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Kultur Regional Ton Koopman vom Stiftungsrat einstimmig zum Präsidenten berufen
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19:06 13.05.2019
Ton Koopman – neuer Präsident des Leipziger Bach-Archivs Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Ich freue mich, Ihnen miteilen zu können“, ruft Oberbürgermeister Burkhard Jung recht feierlich ins Foyer des Leipziger Bach-Museums hinein, „dass der Stiftungsrat“, dessen Vorsitzender er ist, „heute einstimmig entschieden hat, Ton Koopman zum neuen Präsidenten des Bach-Archivs zu berufen. Er hat die Berufung angenommen.“ Damit ist der Niederländer, Jahrgang 1944 und einer der Pioniere aus der zweiten Generation der historischen Aufführungspraxis, für die nächsten fünf Jahre <Nachfolger John Eliot Gardiners, der das Amt von 2014 bis 2018 bekleidete.

„Der Bach ist auch da“

Mit getaner Verkündigung ist es mit der offiziösen Feierlichkeit vorbei. Der Oberbürgermeister wechselt in den familiären Modus. Er kann kaum anders. Denn wie Koopman da weise, bescheiden, auch sichtbar stolz in sich hineinlächelt. Wie er davon erzählt, wie er bereits Mitte der 70er in Leipzig war, um auf Einladung des heutigen Thomasorganisten Ullrich Böhme ein Orgelkonzert zu spielen, und ohne Visum in die DDR einreiste. Wie er bereits als studentischer Bach-Tourist die Thomaner bei einer Vesper hörte. Wie er in den Jahrzehnten danach als Dirigent, Organist, Cembalist, als einer der gefragtesten Interpreten Alter Musik immer wieder die Forscher des Bach-Archivs um Rat fragte. Wie er hier Freundschaften schloss, die noch immer tragen. Wie er als Musiker in der Thomaskirche immer das gleichermaßen erhabene wie verstörende Gefühl gehabt habe: „Der Bach ist auch da“. Wie er schließlich 2006 die Bach-Medaille der Stadt Leipzig entgegennahm, jene Auszeichnung, die drei Jahre zuvor sein Lehrer Gustav Leonhardt als erster erhielt. Das klingt alles so vertraut, so warm, so schwärmerisch, dass hüftsteife Verlautbarungen sich von selbst verbieten.

In freundschaftlicher Atmosphäre

„Ich bin sehr stolz“, sagt der neue Präsident, „dass mir diese Chance gegeben wird. Das ist eine große Ehre für mich, aber auch eine große Verantwortung.“ Er habe das Bach-Archiv und seine Mitarbeiter über die Jahrzehnte immer besser kennengelernt als einen Ort, an dem „in freundschaftlicher Atmosphäre alles getan wird, Bach noch größer zu machen – wenn das überhaupt möglich ist. Dazu möchte ich, wie man bei uns in den Niederlanden sagt, mein Steinchen beitragen. Mit großer Freude und unter dem Motto: Alles für Bach, nichts ohne ihn.“

Zwischen Forschung und Praxis

Wie dieses Steinchen genau aussehen wird, das ist einstweilen schwer zu sagen. Denn das Amt des Präsidenten ist ein vor allem repräsentatives. Ton Koopman soll in den nächsten fünf Jahren das Gesicht des Bach-Archivs sein und des Bachfestes sowie der Bach-Wettbewerbe, die es ausrichtet. Er soll Türen öffnen, Kontakte knüpfen, Widerstände ausräumen. Und für Peter Wollny, den Direktor der Einrichtung, ist klar, dass es keinen besseren Nachfolger John Eliot Gardiners geben könnte. Auch weil Koopman wie kaum ein anderer für die enge Beziehung zwischen Musikforschung und musikalischer Praxis steht, die das Bach-Archiv und sein Bachfest einzigartig macht.

Durchaus Bleibendes

Mit Gardiner habe er, sagt Wollny, kurz zuvor noch telefoniert. Er lasse liebe Grüße ausrichten. Dennoch ist es ein wenig befremdlich, dass der letzte Präsident des Bach-Archivs nach dem Bachfest des letzten Jahres nicht offiziell verabschiedet wurde, sondern sich still vom Hof geschlichen hat. Dabei hat er nicht nur dadurch, dass er das berühmte zweite Haussmann-Porträt Johann Sebastian Bachs nach Leipzig zurückgeholt hat, durchaus Bleibendes bewirkt und als Galionsfigur des Bach-Archivs einen glänzenden Eindruck hinterlassen.

Keine Wahrheit ohne Bach

Aber es gehört wohl auch zur Wahrheit, dass man sich einerseits am Thomaskirchhof noch etwas mehr Engagement für ein Fundraising versprochen hätte, das nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit Gardiners eigenen Projekten stand, andererseits der Sir ein wenig die Lust an Leipzig verlor, als klar wurde, dass aus all den Plänen, die er gemeinsam mit Riccardo Chailly geschmiedet hatte, nichts werden würde, weil der am Gewandhaus frühzeitig die Brocken schmiss.

Wie auch immer: Schon die unvergesslichen Konzerte, die Gardiner in Leipzig realisierte, sollten Grund genug sein, ihn in bester Erinnerung zu halten. Was ihn mit Koopman verbindet. Dessen Herz zwar ebenfalls laut und vernehmlich für die historische Aufführungspraxis schlägt, dem aber auch jeder Dogmatismus fremd ist: „Es gibt sie nicht, die eine Wahrheit bei Bach. Oder doch nur die, dass es ohne Bach keine Wahrheit gibt.“

Beim Bachfest, das sich in diesem Jahr vom 14. bis 23. Juni um den Hof-Compositeur Bach dreht, ist Ton Koopman in zwei Konzerten zu erleben: Am 15. Juni am Cembalo im Paulinum und aus Anlass der Verleihung der Bach-Medaille an Klaus Mertens und am 16. Juni im Stadtbad, wo er mit Andreas Staier den musikalischen Wettstreit Bachs mit Louis Marchand aus dem Jahr 1717 nachspielt und zu diesem Behufe in die Rolle des Franzosen schlüpft; www.bachfestleipzig.de

Von Peter Korfmacher

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