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Kultur Regional Von Fanta Vier bis Marteria: Höhepunkte beim Highfield-Abschluss
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16:41 20.08.2018
Mit dem Rapper Materia ging das Festival am späten Sonntagabend zu Ende.
Mit dem Rapper Materia ging das Festival am späten Sonntagabend zu Ende. Quelle: Alexander Prautzsch
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Leipzig

Nach fast 48 Stunden Feiern sollte man meinen, der letzte Highfield-Tag bekäme lediglich den Stempel Kater-Sonntag. Tatsächlich schlurfen am Nachmittag zunächst viele über das Gelände und studieren zur Musikuntermalung das kulinarische Angebot, dass durch den aktuellen Streetfood-Trend inzwischen weit über Bratwurst und Pilzpfanne hinausgeht.

Doch auch die Zusammenstellung auf den Bühnen überzeugt noch am dritten Tag derart, dass die Meisten ihre Restenergien noch bis nach Mitternacht mobilisieren können. Schon früh am Nachmittag bejubeln viele die neue Indie-Hoffnung Razz, deren Mitglieder für Auftritte noch vor ein paar Jahren um schulfrei bitten mussten, aber bereits einen derart ausgereiften Gänsehaut-Sound fabrizieren, dass man sie auch mühelos neben die später am Tag auftretenden Editors hätte platzieren können.

Das sind die Fotos vom letzten Tag des Highfield-Festivals 2018 am Störmthaler See.

Dazwischen sorgen unter anderem Bosse mit rockigem Pop und Madsen wiederum mit poppigem Punk für Begeisterung, beide mit sichtlicher Begeisterung für die Musik und klaren Statements gegen alte und neue rechte Umtriebe.

Co-Headliner Mando Diao tragen zwar Altherren Hemden im Square-Dance-Stil und Björn Dixgårds Stimme hat an Blues-Kratzen zugenommen. Aber an Tanzenergie fehlt es ihrem skandinavischen Garage-Pop-Rock keineswegs und diese leiten sie quasi direkt ins Publikum.

Da sich organisatorisch einige Überscheidungen nicht vermeiden lassen, zieht es noch während des Konzerts viele zur Blue Stage, um den Anfang der Fantastischen Vier nicht zu verpassen. Wer bleibt, wird als Zugabe mit den Hits „Long before Rock’n Roll“ und „Dance With Somebody“ belohnt, zu denen Dixgård, mittlerweile mit freiem Oberkörper, tanzt, als müsse er einen Mick-Jagger-Ähnlichkeits-Contest gewinnen.

Gegen die allgemeine „Endzeitstimmung“

Schließlich angekommen bei den ‚Fantas’ wedeln dort bereits, analog zur musikalischen Aufforderung, unzählige Hände in der Luft. Die nach dem Ausfall von Bad Religion dienstälteste Band des Festivals, deren letzter Highfield-Auftritt ganze 14 Jahre zurückliegt, schafft es mühelos in die Herzen und Beine des überwiegend jungen Publikums. Immer wieder greift sich Thomas D Gegenstände aus dem Publikum, um sie auf der Bühne in die zum Teil fast dreißig Jahre alten Songs einzubauen. Ganz aktuell stellen sie sich im gleichnamigen Song gegen die allgemeine „Endzeitstimmung“ und damit Populismus, ausgrenzendem Nationalstolz und Hass. Genau dem gilt es, Zusammenhalt und Stimmung entgegenzusetzen und von der gibt es an diesem Abend reichlich.

Auch an Tag zwei des Highfield-Festivals war die Stimmung ausgelassen.

Und während man auf der Blue Stage noch abschließend feststellt, dass „Die Da“ Freitags nicht kann und man daher lieber seinem Publikum „Troy“ bleibt, bricht auf der Green Stage ein infernalisches Lichtgewitter los und der Vorhang fällt für Marteria. Viele können sich kaum einen besseren Abschluss-Headliner des einst fast ausschließlichen Indie und Alternative vorbehaltenen Festivals vorstellen als den Rostocker Hip Hopper. Denn wo mittlerweile sowohl Moshpit und politische Haltung abseits vom Gepose im Hip Hop, als auch die Akzeptanz für Samples, Beats und Sprechgesang im Rock angekommen ist, braucht eine „Generation Highfield“ zum Feiern keine geschlossenen Szenen mehr, Hauptsache Party und Message stimmen.

Wohl kaum ein Rapper vereint derzeit erfolgreicher mitreißende Live-Energie, eingängig kraftvollen Sound und pointierte Punchlines zwischen Party und klaren Statements gegen Rassismus, Homophobie und den allgemeinen Wahnsinn erfolgreicher als Marteria. In seiner Liga spielt höchstens jemand wie Casper. Ausgerechnet mit dem hat er ein gemeinsames Album produziert, das in zwei Wochen erscheint. Fast keine Überraschung also, als Casper am Sonntag plötzlich mit auf der Bühne steht und drei neue Songs mit Marteria performt. Für Letzteren nutzen sie direkt die ausgelassene Stimmung und drehen das kommende Live-Video.

Mit Feuerfontänen und gut zehnmal den „garantiert letzten 20 Sekunden“ zum Ausrasten, zu denen Marteria sich zu guter Letzt mit in den Moshpit stürzt, endet das 21. Highfield-Festival schließlich in allgemeiner Euphorie, auf dass es dann eben ein Kater-Montag werde.

Von Karsten Kriesel