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Kultur Regional Tomas Espedal macht eine merkwürdige Ankündigung: „Meine letzte Lesung“
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18:16 25.10.2019
War’s das? Der norwegische Autor Tomas Espedal (l.) mit seinem deutschen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel am Donnerstag im UT Connewitz in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ist das ein Scherz, eine Finte, ein kleines Verwirrschauspiel zum Abend? Oder stimmt es, was der norwegische Autor Tomas Espedal gerade bei seiner Lesung am Donnerstag im UT-Connewitz verkündet hat – nämlich dass dies seine letzte sei? Seine erste habe er in einem Rockclub im norwegischen Bergen gemacht; dieser alte Kinosaal in Leipzig erinnere ihn daran. Schließt sich also ein Kreis?

„Ich habe eine Scheißangst, dass es stimmt.“

Espedals kongenialer Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der an diesem Abend bis eben wie das junge Publikum so viel Freude am Gespräch mit dem körperlich in den Raum greifenden Schriftsteller hatte, fährt die Nachricht sichtlich ins Gemüt. „Ich habe eine Scheißangst, dass es stimmt.“ Schmidt-Henkel übersetzt Espedal seit Jahren, die beiden sind ein starkes Team auf Lesebühnen. Man mag einander.

War’s das nun? Zuzutrauen wäre es diesem so knorrigen wie leidenschaftlichen Typen, der sich wie sein Freund Karl Ove Knausgård im Grenzbereich zwischen Autobiografie und Fiktion bewegt und sich – um die Trennung von seiner Freundin zu verarbeiten – einen jahrelangen Zölibat verschrieben hat.

„,Das Jahr‘ und andere Bücher“ (Verlag Matthes & Seitz) waren für die Leipziger Lesung geplant. Es blieb bei Erstgenanntem, einem Langgedicht, das sich mit den Jahreszeiten, seinem Vater, dem Tod und der Liebe auseinandersetzt: „eine neue Jahreszeit ich will sie/ beschreiben jeden einzelnen Tag/ ein ganzes Jahr lang/ doch wo und wann beginnt das Jahr/ in der Küche oder im Wohnzimmer/ im September oder November?“

Auf den Spuren Petrarcas

Espedal entscheidet sich für den 6. April, jenen Tag im Jahr 1327, an dem Dichterkollege Francesco Petrarca seine berühmte Laura zum ersten Mal sieht: „ab diesem Tage/ liebte er keine andere mehr/ als sie.“ 34 Jahre wurde Laura nur alt. Auch nach ihrem Tod richtete er seine Gesänge an sie. Petrarcas „Canzoniere“ enthält 366 Gedichte. Eins für jeden Tag des Jahres.

Espedal nimmt das Konzept auf und fliegt „von dieser Scheißstadt Bergen“ nach Nizza und fährt von da mit dem Zug nach Avignon. Auf den Spuren Petrarcas versucht er, den Schmerz einer Trennung aus sich herauszuleiden, er schwitzt, fiebert in der „Laurasonne“. Er wird nur noch eine längere Passage lesen an diesem Abend. Es gibt einfach zu viel zu besprechen.

Aus Revolution wird langweilige Mode

Wie ist das jetzt mit dem „Zölibat“, der ihm Befreiung und einen Kreativschub schenkte? Vorbei. Sarah heiße sie, sagt der 57-Jährige. Wie war das damals auf der Schreibakademie in Bergen, als er, Knausgård und andere beschlossen, die Wahrheit zu schreiben, das Ich zum Thema zu machen, über das eigene Leben zu berichten – mit Klarnamen? „Die Realität schlug zurück, im Form von Anzeigen, Morddrohungen, Prügelszenen auf offener Straße.“ Die Literatur sei eine Schlaftablettenindustrie gewesen, „die Leute lasen, um einschlafen zu können“. Inzwischen sei aus der Revolution eine langweilige Mode geworden.

