Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Traum und Zeit – Masha Gessen erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
Nachrichten Kultur Kultur Regional Traum und Zeit – Masha Gessen erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:03 20.03.2019
Ausgezeichnet: Masha Gessen (52) erhält von Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Quelle: Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Leipzig

„Ich meine, dass eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, sich weigert, einer Zukunft Platz zu machen“, sagt Masha Gessen. „Ich spreche von der Wiederholung der Geschichte – nicht notwendigerweise als Farce, aber als verblassendes, verschlissenes Abbild.“

Die russisch-US-amerikanische Publizistin spricht in der Dankesrede von ihrem Buch „Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ (Suhrkamp), für das sie am Mittwochabend den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat. Der ist mit 20 000 Euro dotiert und wird seit 25 Jahren verliehen für einen Beitrag, der dem gegenseitigen Verständnis in Europa dient.

Diese Verleihung, gleichzeitig feierliche Eröffnung der Leipziger Buchmesse, ist in diesem Jahr geprägt von Fragen und den Begriffen Solidarität, Orientierung, Auseinandersetzung, Mitgestaltung, Freiheit, Vielfalt und, natürlich, Europa. Dass es keine Schlagworte sind, wird in Reden und Grußworten deutlich, die zu einer Dringlichkeit finden, aus der Sorge genau so spricht wie Hoffnung und eine erhebliche Erwartung an die kommenden vier Tage.

„Lassen Sie uns streiten“

Was diese Erwartung mit der Gegenwart zu tun hat, macht Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung deutlich, wenn er von den Stürmen einer politisch aufgeladenen Zeit spricht, davon, dass „wir auch vor einer Richtungswahl stehen“, wenn er Demokratie und Freiheit „durchaus in Gefahr“ sieht und bittet: „Lassen Sie uns streiten, aber mit Respekt.“

Dem schließt sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer an, wenn er der Freiheit die Wahrheit zur Seite stellt und an der Buchmesse die Möglichkeit zu lesen, „zu lesen und zu verstehen, warum es in anderen Ländern andere Sichtweisen und Vorstellungen gibt“.

Kampfansage der Ministerin

An einem Beispiel zeige sich gerade, wie wichtig „die EU für uns ist“, dass nicht alle Fragen national geklärt werden können: Das ist die EU-Urheberrechtsreform, über die das Europäische Parlament schon bald entscheiden soll. Auf die hofft auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die in ihrer Rede sagt, es sei inakzeptabel, wie professionelles kreatives Schaffen im digitalen Zeitalter nicht mehr angemessen vergütet werde.

Sie fordert, die Kraft die Literatur für eine europäische Verständigung zu nutzen, die Weitblick und Expertise brauche, Sprachkultur, Querdenker und Freigeister sowie „Verlegerinnen und Verleger, die sich als deren Wegbereiter verstehen“. Eine „Kampfansage“ erteilt die Ministerin dem Buch als bloße „Handelsware“, wenn nur überlebe, was hohe Verkaufszahlen garantiert“.

Die Verantwortung des Schriftstellers

Den Begriff der „Handelsware“ verwendet auch ihr tschechischer Amtskollege Antonín Stanek. Er sei überzeugt, dass „moderne demokratische Staaten ihre Literatur unterstützen müssen, dass es einfach ihre Pflicht ist“. Zumal Literatur unbequeme Fragen stelle, „die eingeführte Ordnung anzweifelt, ethische Ansprüche erhebt, alles Bequeme und Falsche problematisiert“. Und weil Literatur den Missbrauch der Worte enthüllen könne. „Auch darin liegt ihr Sinn. Und darin besteht die Verantwortung des Schriftstellers.“

Tschechien ist Gastland dieser Buchmesse, bringt viele neue Namen, viele junge Stimmen nach Leipzig. Zur Begrüßung, einem „Ahoj!“, ist die Gewandhaus-Orgel in den Nationalfarben weiß, rot und blau angestrahlt, dirigiert Jakub Hruša das Gewandhausorchester, auf dessen Pulten Janáceks Ouvertüre zur Oper „Aus einem Totenhaus“ liegt, Smetanas „Die Moldau“ und Dvoráks „Slawischer Tanz C-Dur op.46/1“.

„Warnsignal für uns alle“

„In welchem Europa wollen wir leben?“, fragt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und antwortet mit Solidarität, Freiheit und Vielfalt. Masha Gessen zeige in ihrem Buch, „was es mit Menschen und einer Gesellschaft macht, wenn Bürger- und Menschenrechte konsequent außer Kraft gesetzt werden“. Dies sei ein „Warnsignal für uns alle: Es ist entscheidend, immer wieder für unsere Werte einzutreten, sonst sind sie eines Tages nicht mehr da.“

Masha Gessen helfe mit ihrem „radikal illusionslosen und doch tief Anteil nehmenden“ Buch, „zu verstehen, in welch fatalem Zirkel seiner Geschichte unser fernes östliches Nachbarland sich nach wie vor bewegt“, würdigt sie der Historiker Gerd Koenen, selbst Preisträger 2007, in seiner Laudatio. Er nennt sie eine „eminent moderne, aber deshalb nicht zeitgeistige Autorin“.

„Können wir Geschichten über die Zukunft erzählen?“, fragt Masha Gessen in ihrer Dankesrede, „Können wir sie vorstellbar machen? Können wir uns ansprechende Versionen davon erträumen? Mit anderen Worten: Können wir sie so gestalten, dass die Zukunft die Zukunft und nicht Geschichte ist?“

Diese Eröffnung hat der Leipziger Buchmesse bis Sonntag wesentliche Fragen mit auf den Weg gegeben.

Bis der Teufel uns scheidet.25 Jahre Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. C.H.Beck; 208 Seiten, 15 Euro Quelle: C.H.Beck

Von Janina Fleischer

Am Donnerstag öffnet die Leipziger Buchmesse für vier Tage ihre Türen, 2547 Aussteller aus 46 Ländern präsentieren ihre Novitäten, parallel dazu beginnt das Lesefest „Leipzig liest“ mit 3400 Mitwirkenden. Es gibt viele gute Nachrichten – aber nicht nur.

20.03.2019

Vom Indie-Rock zum Deutschpop: Revolverheld mit aktuellem Album „Zimmer mit Blick“ und viel Selbstironie in der Arena Leipzig gefeiert

20.03.2019

„In memoriam Hieronymus Wachter“: An den nach einem Arbeitsunfall im Februar gestorbenen Leipziger Galeristen soll ab 22. März mit einer Ausstellung in der Galerie Irrgang erinnert werden. Zu sehen und zu erwerben sind Arbeiten von 50 Künstlern.

20.03.2019