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Kultur Regional Von Aster und Steenbergen frönen ihrem Schreibtourette
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06:46 15.02.2019
Fürs Foto Händchen zu halten, fiel ihnen augenscheinlich nicht leicht: Christian von Aster (links) und Carsten Steenbergen.
Fürs Foto Händchen zu halten, fiel ihnen augenscheinlich nicht leicht: Christian von Aster (links) und Carsten Steenbergen. Quelle: PR
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Schriftlich ausgetauschter Hass hat Hochkonjunktur. Die Kommentarfunktion des Internets hat die Stammtisch- und Vor-dem-Fernsehen-Pöbler an die Öffentlichkeit gespült. Fakten- , oft auch Orthografie-resistent, unter Zuhilfenahme persönlicher Beleidigung und Bedrohung, wird gewütet, was das Zeug hält. An jedem umgekippten Fahrrad tragen wahlweise „die Flüchtlinge“ oder Angela Merkel Schuld. Ohnehin ist alles eine große Weltverschwörung „der da oben“, um „uns hier unten“ klein zu halten.

Verschwörungswahn befällt auch einen Protagonisten im neuen Gemeinschaftswerk Christian von Asters und Carsten Steenbergens, in welchem sie der gegenseitigen schriftlichen Abneigung die Kultiviertheit in Form des Briefes zurückgeben.

„Die Wutbriefe“ gibt es im praktisch schmalen Taschenbuch oder für besonders Bibliophile in einer schönen Sonderedition als echte, nachgedruckt handschriftliche Einzelbriefe. Das Hörbuch, gelesen von beiden Autoren, gibt es jeweils dazu.

Von Aster verwandelt sich in Berndt Klötzke. Ein Unsympath, weil esoterischer Verschwörungsklugscheißer sondergleichen. Offenbar ist dem ehemaligen Kinderbuchautor seine Figur Gecko Ferdinand etwas zu Kopf gestiegen. Einst der „männliche Astrid Lindgren der Lurchliteratur“, heute Anhänger der reptiloiden „alternativen Wahrheitsbewegung“.

Steenbergen alias Timo von Spitz kommt als ehemaliger Science-Fiction-Autor und nun Fabrikant für Damenhygieneprodukte abgesehen von einer merkwürdigen Fixierung auf seinen Adelstitel zunächst etwas bodenständiger daher. Aber auch das geht vorbei.

Durch die Höflichkeit grinst Verachtung

Gleich nach der adjektivlosen Anrede des ersten Briefes spricht Klötzke von Spitz von jeder literarischen Begabung frei („Gefallen hat mir an Ihrem Buch übrigens das Papier“) und fragt, getrieben vom eigenen Verschwörungsglauben, nach faktischen Hintergründen in von Spitzens Werk. Unwillig darauf einzugehen wirft von Spitz Klötzke mit wohlformulierter Niedertracht ebenso literarische Bedeutungslosigkeit vor.

Anders als im Internet simulieren beide in ihrem Schriftwechsel noch ein gewisses Maß an Höflichkeit, durch die dennoch Verachtung grinst. Fortwährend versichern sich die Streithähne „Ich will doch nur Ihr Bestes“, meinen damit freilich nur die Übernahme der eigenen Meinung, dann wäre Ruhe. Damit sind sie nah am Wutaustausch im Internet: Wie schön wäre doch die Welt, gälte „jedem das Meine“.

Bald schon rutscht der literarische Schwanzvergleich ins Persönliche, steigert sich in immer abstrusere, nahezu übergriffige Schreibtourette-Ausbrüche.

Man blättert sich gegenseitig biografische Peinlichkeiten und vermeintliche Psychomacken auf, will den anderen lächerlich machen. Bald werden Dritte in den Hass-Reigen hereingezogen, von der Psychologin bis zum bösartigen Pilz. So droht man sich nicht anwaltlich oder körperlich, sondern mit medizinischer Diagnose, Heimsuchungen der verschiedenen Art und gar dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Wer hier, wie man sich beiderseits vorwirft, von einem Dschinn besessen ist, oder ob beide nicht viel mehr ordentlich vom Gin besessen sind, der sie zu ihre Ergüssen treibt, bleibt bis zur Schlusspointe nur zu erahnen.

Wille zu wahnwitziger Verschwurbelung

Leider hält der anfängliche Spaß am Hass in den Wutbriefen nicht durchweg an, es fehlt gewissermaßen der Anker für den Leser. Der Versuch einer inhaltlichen Ergründung eines nicht existenten Fantasy-Romans ermüdet, ebenso die absurden Umwege, wie sich zwei völlig überzeichnete Charaktere ihrer gegenseitigen Abneigung vergewissern. Findet Steenbergen seine Pointen zunächst noch etwas direkter, ist es vor allem der Wille zur wahnwitzigen Verschwurbelung in Asters Sprache, sein offensichtlicher Fetisch, Komik aus überdrehtem Formulierungspathos zu gewinnen, der sich abnutzt und den Lesefluss hemmt.

Den „ehrenamtlichen Club der Brieffreunde spirituell motivierter Serienmörder mit bipolarer Störung in geschlossenen Einrichtungen“ liest man noch augenzwinkernd weg, stolpert man aber wiederholt über Gag-getriebene Wendungen wie „metakryptoesoterisch“, wünscht man sich bald die beiliegende CD her. Im Hörspielgewand ist das Ganze um einiges unterhaltsamer, nicht zuletzt wegen von Asters sonor süffisanter Art, seinem Klötzke Ausdruck zu verleihen.

Schönster direkter Hass mit kreativ neuen Schimpfwörtern, etwa „Oberdünnpfiffgurgler“, liefert noch ein auftauchender Drohbriefes von „Pips dem Pilz“, dann naht auch schon die bereits erahnte Schlusspointe, die beide Streithähne zusammenführt und, positiv gedeutet, so etwas sagt wie: Am Ende sind wir mit unseren Ansichten und Meinungen wohl in etwa gleich normal oder verrückt und sitzen alle im selben Boot.

Christian von Aster, Carsten Steenbergen: „Die Wutbriefe“, Buch und Hörbuch, Verlag „The Dandy Is Dead“, 54 Seiten, 71 Minuten, 18,90 Euro; nur CD 9,90 Euro, Download 7,99 Euro; Super-Sonder-ach-du-liebes-bisschen-Edition 34,90 Euro; Lesung mit beiden Autoren kommenden Dienstag, 19. Februar, 20 Uhr, im Krystallpalast-Varieté, Magazingasse 4, Eintritt 16/12 Euro.

Von Karsten Kriesel