„Einen schlechten Satz schreibt man nicht fünf Mal ab.“

Espedal spricht mit Händen und Füßen wie einer, der aus dem Stegreif ein Regal zimmern könnte; Lachen schüttelt ihn, er klopft auf den Boden, formt Gedanken mit Händen nach. Ein Naturereignis. In den letzten 20 Jahren habe er 10 Bücher in den unterschiedlichsten Genres – von Brief über Reisebericht bis Essay – geschrieben. „Aber eigentlich ist es ein Roman.“ Er schreibe seine Texte mit der Hand, immer und immer wieder, manchmal auch im Dunkeln, rauche dazu, trinke. „Einen schlechten Satz schreibt man nicht fünf Mal ab.“ So würden die Bücher schmaler. Die Typografie sei ihm wichtig, der Satz, der Umschlag.

Am Ende sagt er: „Das war für mich aus vielen Gründen ein sehr starkes Erlebnis. Tausend Dank.“ Langer herzlicher Applaus, viele Fragen beantwortet, eine offen.

So geht der Literarische Herbst zu Ende

Der Literarische Herbst endet am Sonntag.

Am Freitag steht auf dem Programm:

„Das Jahr 1990 freilegen“: Gespräch mit den Leipziger Fotografen Christiane Eisler, Gerhard Gäbler, Martin Jehnichen und Harald Kirschner, Moderation: Paul Kaiser und Jan Wenzel, 18.30 Uhr, Museum der bildenden Künste; Eintritt frei

David Wagner liest „Der vergessliche Riese“, 19 Uhr, Literaturhaus Leipzig; Eintritt frei

Lyrikhotel: mit Martina Hefter und John Sauter, 20 Uhr, Hostel Blauer Stern

Heimatkunde: mit Jan Brandt „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ und Lola Randl „Der große Garten“, 20 Uhr, Kaiserbad

Release der PS #5: Das Gelingende, Lesung und feministische ­Soliparty mit ­Kuchen, Sekt und Schubiduuh, 20 Uhr, Deutsches Literaturinstitut, Eintritt frei

Sonnabend

Ab 16 Uhr: Essay Listening: Ein interdisziplinäres Campus-Programm zur Kunst des Essays, Galerie für Zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Straße 9–11), mit: „Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU“ (Spector Books): Comicautorin Paula Bulling und Verlegerin Anne König haben einen Comic gemacht, der Fakten und Imagination verschränkt (16 Uhr); Essayhören: Materialgespräch mit Michael Lissek und Pascal Richmann (17.30 Uhr); Morgan Jerkins „This Will Be My Undoing“ (19.30 Uhr), Nudes, Kollaboration von Choreograf und Tänzer Francisco Baños Diaz, Videokünstlerin und DJ/Produzentin Katharina Merten aka Dorothy Parker und Tänzer Luke Francis. (21 Uhr); Konzert des Jazz-Avantgarde-Trios Glotze (22 Uhr, Eintritt frei)

Komm! ins Offene, Freund!: Rüdiger Safranski über „Hölderlin“, 19 Uhr, Deutsche Nationalbibliothek (deutscher Platz 1)

Lyrikhotel: mit Anja Kampmann (Leipzig) & Daniela Danz (Kranichfeld), Thomas Kunst & Ulrich Koch: 20 Uhr, Alte Post Lindenau (Endersstraße 26 a)

Sonntag

Edit Essaypreis – öffentliche Jurysitzung und Preisverleihung: 11 Uhr, Galerie für Zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Straße 9–11), Eintritt frei

„Eins, Zwei, Drei, Tier!“ – Ein Zoofest für Kleine & Große: mit Rotraut Susanne Berner, Johanna Benz, Nadia Budde, Leonard Erlbruch, Ole Könnecke, 16 Uhr, Gondwanaland

Karten gibt es an den Veranstaltungsorten; alle Veranstaltungen: literarischer-herbst.com

Von Jürgen Kleindienst

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