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Kultur Regional „Viel Herzblut“: „SoKo Leipzig“-Produzentin Henriette Lippold im Interview
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Viel Herzblut“: „SoKo Leipzig“-Produzentin Henriette Lippold im Interview
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13:25 20.07.2018
Henriette Lippold vor der Leipziger Ufa Fiction Geschäftsstelle in der Inselstraße, wo sich auch das Serien-Büro der „SoKo Leipzig“ befindet. Quelle: André Kempner
Leipzig

Im Herbst gibt es ein Jubiläum. Dann wird die 400. Folge der ZDF-Krimiserie „SoKo Leipzig“ gedreht. Nun ist ab Montag erst einmal für drei Wochen Drehpause, bevor am 14. September die neue Staffel startet. Seit 14 Jahren dabei ist Henriette Lippold, erst als Praktikantin, später als Assistent Producerin (parallel zum Leipziger Studienabschluss in Theaterwissenschaft und Alter Geschichte), Producerin, ausführende Produzentin und seit 1. Juni als alleinige Produzentin der Erfolgsserie (fünf Millionen Zuschauer).

Was ist denn jetzt anders geworden?

Jörg Winger, der die „SoKo“ 2000 gestartet hat, und ich waren lange ein sehr gutes Team. Jetzt ist als Ufa-Fiction-Geschäftsführer weiter als Ratgeber dabei, während ich allein Schnittstelle für alles bin – von den Drehbüchern bis zum Budget.

Also auch fürs Geld ...

Auf das Geld zu sehen, ist auch ein kreativer Akt. Wir müssen ja jede Folge in sieben bis acht Tagen drehen. Aber wer einmal mit kleinem Geld produziert hat, kann das auch mit großem. Umgekehrt funktioniert das eher nicht.

Ist Leipzig nach 18 Jahren abgedreht?

Natürlich gehen wir schon mal in ein gleiches Motiv, achten aber dann darauf, dass es anders aussieht. An unserer Serie kann man über die Jahre ja auch sehen, wie die Stadt sich verändert. Industriebrachen sind heute nur noch schwer zu finden.

Drehgenehmigungen gibt es großzügig?

Der Austausch mit der Stadt ist nach wie vor gut, aber wir merken immer mal wieder: Es ist schwieriger geworden. Dabei ist die „SoKo“ das perfekte Stadt-Marketing. 70 Prozent bei uns sind Außendrehs, da ist bundesweit viel Leipzig zu sehen.

Gibt es Dinge, die nicht mehr passieren?

Blaulicht-Fahrten über den Ring gehen nicht mehr. Zu aufwendig. Wenn wir so was machen, dann abseits vom Zentrum.

Was ist denn die größte Veränderung der „SoKo“ seit dem Start vor 17 Jahren?

Wir haben als ganz klassische Krimi-Serie begonnen – und dann schnell angefangen, uns familiär aufzustellen. So verliebte sich Jan Maybach in die Tochter von Hajo Trautzschke. Oder Melanie Marschke bekommt ein Kind – und die Schwangerschaft ihrer Kommissarin wird miterzählt. Damit haben wir früh begonnen, horizontal zu erzählen. Das durfte es bis dahin in keiner Krimiserie im ZDF geben.

Familie als Gegengewicht zu den Fällen?

Die Familienstruktur sorgt dafür, dass die „SoKo“, gerade bei harten Themen, emotional bleibt. Immerhin waren wir die ersten, die über die psychischen Traumata von Afghanistan-Heimkehrern eine Folge gedreht haben. Oder über Probleme der Sterbehilfe. Gesellschaftsrelevanz ist ein Kernanspruch der „SoKo Leipzig“.

Mit moralischem Tonfall?

Wir achten sehr darauf, dass wir die Welt nicht in Gut und Böse aufteilen, sondern ganz verschiedene Haltungen und Positionen abbilden, damit jeder Zuschauer selbst seine Haltung entwickeln kann.

Serien haben seit Netflix und Amazon Prime Konjunktur. Spüren Sie das?

Jahrelang wurden wir mitleidig angesehen, weil wie Serie machten, mittlerweile ist Serie cool – und plötzlich werden Leute gesucht, die Serie machen können.

Auch bei der „SoKo Leipzig“?

