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Kultur Regional Vier Preise für Charly Hübner und Feine Sahne Fischfilet
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19:55 05.11.2017
Der Film Wildes Herz von Charly Hübner (Foto) und Sebastian Schultz über die norddeutsche Punkband Feine Sahne Fischfilet. Quelle: Imago
Leipzig

Sitzfleisch musste man schon mitbringen. Die Dokwoche jedenfalls nahm sich sehr viel Zeit mit ihrem Preisregen. Man hätte glatt noch einmal „Raw“aus dem Internationalen Wettbewerb sehen können (150 Minuten) und danach eine ganze Halbzeit RB gegen Hannover. Ein Marathon, der nicht nur an den über 20 Preisen und zahlreichen Lobenden Erwähnungen lag, sondern eher an Kontroversen und Knicksen auf der Bühne im Leipziger Westbad.

Einen Eklat leitete Pfarrerin Christiane Thiel ein, als sie für die Interreligiöse Jury die Sichtung des Internationalen Wettbewerbs in diesem Jahr mühsam fand. „Was ist passiert, dass die Filme so selbstbezogen sind?“, fragte sie – und setzte hinzu: „Wir erwarten in Leipzig politische Filme.“ Mit beidem hat sie leider Recht. So wie auch Dokwochen-Chefin Leena Pasanen, als sie ganz am Ende anmerkte, dass es durchaus unterschiedliche Perspektiven des politischen Dokfilms gebe.Allerdings wurde Christiane Thiel, als Mitglied einer unabhängigen Jury, die auch eine kritische Meinung äußern darf, auf offener Bühne von Moderatorin Claudia Schreiner, befreundet mit Leena Pasanen, umgehend harsch zurechtgewiesen. Wer bisher glaubte, „moderare“ käme von mäßigen und vermitteln, wurde eines Schlechteren belehrt. Für wen die Ex-Chefin Kultur und Wissenschaft des MDR da eigentlich verurteilte, blieb unklar.

Der umstrittenen Festivalchefin sprang etwas später auch Molto Menz (Jury Deutsche Wettbewerbe) bei – und vergab eine Lobende Erwähnung an den Festivaltrailer. Auf dem schüttelt sich ein nasser Hund zur Schrift „Schüttel es ab!“ Nun muss man als Reverenz für diesen seltsamen Tauben-Ersatz nicht gleich einen Wackel-Elvis für sein Auto kaufen. Denn offenbar war der Preis ein Scherz. In der offiziellen Preis-Mitteilung der Dokwoche taucht er nämlich nicht mehr auf.

Goldene Taube für „Muhi“ von Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman

Dafür aber die Goldene Taube für „Muhi“ von Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman. Die sensible Beobachtung eines palästinensischen Jungen, dem Unterbeine und Unterarme amputiert wurden und der mit seinem Großvater seit sechs Jahren in einem israelischen Krankenhaus lebt, ist eine berührende, warmherzige Geschichte über das Überleben in einer schwierigen, geteilten Welt – und eine Co-Produktion der Leipziger Neue Celluloid Fabrik. Pikant: Mitproduzentin der Goldenen Taube ist Tina Leeb, die sich jahrelang erfolgreich um die Sponsoren der Dokwoche kümmerte – bis ihr Vertrag durch die neue Festivalchefin, gerade im Amt, nicht mehr verlängert wurde. Der Beginn eines Budget-Loches, das sich auf 230 000 Euro vertiefte.

Die meisten Preise sammelte eine Produktion aus dem Deutschen Wettbewerb ein: „Wildes Herz“ (Porträt des Frontmanns der Punkband Feine Sahne Fischfilet) von Charly Hübner und Sebastian Schultz. Während der Rostocker Polizeiruf-Ermittler am Hamburger Theater probte, kam Sebastian Schultz immer wieder auf die Bühne. „Ich bin überwältigt – und weiß gar nicht mehr, was ich noch sagen soll“, sagte er  zu Preis vier.

Vor Tränen kaum sprechen konnte die Rumänin Ana Dumitrescu. Bei ihr landete die Goldene Taube des Internationalen Wettbewerbs für „Licu, a Romanian Story“, die Erzählungen eines 92-Jährigen über die Lebenswechsel vom Königreich bis zur Nach-Ceausescu-Ära. Ruhig aufgeblätterte Alltags-Geschichte von unten.

Zwei Preise für „Love is Potatoes“

Auf dieser Welle erkundete auch Aliona van der Horst, Holländerin mit russischer Mutter, in „Love is Potatoes“ (zwei Preise). Sie entdeckt im russischen Holzhaus der Familie in Briefen, Fotos, Erinnerungen und Animationen die Vergangenheit ihrer Mutter, ihrer Tanten und die langen Schatten der Stalin-Zeit. Ein Blick zurück, der einen starken Sog entwickelt.

Was man nun wirklich nicht von jedem Wettbewerbs-Film sagen kann. Es blieb ein mittelmäßiger Jahrgang. Woran lag es? Am Angebot? An der Auswahl? An der Platzierung? An der Auswahlkommission? Keine Ahnung. Wenn Arne Birkenstock, Produzent von „Das Kongo Tribunal“, mit Blick auf die Worte von Pfarrerin Thiel, so vehement die Anerkennung der Leidenschaften von Dokumentarfilmern einforderte, hat er sicher nicht Unrecht. Allerdings ist gerade „Das Kongo Tribunal“ Milo Rau (Lobende Erwähnung) ein Beispiel für einen Dokfilm, der eher ein gut gemeintes Lehrstück bleibt. Man hätte auch tiefer blicken können, also auf die innerkongolesischen Probleme. Die kann man schon in Che Guevaras „Afrikanischem Tagebuch“ von 1965 nachlesen.

Aufatmen beim Leipziger Ring. Nicht „Montags in Dresden“, das zuhörende Porträt von zwei Pegida- und einem Pro Patria-Aktivisten, bekam den Preis der Stiftung, sondern „Silent Water“ über syrische Frauen im Gefängnis. Kein Durchatmen angesichts der seltsamen Idee, ab 2018 im Deutschen Wettbewerb eine Frauenquote einzuführen. Nach dem Mixen von Dok- und Animations-Wettbewerb die nächste Änderung. Hoffentlich kostet die kein Geld – und keine Qualität.

Norbert Wehrstedt

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