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Kultur Regional „Wahrheit oder Pflicht“: Oper Leipzig und naTo kooperieren zum ersten Mal für Musiktheaterstück
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19:30 24.05.2019
„Wahrheit oder Pflicht“ : Dieses Partyspiel ist gar nicht nötig, um den Abend im gleichnamigen Stück des Jugendchors der Oper Leipzig aus dem Ruder laufen zu lassen. Quelle: Fotos (2): Florian Merdes
Leipzig

Es beginnt unvermittelt: Die Leute im Alter zwischen 16 und 28 sind bereits auf der Bühne im Gespräch. Elektrobeats hallen unaufdringlich aus Lautsprechern. Alle warten am Donnerstagabend auf eine besondere Premiere in der Leipziger naTo. Das Soziokulturelle Zentrum kooperiert zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution zum ersten Mal mit der Oper Leipzig. Premiere auch für den Jugendchor der Oper, der die Musiktheaterproduktion „Wahrheit oder Pflicht“ dafür zum ersten Mal aufführt.

Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre, den Übergang zum Spiel übernimmt die Erzählerstimme von Thomas Dehler, der das Geschehen verortet. Wir befinden uns auf einer Abschlussparty „am Fluss unter einer Brücke“.

Botschaft aus der DDR-Vergangenheit

Die Zwillinge Tom und Annie werden überrascht. Es ist ihr Geburtstag, nach dem gerade bestandenen Abi treffen sich die Schüler vielleicht zum vorerst letzten Mal. Die Zwillinge liefern nur den Anlass, sie sind nicht die Helden der Handlung, die an dieser Stelle nur einen Anstoß braucht. Der kommt in Form einer Flaschenpost im Fluss.

„Gestern hatte ich einen Traum“, beginnt die Botschaft des namenlosen Erzählers, der sich bei seinem Freund Peter entschuldigt, weil er ihn an zwei „Anoraks“ verraten habe – aus Angst. Die Jugendlichen sind uneins: Was hat das, was „doch total nach DDR klingt“ noch mit ihnen zu tun? „Es ist Wochenende, Freitag, Party!“

Wandel im Osten berührt die Biografien immer noch

Als Leipziger, der Stadt, wo die Handlung spielt, doch so einiges. Sei es, dass die Lehrer, von denen die Eltern schon genervt waren, noch dieselben sind oder – wie bei Greta – der Vater kurz vor der Wende den Osten verließ. Abgehauen, Frau und Söhne zurückgelassen, noch einmal neu angefangen. Das Kind, in einer neuen Beziehung im Westen geboren, zieht mit dem Vater zurück und kommt nie im Osten an. Die zerrütteten Biografien nachzuzeichnen, die die Wende zum Teil geschaffen hat, gelingt in der Kürze.

Eine Stärke des Stücks ist auch, dass es Techniken analog zum Film einsetzt. So setzt es Fokuspunkte und erschafft auf der kleinen Bühne ohne viele Requisiten Nebenschauplätze. Da geht etwa ein Spot auf eine Einzelperson. Während Musik und Gespräche „ausgeblendet“ sind, kann sie ihren inneren Monolog sprechen.

Anleihen beim Film

Auch schön, wie die eingesprochene Zeitdokumente aus dem Off auf der Bühne durch die Schauspieler „überblendet“ werden: Im Film ein längst verbrannter Kniff, um einen Briefverfasser aus der Vergangenheit ins Jetzt zu holen, hilft es hier, aus dem linearen Bühnengeschehen auszubrechen. So gelingen Zeitreisen.

Die führen zurück, etwa zur Kommission, die über eine Eignung für ein „ML-Philosophiestudium“ entscheidet. Der Sprecher eignet sich nicht, zumindest für die getreuen Anhänger des „Marxismus-Leninismus“, die die 20 Jugendlichen derweil – in Reih und Glied an der Bühnenfront – darstellen.

„Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!“, singen sie. Neu arrangiert, gelingt es dem heute unfreiwillig komischen Lied Louis Fürnbergs etwas Einschüchterndes zu verleihen.

Vergangenheit mit Jugendlichen und Zeitzeugen erarbeitet

Offen bleibt, ob heutige Jugendliche, die das Stück spielen oder sehen, dazu einen Zugang haben. „Sie waren anfangs nicht total begeistert“, berichtet Jugendchor-Leiterin Sophie Bauer von den Proben. „Sie sind zum Teil weit nach der Wende geboren, so dass das in ihrer Lebenswirklichkeit keine Rolle mehr spielt. Die DDR ist ihnen vielleicht nur im Geschichtsunterricht begegnet.“

Dafür lebt „Wahrheit oder Pflicht“ von den eingesprochenen Texten – authentische Zeitdokumente und Erinnerungen, sagt Bauer. naTo-Geschäftsführer Falk Elstermann stellte sie unter anderem bereit.

Gesellschaftskritik dank Klassenraum

Wie simpel es ist, Andersdenkende auszugrenzen, zeigt eine weitere Szenenfolge. Auf drei Zeitebenen wird ein Klassenraum gezeigt: ein realsozialistischer, einer unmittelbar nach der Wende und ein heutiger.

Interessant ist, dass es in allen Fällen die Lehrer sind, die ausgrenzen. Was auch verblüfft ist, wie simpel es ist, diesen „uniformierten“ Schulalltag ohne Sitzbänke auf der Bühne darzustellen: Schüler knien nebeneinander. Dieselbe Pose, das wirkt. Das reicht. Die Pfarrerstochter, die keine Pionieruniform trägt, ist automatisch im Abseits. Hier verkürzt das Stück vielleicht zu stark, erläutert nicht den Konflikt zwischen Kirche und Staat.

Dafür zeigt es, wie sich diese Ausgrenzungsmechanismen fortsetzen: Wer sich zum Fasching kein teures Kostüm leisten kann, kommt nicht mit aufs Bild. Und wer als Migrantenkind von einer Lehrerin unterrichtet wird, die ihren Rassismus mit in die Schule bringt, erlebt tagtäglich einen Spießrutenlauf. Hier ist „Wahrheit oder Pflicht“ wieder nah an den jungen Helden des Stücks, aber auch an den Darstellern. Dass diese auch die Erwachsenenrollen besetzen, wirkt konsequent.

Ende bleibt – wie die Flasche – offen

Was nicht ganz gelingt ist, den Handlungskonflikt aus der Flasche dem im Hier und Jetzt ähneln zu lassen. Die Geschichte von einem Hund der fortläuft, weil einer der Jungen eingeschüchtert wird, wirkt zu konstruiert. Es ist etwas anderes, wenn man von Schlägern aufgehalten wird oder ob einem der Staat nachjagt.

Das Schlussbild wiederum entlässt die Besucher mit Fragen: Fast zu euphorisch wirkt das „Freedom, Freedom, nothing left to lose. Freedom, Freedom, everyone can choose.“ Hat nicht das Stück gerade gezeigt, dass Freiheit selbst heute nicht einfach so wählbar ist? Ist das die traurige Ironie? Oder steht ein Wunsch am Ende?

Wahrheit oder Pflicht, Sonnabend, 20.30 Uhr, naTo, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 8. Weitere Aufführungen sind für den Herbst geplant.

Von Manuel Niemann

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