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Kultur Regional Trauer um Schauspielerin Lisa Martinek – ihre Karriere begann in Leipzig
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19:06 01.07.2019
Schauspielerin Lisa Martinek starb eines Aufenthalts in Italien. Quelle: Tobias Hase/dpa
Leipzig

Die letzte Erinnerung an Lisa Martinek: eine strahlende, gertenschlanke Schöne in einem bodenlangen, leuchtend weißen Kleid. So ging sie am 3. Mai beim Deutschen Filmpreis über den roten Teppich. Mit 47 wirkte sie wie eine Mittdreißigerin.

Die erste Erinnerung an Lisa Martinek: eine lebensfrohe junge Frau, die so ganz anders aussah als auf der Kinoleinwand. Da trug sie als Fahrradkurierin in Hamburg Mütze und viele kleine Zöpfe. Für „Härtetest“, ihren ersten Kinofilm, war sie beim Deutschen Filmpreis als beste Darstellerin nominiert. Das war im Juni 1998. Getroffen habe ich sie seitdem immer wieder. Sie blieb über die Jahre wie beim allerersten längeren Gespräch im Leipziger Schauspielhaus im April 1999: optimistisch von Natur aus, aber nachdenklich und abwägend. Der zweite Kinofilm „Wer liebt, dem wachsen Flügel“, ein sehr missratenes Salon-Lustspiel, hatte sie vorsichtiger gemacht. Sie wählte fortan aus all den Angeboten, die bei ihr eintrafen, viel sorgfältiger aus.

Durch Lisa Martinek geadelt

Grundsatz: „Wenn ich das Drehbuch lese, muss ich Lust auf die Rolle bekommen. Wenn es mich nicht packt, wenn ich müde werde, dann lese ich zwar professionell zu Ende, weiß aber, dass das nichts für mich ist.“ Fehlgriffe gab es nur noch selten, aber selbst die wurden irgendwie durch Lisa Martinek geadelt. Die Kamera liebte sie – weil sie sicher nicht die klassische Schönheit war, sondern ein Gesicht hatte. Sie besaß eine Ausstrahlung – und ein ungeheures Talent. Sie spielte mit Blicken, mit Gesten, mit Worten. Wenn man ihr zusah, tauchte man in ein anderes Leben aus Fleisch und Blut ein. Lisa Martinek war eine der so raren Charakterspielerinnen, egal, ob es Drama, Komödie oder ein Krimi war. Vielleicht lag das auch daran, dass Jutta Hoffmann, der Defa-Star, ihre Lehrerin an der Schauspielschule in Hamburg war. Dann setzte Intendant Wolfgang Engel auf die 26-Jährige. 1997 kam sie ans Schauspielhaus Leipzig, debütierte mit „Hund“ von Armin Petras, blieb bis 2001 – und als Helena im „Faust“ in der Geschichte des Hauses.

„Rollen mit Brüchen“

Nicht ohne ein paar Ängste und schlaflose Nächte nahm sie den Absprung vom festen Engagement. Die Anfragen häuften sich allerdings – und nicht nur für den Typ patente, freundlich-fröhliche, junge Frau. Lisa Martinek wurde gefragt, blieb aber anspruchsvoll: „Rollen mit Brüchen, in denen die Stimmungen rasch wechseln, und Charaktere, die unklar bleiben, ziehen mich an.“ Das galt auch für kleine Auftritte. Nie lieferte sie nur einfach ab. Immer spielte sie. So blieb auch ihr Kurzauftritt als fesche Nachrichtensprecherin im Leipzig-Thriller „Das Monstrum“ (2001) im Gedächtnis: Der ironische Lidschlag, die untergründigen Pausen, das wässrige Lächeln – alles stimmte eben.

Wer Lisa Martinek besetzte, konnte nichts falsch machen

Es war schlichtweg ein Vergnügen, ihr zuzusehen. Sie war die zwischen Liebe, Loyalität und Gerechtigkeit schwankende Polizistin, deren Freund einen Illegalen erschießt, in „Der Schuss“ (und wagte eine lange Nacktszene). Sie war hinreißend als Sophie, eine Roomservice-Kraft, die sich in der Screwball-Komödie „Das Zimmermädchen und der Millionär“ zum Geschlechter-Duell antritt. Sie war wunderbar als undurchschaubare, rächende Ehefrau in der rabenschwarzen Wiener Komödie „Böses Erwachen“. Sie war irritiert und schockiert als Mutter eines Drogenmädchens („Meine Tochter nicht“). Sie war sexy und umwerfend komisch als quicke Gastronomin in „Willkommen im Westerwald“. Und sie war jene Juliane im Remake „Die Zürcher Verlobung“, die als verirrte Romantikerin und Groschenheftautorin Christoph Waltz in den Schatten stellte – und selbst Liselotte Pulver aus dem Original vergessen ließ. Was Lisa Martinek mit ihrer wandelbaren Stimme, einem Augenaufschlag, einem Lächeln, verzögert, verkniffen oder leuchtend, zauberte, faszinierte. Ob sie einen Widerwärtigen erzog („Ich leih mir eine Familie“), als Unfallopfer im Rollstuhl Rache wollte („Schuld und Rache“), mit Business-Kostüm und Kühle eine Werft rettete („Die Schuld der Erben“) oder einen Brandstifter suchte („Jagd auf den Flammenmann"), wer Lisa Martinek besetzte, konnte einfach nichts falsch machen.

Beim Baden das Bewusstsein verloren

Enorme Popularität erreichte sie 2006, als Lisa Martinek in der ZDF-Krimi-Reihe „Das Duo“ für neun Jahre zu Clara Hertz wurde. Nicht nur eine forsche, ungeduldige Ermittlerin, sondern immer auch eine Frau mit Innenleben. Zuletzt überzeugte Lisa Martinek als blinde Anwältin in der ARD-Serie „Die Heiland“ (schon in „Tornado" war sie eine Blinde). Ab Juli sollten sechs neue Folgen gedreht werden. Die wird es nicht mehr geben. Am Freitag starb Lisa Martinek, seit 2009 in zweiter Ehe mit dem Italiener Giulio Ricciarelli verheiratet, Mutter von Ella (9), Carla (7), Luca (4), in Grosseto (Toskana). Italienische Medien meldeten, beim Baden im Meer habe sie das Bewusstsein verloren.

Mehr zum Thema: Kurz vor ihrem Tod feierte Lisa Martinek noch 10. Hochzeitstag

Von Norbert Wehrstedt

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