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Kultur Regional Verleger sprechen in Leipzig über pornografische und politische Literatur
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19:32 16.10.2019
Die Verleger und Autoren Jörg Schröder und Barbara Kalender in der aktuellen Ausstellung „Politische Literatur & unpolitische Kunst“ in der Albertina in Leipzig Quelle: André Kempner
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Leipzig

Der Eine oder die Andere unter den Gästen blickt an diesem Abend doch etwas ehrfürchtig auf das Podium hinauf zu dem inzwischen über 80-jährigen Verleger Jörg Schröder und seiner Lebensgefährtin Barbara Kalender. Die beiden sprachen mit Freund und Kollege Jan-Frederik Bandel über die Höhen und Tiefen des März Verlags – dem Punk unter den Verlagen.

Das Podiumsgespräch fand am Dienstag im Rahmen der aktuellen Ausstellung der Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) statt: „Politische Literatur & unpolitische Kunst. 50 Jahre März Verlag – 100 Jahre Quarch Verlag“. Die UBL beherbergt seit kurzem die Archive der beiden Verlage und stellt eine Auswahl ihrer Arbeiten aus.

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100 000 Bücher literarischer Pornografie

Ihren Humor haben Schröder und Kalender in 50 Jahren Verlagsgeschichte nicht verloren und bringen die Gäste immer wieder zum Schmunzeln, etwa als Schröder über die Gründung im Jahr 1968 referiert: „Ich wollte, größenwahnsinnig wie ich damals war, Verleger werden. Die Möglichkeit hatte ich nur, indem ich einen konkursen Verlag, den Melzer Verlag, sanierte, unter anderem durch den Verkauf von mehreren 100 000 Büchern literarischer Pornografie.“

Den Gewinn aus dem Pornogeschäft steckt er in Buchprojekte seines März Verlages. Es sind Bücher, an die sich Verleger des Mainstreams nicht heran trauen: systemkritische Literatur wie Gunnar Heinsohns und Otto Steigers „Die Vernichtung der weisen Frauen“ (1985), Bücher sexueller Aufklärung wie Günter Amends „Sexfront“(1970), subkulturelle Werke wie Rolf Dieter Brinkmanns und Ralf Rainer Rygullas „Acid – Neue amerikanische Szene“ (1969) oder Titel aus den USA wie Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1971).

„Verleger leben alle so – mit Banken und Büchern“

Der Nischenverlag geht zwei Mal pleite. Kalender, die seit 1980 an Schröders Seite arbeitet, erklärt: „. Das Geschäft ist sehr hart. Man braucht immer ein zweites Standbein, um sich am Leben zu halten. Insofern passen wir mit dem Quarch Verlag zusammen.“ Die Leidenschaft des Kunstliebhabers Karl Quarch (1923–2007) waren Postkarten und Geschenkanhänger mit Fotografien und Originalgrafiken. Um dieser Liebe nachgehen zu können, produzierte er Werbedrucke und Glückwunschkarten für Firmen. Nach der Wiedervereinigung brachen die Aufträge der Großkunden weg, woraufhin Quarch seinen kleinen Leipziger Verlag aufgeben musste.

Die Verleger werden zu Autoren

Auch Schröder und Kalender geben ihre verlegerische Tätigkeit auf. Die finanziellen Schwierigkeiten zu Beginn der 2000er sind jedoch nur ein Grund. „All die literarischen und ökonomischen Kompromisse wollten wir uns nicht mehr antun. Wir wollten für uns eine Form finden, mit Literatur umzugehen, die uns Spaß macht“, sagt Schröder.

Bereits 1990 führt dieser Gedanke die beiden zum Umdenken – die Verleger werden zu Autoren. Die Technik macht es möglich: Durch den Apple-Computer „Macintosh SE“ und das Programm Pagemaker ist Kalender erstmals imstande, von Zuhause aus Texte und Bilder zu setzten.

„Wir leben vom Mythos und nicht von der Stückzahl“

Von da an schreiben und produzieren die zwei in Eigenregie „Schröder erzählt“, eine autobiografische Reihe von Geschichten, jeweils 50 Seiten lang. Die letzte Ausgabe erscheint 2018. Die einzelnen Bücher werden erst für 50 D-Mark, später für 35 Euro in einer Auflage von jeweils 300 Exemplaren an einen treuen Kundenstamm verkauft. Von den Einnahmen konnten sie die letzten 30 Jahre leben. Selbst als Autoren bleiben Schröder und Kalender dem Motto des März Verlages treu: „Wir leben vom Mythos und nicht von der Stückzahl.“

Die Ausstellung kann noch bis zum 3. November besucht werden. Am 15. November eröffnet die UBL eine neue Ausstellung, „Die Leipziger Magica-Sammlung im Schatten der Frühaufklärung“ bietet Einblicke in Manuskripte zu den Themen Magie, Zauber, Alchemie und Astrologie.

Bibliotheca Albertina: Beethovenstraße 6 in Leipzig, die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet; Eintritt frei

Von Pauline Szyltowski

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