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Kultur Regional Und immer wieder: Liedermacher Stephan Sulke wird 75.
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22:21 26.12.2018
Der Schweizer Liedermacher Stephan Sulke. Quelle: : Rainer Jensen/dpa
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Leipzig

Melancholisch und müde schleppt sich das Klavier aus der Tiefe hoch. „Na Lotte, was machen wa nu? Wo geh’n wa nu hin? Die Bilder von gestern, die gehen mir nicht aus dem Sinn“, singt der brav gescheitelte junge Mann 1976 in Rudi Carrells „Am laufenden Band“. Stephan Sulkes etwas linkischer Auftritt ist bei YouTube konserviert. Chanson-Stimmung und deutsche Sprache – das geht selten glücklich zusammen. Bei dem Schweizer Liedermacher, der am 27. Dezember 75 wird, schon. Seine frühen, zwischen 1976 und 1982 erschienenen Platten, schlicht und ordentlich durchnummeriert von 1 bis 7, enthalten Meisterstücke, die selten Hits wurden, vielleicht gerade deshalb, weil sie weit über das Schlagerblabla der meisten Zeitgenossen hinausragten.

Drama in drei Minuten

„Ich hab dich bloß geliebt“, ist so ein Drama in drei Minuten, über die eine große Liebe, die nicht gelingen will, die man ständig betrügt – und der man doch immer treu bleibt: „Ich hab dich tausend Mal gesucht/ Wie oft hab ich dich schon verflucht/ Ich bin dir hinterhergerannt/ Hab dich aus meinem Hirn verbannt/ Und immer wieder, und immer wieder/ Hab ich dich bloß geliebt.“ Herbert Grönemeyer übernahm den Titel auf seiner LP „Gemischte Gefühle“ – und pumpte ihn mit Aggression auf.

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Stephan Sulke hat bloß gesungen – über „ausrangierte Nutten“, anonym in der Mietskaserne sterbende Opis und immer wieder, und immer wieder die Liebe. Und ja, da ist „Uschi“, eine eher unerhebliche Nummer über eine Emanze, die in den früher 80ern zum Ohrwurm wurde. „Ich werd dich auch nie wieder küssen ohne erst zu fragen/ nie wieder mich an deinen Busen wagen“, heißt es darin. Hinweise, die schon damals etwas krampfig, in Zeiten von #MeToo nur noch antiquiert wirken.

In China geborener Weltbürger

Stephan Sulke, der immer noch auf kleinen Bühnen singt und Klavier spielt, ist ein Weltbürger. Der Sohn Berliner Juden, die vor den Nazis flohen, wurde 1943 in Shanghai geboren. 1949 wollte die Familie nach Deutschland zurück, doch der Vater starb auf der Rückreise. Seine Mutter heiratete später in der Schweiz erneut. Hier verbrachte Sulke den größten Teil seiner Kindheit. Seine ersten Erfolge feierte der Sänger in Frankreich. Schon seine 1963 unter dem Pseudonym „Steff“ erschienene Single „Mon tourne-disque“ wurde ausgezeichnet. „Where Did She Go“ wurde 1965 in den US-Südstaaten ein Erfolg.

Sulke lebt heute mit seiner Partnerin in Südfrankreich. Zeitlebens pendelte er zwischen der Musik und dem, was Eltern gemeinhin als vernünftig bezeichnen, wenngleich er sein Studium der Rechtswissenschaften nicht beendete. 1988 sagte er der Musik adieu, ging ins Immobiliengeschäft, bis sich nach zwölf Jahren die Sehnsucht nach der Bühne meldete. Für Ende 2019 ist ein neues Album geplant, mit Neuem und neu interpretierten alten Lieblingssongs.

Sein jüngstes, 2017 erschienenes Album, klingt bereits wie ein Vermächtnis: „Liebe ist nichts für Anfänger“.

Von Jürgen Kleindienst