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Kultur Regional Von Petersburg bis Samarkand: Bad Frankenhausen zeigt Werner Tübke
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13:15 16.08.2019
Eine Reise, die unter die Haut ging: Werner Tübke im August 1961 im Kaukasus. Quelle: Archiv Brigitte Tübke-Schellenberger, Leipzig
Bad Frankenhausen

Von seiner großen Reise durch die Sowjetunion zehrte Werner Tübke sein ganzes Leben. Das Jahr zwischen Petersburg und Samarkand ging ihm unter die Haut, hat ihn tiefer geprägt, als das damals, 1961/62, abzusehen war. Das Panorama Museum Bad Frankenhausen konzentriert sich zum 90. Geburtstag des Künstlers facettenreich auf seine Studien im sozialistischen Vielvölkerstaat. Die Sonderschau von 140 Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken aus allen Schaffensperioden reflektiert Reiseeindrücke und ist verflochten mit Historie und Literatur des Landes. Diese Vielschichtigkeit klingt schon im Ausstellungstitel an. „Unter fremden Menschen“ ist bereits die Autobiographie Maxim Gorkis überschrieben.

„Fernweh, Heimatlosigkeit, Gottsuche, Armut, ...“

In russischen Dörfern, im Kaukasus, in Georgien und Usbekistan fand der 2004 gestorbene Tübke „Fernweh, Heimatlosigkeit, Gottsuche, Armut, schwarze Bösartigkeit, feste Familienbindungen durch Generationen, perfekte eurasische Hochbildung und selbstverständliche Sprachkundigkeit“. Schon diese Äußerung von 1995 lässt es ahnen: Eine so differenzierte Sichtweise war mit dem propagierten Menschenbild des sozialistischen Realismus nur schwer unter einen Hut zu bringen.

Tübkes stilistische Zuwendung zur Malerei des 15. Jahrhunderts stieß zunächst auf Ablehnung, obwohl die technische Brillanz seiner altmeisterlichen Malerei durchaus gewürdigt wurde. Bezeichnend ist auch der Eiertanz um seine Entlassung als Oberassistent an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst 1957, seine Wiedereinstellung 1962 und die von Studenten verhinderte neuerlicher Kündigung 1968. Ausstellungen in Italien brachten international den Durchbruch und zunehmend Anerkennung in der DDR. Mit dem gigantischen Panorama zur frühbürgerlichen Revolution in Deutschland, das vor genau drei Jahrzehnten in Bad Frankenhausen vollendet wurde, hatte sich Tübke endgültig seinen Platz im Kunst-Olymp gesichert. „Elf Jahre Elend“, nannte er ironisch den Entstehungsprozess der fulminanten Szenerie. Inzwischen wird das Rundbild als die Sixtina des Nordens gehandelt, ein stolzer Vergleich, der immerhin Parallellen zu Michelangelo zieht.

Sublime Seelenstudien, ewiges Welttheater

Die aktuelle Sonderausstellung nun setzt auch dieses monumentale Werk in neue künstlerische Zusammenhänge. Da gibt es weite Landschaften, die mit ihren Felsen, Schluchten und jahrhundertealten Kirchen in Zeitlosigkeit sinken, die ewige Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart heraufbeschwören. Doch auch die Menschen, Kolchosbauern, Viehzüchter, Straßenarbeiter, Russinnen und Tatarinnen lassen sich in ihren Gewändern kaum zeitlich verorten. Sie überraschen als sublime Seelenstudie oder verschmelzen mit der Landschaft zu figurenreichen Inszenierungen eines ewigen Welttheaters, in dem die kollektive Erinnerung an den tausendfachen Völkermord an den Armeniern ebenso mitschwingt wie Stalinistischer Terror, Hungersnot und Blutvergießen im Gefolge der Zwangskollektivierung der Bolschewiki. Mehrfach wird der Tod in den Bergen thematisiert, Metapher der Vergänglichkeit aber auch Anklang an das Apokalyptische, das in Tübkes Bilderkosmos schwingt. „Die Zeitachse ist für mich nicht nur perforiert, sondern im Grunde nicht existent ... Kunst von früher kenne ich nicht, sondern nur Kunst, die Zeitdistanz ist aufgehoben …“, umriss Tübke in einem Interview 1975 die inhaltliche wie formale Orientierung seines Schaffens.