Natürlich. Ich habe für den MDR in Prag zwei Staffeln „Charité“ produziert und „Deutschland 83“. Eine Serie, die dann den International Emmy gewann. 2016 habe ich mitgeholfen, die „SoKo 5113“ zu „SoKo München“ umzustrukturieren.

Und immer zurück nach Leipzig?

Die Ausflüge waren toll, aber ich bin immer wahnsinnig gern zurückgekommen. Es steckt ja auch ganz viel Herzblut von mir in der „SoKo Leipzig“ seit ich als Praktikantin angefangen habe – und damals, vor den Mail-Zeiten, unheimlich viele Drehbücher kopieren musste.

Bleibt Hajo Trautzschke weiter dabei?

Irgendwann mussten wir ihn ja in Rente schicken, haben die aber lange vorbereitet – und mit Andreas Schmidt-Schaller besprochen, dass er weiter für fünf Folgen im Jahr dabei ist. Tut der „SoKo“ sehr gut.

Nachfolger wurde nicht Jan Maybach ...

Zuerst haben wir uns gesagt: Natürlich wird das Jan Maybach – und dann gefragt: Aber ist das nicht langweilig? So haben wir uns für Ina Zimmermann entschieden. Das ist auch für Jan Maybach eine andere, spannendere Situation.

90-Minüter gab es einige mit der „SoKo“ Leipzig, aber lange nicht im Ausland?

Wir waren in der Vergangenheit auf Santo Domingo, in Istanbul, Moskau, Namibia und London, das liegt aber schon ein bisschen zurück. Der Dreh im Ausland ist immer zeitaufwendig und teuer. So haben wir uns entschieden, 90-Minüter erst mal nur in Leipzig zu drehen. Anfang Januar werden neue im ZDF ausgestrahlt.

Wer schreibt die„SoKo“-Krimis?

Es gibt Stammautoren, von denen viele schon über zehn Jahre für uns schreiben. Mit denen sind wir eingespielt, mit denen arbeiten wir an der Entwicklung unserer Figuren. Andere Autoren kommen mit ihren Ideen, oder wir geben ihnen Ideen.

Was sollte ein „SoKo“-Regisseur haben?

Serienerfahrung, weil er unter sehr straffen Bedingungen drehen muss. Probieren wir neue Regisseure aus, geben wir ihnen erfahrene Kameraleute zur Seite.

Wie viele Regisseure baucht die „SoKo“?

Pro Jahr sechs. Die meisten drehen vier Folgen am Stück, immer auch parallel.

Eine Frauenquote wird gefordert ...

Bei uns sind Frauen in der ganzen Produktion schon sehr gut vertreten, auch am Set, in männerlastigen Berufen, gibt es eine gute Geschlechtermischung. Natürlich sind wir dafür, mehr Regisseurinnen und Autorinnen einzusetzen, aber nicht formalisiert. Ich verstehe den Ruf nach der Quote, um damit einen Kulturwandel herbeizuführen. Doch kopflose Entscheidungen sollte es dabei nicht geben, sondern immer Entscheidungen fürs Produkt.

„SoKo Leipzig“ ist eine Stadtmarke, die andere ist RB. Ist ein Krimi denkbar?

Es gab Kontakte, als RB in die 2. Liga aufgestiegen ist, die aber zu keinem Krimi führten. Ich möchte die Gespräche wieder aufnehmen, auch aus ganz persönlichem Grund. Ich gehe mit meiner Schwester (Freddy Holzapfel – Kult-Moderatorin bei PSR) schon lange gern ins Stadion.

Geht es endlos weiter mit der „SoKo“?

Bisher hat das ZDF nie von einem Ende gesprochen. Es gibt ja auch noch so viel zu erzählen – und am Abend kann unsere „SoKo“ auch ganz andere Milieus zeigen als die „SoKos“ am ZDF-Vorabend.

Was macht Henriette Lippold, wenn sie nicht die „SoKo Leipzig“ macht?

In diesem Sommer das dritte große Theaterprojekt in Bad Düben – mit 150 Leuten von neun bis 75 Jahren. „Die große Reise“ heißt das Stück über Zeit, Effizienz und Optimierungswahn, das ich geschrieben habe. Es hat am 25. August Premiere und wird sechs Mal an vielen Orten in der Stadt gespielt wird. Ein Superausgleich.

Von Norbert Wehrstedt

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