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Kultur Regional Volle Blumen-Pracht: Die Goldenen Zitronen im Conne Island
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16:15 04.04.2019
Punk im Hippie-Gewand: Die Goldenen Zitronen im Conne Island. Quelle: Pauline Szyltowski
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Leipzig

Da läuft der liebe Schorsch Kamerun über den Hof des Conne Island. Er trägt wie immer seinen Rauten-Pullunder. Schon sprechen ihn ein paar Jungspunde an, ob man nicht ein Selfie mit ihm machen könne. Er lächelt grimmig in die Kamera.

Eine halbe Stunde später hat er sein Alltagsoutfit und seine Alltagsmine abgelegt. Mit flatternden Kimono und Glitzerleggings tritt er mit seinen Kollegen Ted Gaier, Thomas Wenzel, Mense Reeths, Stephan Rath und Enno Palucca ausgelassen auf die Bühne. „Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um!“, singt er. Die Zitronen gehen gleich mit dem ersten Lied in die Vollen, mit dem Hit aus dem Jahr 1994.

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Der bis zum Rand gefüllte Saal stimmt dankend mit ein. Nicht unschuldig an der guten Laune dürfte auch die Vorband Shari Vari mit Pop-Sternchen Sophia Kennedy am Gesang sein. Das Duo kommt aus dem musikalischen Dunstkreis der Goldies. Die Dame am Merchandise-Stand verrät außerdem – Achtung Gossip – dass die zwei Bands nicht nur musikalisch verbandelt seien. Auf dem aktuellen Zitronen-Album „More Than A Feeling“ wurde außerdem das Lied „Bleib bei mir“ mit der talentierten Sophia aufgenommen und am Mittwochabend natürlich mit ihr performt.

Heterogener Freudentanz

Zur Freude der alteingesessenen Fans wird die Platte nicht einfach heruntergespielt. Im Laufe des zweistündigen Konzerts, inklusive der drei Zugabe-Runden, streut man gekonnt alte Hits, wie „Der Investor“ von 2013 oder „Auf dem Platz der leeren Versprechungen“ von 2001, in die Setlist ein. Das Publikum reagiert bei solchen Gelegenheiten mit einem sehr heterogenen Freudentanz. Um mal in die Schubladen zu greifen: Die coolen und in die Jahre gekommenen Indiepop-Fans, die wohl geradewegs vom Ilses Erika rübergelaufen sind, hüpfen lässig, die obligatorischen drei Kiddie-Punks pogen vor der Bühne, die Hippies schwingen nach Capoeira-Fasson umher, die linken Intellektuellen nicken zustimmend zum Beat.

Denn so unterschiedlich wie die Fans ist auch das musikalische Repertoire dieses Ensembles. In 15 Alben und mehreren Dekaden Bandgeschichte wurde mit Surf, Postpunk, Jazz-Impro, Funk, Hip-Hop und Pop herumexperimentiert. Auch heute bieten die Künstler ein buntes Kaleidoskop an Sounds und Instrumenten an, während sie von Lied zu Lied die Instrumente tauschen. Als die Band nach den ersten Songs endlich warmgelaufen ist, steigert sich die gespielte Gelassenheit vom Anfang zu wahrer Begeisterung. Es wird gelacht und mit dem Publikum geschäkert. Und endlich entfaltet der Frontmann dramatisch-tänzerisch sein weites Gewand in seiner vollen Blumen-Pracht.

Von der Nietenjacke zum Kimono

Neben dem bunten Theater gerät die politische Mission des Albums nicht in Vergessenheit. Auch als Ted Gaier das Lied „Heimsuchung“ ankündigt: „ Ich habe mich mal versucht, in dieses sogenannte ‚Volk‘ hinein zu fühlen“. Schorsch Kamerun antwortet darauf: „Sehr einfühlig von dir – da muss man erst mal soweit herabsteigen können“, und bringt das Publikum zum Lachen. Mit Ironie und Scherz verpackt sind die Lieder der aktuellen Platte. Doch sie thematisiert den Rechtsruck der Deutschen Gesellschaft.

Bei all dem Spaß ist „die Sprache von Kamerun und Gaier scharf und immer auf dem Punkt“, ergänzt der Konzertgast und langjährige Fan Matthias zu dieser Beobachtung. Die Zitronen waren und bleiben systemkritische Punks in immer anderem musikalischen Gewand: Früher in Nietenjacke und Schottenrock, heute in Pullunder oder Fransen und Kimono.

Von Pauline Szyltowski