfurcht gebietenden Choral in der Mitte, endet dagegen mit einem grandiosen Sieg.

Schnell vergessen ist dadurch auch der enttäuschende Beginn auf Repertoire-Kernland. Ausgerechnet bei Beethovens Gelegenheitsouvertüre „Zur Namensfeier“ zeigen sich die Gewandausmusiker um Konzertmeister Frank-Michael Erben noch nicht ganz trittsicher. Seltsam matt im Streicherklang und gehemmt in der Bewegungsfreude, lässt einen dieser eigentlich schmissige Sechsminüter etwas ratlos zurück.

Was nichts daran ändert – der Schlussapplaus beweist es – dass Thomas Adès als dirigierender Komponist gerne wiederkommen darf.

Von Werner Kopfmüller

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