Zwischen brillanten Zeichnungen setzen in der Auswahl Gemälde wie das Bildnis des Viehzuchtbrigadiers Bodlenko erlesene farbige Akzente. In der kunstvollen Überlagerung lasierender Schichten entstand 1962 unmittelbar nach der Reise eine damals irritierend altmeisterliche Malerei von exzellenter Stofflichkeit, die auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden für Aufregung sorgte. Moniert wurde die eigentlich nur konsequente Herrscherpose zu Pferde, die im Stile der Renaissance zelebrierte Malerei. Die Kritik zielte auf Tübkes Verhältnis zum Erbe, unterstellte ihm Eklektizismus. Ein Schlüsselwerk jener Schaffensperiode ist auch der Bauernmarkt in Samarkand, ein Wimmelbild vor der berühmten Moschee Bibi Chanum, eine von Erdbeben gezeichnete Ruine, die noch von großer Geschichte und einstigem Glanz kündete.

Die ausgefeilte Szenerie spielt vor grandioser Architektur den ganzen Kosmos einer Welt aus, in der Exotisches und Überliefertes, Modernes und Fremdes aufeinanderprallen. Militärtransporter und Eselskarren, gepflegte Automobile und Kinderschlitten, modischer Chic und usbekische Tradition verdichten sich mit Bauwerken und verschneiter Landschaft zu einem imposanten Bild der Gesellschaft.

Auseinandersetzung mit dem Nationalkomitee „Freies Deutschland

Thematisch ebenso mit der Sowjetunion verbunden, offenbart sich ein weiterer Komplex der Schau: Tübkes 1968 einsetzende Auseinandersetzung mit dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“. Dessen Ziel war der Kampf gegen den Nationalsozialismus, der Plan, deutsche Soldaten vom verbrecherischen Angriffskrieg auf die Sowjetunion zu überzeugen und den Kampfgeist der Wehrmacht zu unterhöhlen. In der DDR stiegen Mitglieder des NFKD wie Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Wilhelm Pieck, Erich Weinert in Schlüsselpositionen auf. Dazu zählte ebenso der politische Hardliner Alfred Kurella, der sich für Tübkes Studienreise durch die Sowjetunion eingesetzt hatte. Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, weist im Katalog der Sonderausstellung in einem profunden Beitrag darauf hin, dass das Werk für das Dresdner Armeemuseum in der neueren Forschung als Bewährungsauftrag galt, „der eine Phase der Spannungen zwischen seinen institutionellen Auftraggebern und dem bis dahin oft als problematisch eingestuften Künstler beenden sollte“.

Tübke kreiste das Thema mit sieben Gemälden, 39 Zeichnungen, sechs Aquarellen und einer Radierung ein. Zöllner nennt diese Serie „ein besonders aufschlussreiches Beispiel staatlich gelenkter Auftragskunst“. In Bad Frankenhausen ist das Requiem zu sehen, das mit seiner Predella Bezüge zu Bildformen christlicher Ikonographie aufnimmt. In theatralischer Ausleuchtung organisiert Tübke das Bildgefüge mit einer figurenreichen Komposition einander gegenüber stehender Menschengruppen – überragt von einer nutzlos gewordenen Zusammenballung demolierten Kriegsgeräts und einer von roten Fahnen geprägten Friedensvision.

Pointe, die unfreiwillig ins Komische kippt

Das Hin und Her im Ringen um die endgültige Bildlösung liest sich aus dem zeitlichen Abstand durchaus fesselnd – bis hin zur Pointe, die unfreiwillig ins Komische kippt. Kurella drängte sich als Berater auf, wollte Ulbricht als zentrale Figur der endgültigen Bildlösung. Tübke gab nach. Als das Armeemuseum eröffnet wird, ist längst Erich Honecker Mode. Die Herausstellung von Ulbricht, die Tübke gar nicht geplant hatte, störte jetzt erheblich. Also wird das Bild abgehängt. Der Künstler allerdings hat aus dem Dilemma seine Lehren gezogen und sich in Bad Frankenhausen nach Absegnung des Grundkonzepts jede Einmischung verbeten.

Unter Fremden Menschen, Werner Tübke, Von Petersburg bis Samarkand, bis 3. 11., Panorama Museum Bad Frankenhausen, Am Schlachtberg 9, 06567 Bad Frankenhausen, geöffnet Di bis So 10–17 Uhr, Juli und August auch Mo 13–17 Uhr

Von Ingrid Leps

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