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Kultur Regional Vor 100 Jahren starb der Musikwissenschaftler und Lexikonautor Hugo Riemann
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14:39 08.07.2019
Hugo Riemann
Hugo Riemann Quelle: Archiv
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Leipzig

164 Lehrveranstaltungen in 36 Jahren: Vom Wintersemester 1878 („Die Entwicklung der abendländischen Notenschrift“) bis zum Sommersemester 1914 („Historische Kammermusikübungen“) unterrichtete Hugo Karl Wilhelm Julius Riemann an der Universität Leipzig. Morgen vor 100 Jahren starb der Professor, Privatdozent, Musiklehrer und Komponist im Alter von 69 Jahren nach mehreren Schlaganfällen.

Unter unsicheren Einkommensverhältnissen

Sein kaum überschaubares lexikalisches, musiktheoretisches, didaktisches Werk erlebt noch heute regelmäßige Auflagen, etwa die „Anleitung zum Partiturspiel“. Doch erstaunlicherweise wurde der am 18. Juli 1849 in Großmehlra bei Sondershausen als Sohn eines Rittergutsbesitzers geborene Hugo Riemann erst 1905 an eine Universität berufen. Die ersten Auflagen seines bis zu seinem Tod in acht von ihm aktualisierten Auflagen erschienenen Musiklexikons und andere Schriften erschienen also noch unter weitgehend unsicheren Einkommensbedingungen.

der Lehrer Regers und Pfitzners

Der Lehrer von Max Reger und Hans Pfitzner studierte nach dem Abitur 1868 Musiktheorie bei Ernst Friedrich Richter in Arnstadt, Komposition bei Carl Reinecke und Musikgeschichte bei Oscar Paul am Konservatorium und an der Universität in Leipzig. Seine Dissertation wurde dort allerdings abgelehnt, den Doktortitel erhielt er erst 1873 in Göttingen. Riemanns Habilitationsarbeit „Studien zur Geschichte der Notenschrift“ folgte unter seinem Gutachter und Förderer Philipp Spitta 1878 an der Universität Leipzig.

Zu seinem mit häufigen Umzügen verbundenen Arbeitsorten gehörten neben der Universität Leipzig die Konservatorien in Hamburg und Sondershausen. In Bromberg hatte er eine Chorleiter-Stelle, und er lehrte fünf Jahre am Konservatorium von Albert Fuchs in Wiesbaden.

In Leipzig wurde Riemann 1908 Direktor des von ihm gegründeten musikwissenschaftlichen Instituts (Collegium musicum), 1911 Honorarprofessor und 1914 Direktor des ebenfalls von ihm gegründeten „Staatlichen sächsischen Forschungsinstituts für Musikwissenschaft“.

Schier unglaubliches Arbeitspensum

Familienangehörige des Gelehrten berichten von dem schier unglaublichen Arbeitspensum bis zu 18 Stunden täglich, in denen Riemann seine theoretischen Schriften verfasste. Seine Themen reichten von der Musik der Antike bis zu ästhetischen Fragestellungen wie dem Hören von Musik und lexikalischen Arbeiten (unter ihnen das bei Erscheinen neuartige „Opernhandbuch. Repertorium der dramatisch-musikalischen Literatur. Ein notwendiges Supplement zu jedem Musik-Lexikon“). Riemann schrieb umfangreiche Werkkommentare über Beethovens sämtliche Klaviersonaten und Einzelanalysen zu sinfonischen Werken von Schumann, Mendelssohn, Tschaikowski, Brahms und Rimski-Korsakoff.

Stark wertende Haltung

Der Vater von fünf Kindern wäre gerne Pianist geworden. Seine eigenen bis zur Opuszahl 69 reichende Kompositionen, vor allem kurze Charakterstücke für Klavier, Chöre und Lieder, bleiben unbeachtet. Riemann genießt heute Wertschätzung als Mitbegründer einer systematischen Musikwissenschaft und Autor von Standardwerken, selbst wenn seine Neigung zur Heroengeschichtsschreibung eine stark wertende Haltung aufzeigt und aus der Perspektive einer objektivierenden Methodik veraltet wirkt.

Riemanns Schaffen erhielt einen komödiantischen Epilog: Der amerikanische Musikkritiker Tom Johnson komponierte seine „Riemann-Oper“ auf Artikel aus dessen Musik-Lexikon.

Das Zentrum für Musikwissenschaft der Universität Leipzig widmet Riemann von morgen zum 12. Juli die Internationale Tagung „Musikforschung zwischen Universalität, Nationalismus und internationaler Ausstrahlung“.

Internationale Riemann-Tagung der Universität Leipzig: 10. bis 12. Juli im Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig und im Hörsaal D0.21 der Hochschule für Musik und Theater am Dittrichring. Details: www.uni-leipzig.de

Von Roland H. Dippel