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Kultur Regional Vom Rand in die Mitte: Leipziger Grassimuseum zeigt „Bauhaus_Sachsen“
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18:55 16.04.2019
Raum, Formen, Rätsel: Die sich Oskar Rink nennende Künstlerin vor ihrer das Bauhaus aufgreifenden Installation „Bau“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es bauhaust im Land. Während an einigen der Hauptstätten im neuen deutschen Bummeltempo gebaut wurde und noch wird, gibt es in diesem Jahr kaum ein größeres Haus, das nicht irgendwas zum 100-Jährigen der großen Kunst-, Design- und Architekturschule auf die Beine stellt. In Sachsen setzt sich jetzt das Grassimuseum für Angewandte Kunst an die Spitze. Die Ausstellung „Bauhaus_Sachsen“ wird am Mittwoch um 18 Uhr eröffnet, standesgemäß mit Musik und Theater, Film und Aktionen.

Der Titel formuliert auch einen geografischen Anspruch: Um den gesamten Freistaat soll es gehen. Was die vom Leipziger Künstler Thomas Moecker und Museumsdirektor Olaf Thormann kuratierte Ausstellung naturgemäß nur aufleuchten lassen kann, unternimmt eine unter dem gleichen Titel erscheinende schwergewichtige Publikation in faszinierender und vielstimmiger Fülle.

22 Bauhausorte in Sachsen

50 Autoren stellen in 85 Essays 22 Orte mit Bauhaus-Bezügen vor – von Bischofswerda, dem Geburtsort der Bauhäuslerin Margaret Frida Leischner, über Hans Kinders Deckengestaltung im Foyer der Oper Leipzig oder das von Bernhard Sturtzkopf gebaute Kaufhaus Schocken in Oelsnitz bis zum Haus Rabe in Zwenkau, dem einzigen Gebäude auf der Welt, das in Zusammenarbeit von Adolf Rading und Oskar Schlemmer entstand.

Das fast 600 Seiten dicke Buch (arnoldsche, 390 Abb., deutsch/ englisch, 48 Euro) ist eine so akribische wie sinnliche und lesbare Beweissammlung. Die Ansicht, das Sachsen beim Bauhaus eher am Rand stand, ein bisschen dabei war, aber keineswegs mittendrin, müsse korrigiert werden, meint Olaf Thormann. Bei der langwierigen Arbeit an Ausstellung und Buch seien für ihn Hinweise zu Gewissheiten geworden: „Sachsen spielt für das Bauhaus eine zentrale Rolle. Ohne Sachsen wäre das Bauhaus anders.“

1932: Bauhaus beinahe in Leipzig

Vorreiter im Freistaat war auch damals schon Leipzig. Und beinahe wäre das Bauhaus hierher gekommen: 1932 verhandelte der Direktor der Messe mit Mies van der Rohe über einen Umzug von Dessau nach Leipzig. Zwar wurde daraus am Ende nichts, in Leipzig und insbesondere im Grassimuseum ist es bis heute überaus präsent. Als einziges Museum in Sachsen könne es einen umfassenden Überblick in seiner Dauerausstellung bieten, sagt Thormann. Sein Haus punktet auch mit seinen 1926 von Josef Albers entworfenen 18 Treppenhausfenstern.

Früh boten die Grassimessen der Institution Bauhaus wie den Produkten der mit ihr verbundenen Firmen eine Bühne. Industrie und Verlage der Stadt fungierten als schlagkräftige Partner der 1919 in Weimar gegründeten Kunstschule. Leipzig ist sicher keine Bauhausstadt, aber es ist viel Bauhaus in der Stadt. Das zeigt auch die Ausstellung, der Thomas Moecker ein Formen und Farben des Bauhauses aufnehmendes Design verpasst hat, ohne es aufzugießen.

Am Eingang zur Schau treffen Theorie und Praxis witzig aufeinander: Der Besucher kann sich auf der von Walter Gropius 1923 gestalteten in Kreisform dargestellten Schema zum Aufbau der Lehre am Staatlichen Bauhaus Weimar niederlassen. Ein Elementares verhandelndes Sitzelement. Gegenüber grüßt eine Figur aus dem 1929 im Städtischen Kaufhaus aufgeführten Chorwerk „Kreuzzug der Maschinen“, für das Erich Mende das Bühnenbild gemacht hat. Moecker hat sie nach einem historischen Schwarzweißfoto mehr interpretiert als rekonstruiert, wie er sagt.

Der Bauhaus-Schatz, der nimmer noch nicht besichtigt werden kann

In über einem Dutzend Themenbereichen geht es locker von Fotografie über Keramik, „Bauhäusler in Leipzig“, Josef und Anni Albers zu Bauhausbüchern und einem exquisiten „Graphischen Kabinett“ mit Feinarbeiten unter anderem von Kandinsky, Feininger oder Schlemmer. Das Haus Rabe, jener Bauhaus-Schatz, der nach wie vor nicht besichtigt werden kann, ist immerhin auf den Fotos von Felix Bielmeier präsent. Jahrelang hatte sich das Museum darum bemüht, dabei zu helfen, es öffentlich zugänglich zu machen und als Dependance einzurichten, bis zuletzt vergeblich. Mehr als nur ein Wermutstropfen im Bauhausjahr, eigentlich ein Skandal.

Die Leipziger Ausstellung bleibt nicht vor verschlossenen Türen und in der Rückschau stehen. Acht zeitgenössische Künstler wurden gebeten, sich mit dem Bauhaus auseinanderzusetzen. So hat der belgische Architekt Robert Robbrecht 2013 einen Golfklubpavillon, den Ludwig Mies van der Rohe einst skizziert hatte, als temporären Bau bei Krefeld auf eine Wiese gestellt. Joachim Brohm, Professor für Fotografie an der Leipziger HGB, wiederum hat diesen fotografiert. Ein filigranes Spiel aus Licht und Linien. Formen, Raum und Linien spielen bei der Leipziger Künstlerin Oskar Rink eine große Rolle, wenn auch ganz anders. Für ihre Installation „Bau“ hat sie eine Art meterhohen Kasten mit Formen gefüllt, die aus einem Kandinsky-Gemälde gefallen sein könnten und aus dem Rahmen zu fallen drohen. Aber ist der Blick von der Seite nicht eigentlich einer von oben?

Perspektivwechsel und Spielfreude

Solche Perspektivwechsel und Spielfreude kann dieses in diesem Jahr auf allen Kanälen zur Ikone erhobene Bauhaus gut vertragen: Gropius und Feiniger luden 1921 die künstlerische Avantgarde ein, sich unter dem Titel „Neue Europäische Graphik“ an einem fünfteiligen Mappenwerk zu beteiligen. Die zweite, für französische Künstler vorgesehene, erschien nie. Felix Martin Furtwängler hat die Einladung jetzt etwas verspätet angenommen und um seine grafischen Imaginationen eine fiktive Überlieferungsgeschichte samt einer rätselhaften Biographie gestrickt. Vom Bauhaus zum Surrealismus – eine ganz neue Linie.

Bauhaus_Sachsen im Grassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5–11; bis 29.9., geöffnet Di–So, Feiertage 10–18 Uhr, Mo geschlossen; Eröffnung: Mittwoch, 18 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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