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Kultur Regional Was den Staat trägt: Festival „X Spindeln“ über Industriekultur
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11:01 12.06.2019
Eines von drei „X Spindeln“-Projekten: „Labora“ von Irina Pauls. Quelle: Matthias Zielfeld
Leipzig

Man kann an dieser Stelle mal etwas staatstragend beginnen: 2020 wird es unter dem Motto „Industrie. Kultur. Sachsen.“ im Freistaat ein „Jahr der Industriekultur“ geben. Denn wie Dirk Schaal, Leiter der Koordinierungsstelle Sächsische Industriekultur bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, betont: „Das Industriezeitalter ist nicht abgeschlossen, es hat sich nur gewandelt. Die Beschäftigung mit Industriekultur ist identitätsstiftend.“

Um derlei Staatstragendes erst einmal sein zu lassen und zur Kunst zu kommen. „X Spindeln“ heißt das kleine Festival, zu dem ab Donnerstag das Lofft auf die Baumwollspinnerei einlädt. Also auf ein Gelände, das ja ganz und gar Industriekultur ist. Und mit einem Programm, das unter den Schlagworten „Kunst, Industrie, Kultur“ firmiert. Was fraglos eine etwas andere Gewichtung als „Industrie, Kultur, Sachsen“ artikuliert – aber sicher auch diesbezüglich seinen identitätsstiftenden Beitrag leisten wird.

Entstand doch die Grundidee für das Festival mit dezidiertem Blick auf besagtes Industriekultur-Jahr: „Wir sind ja hier“, erklärt im Gespräch Sebastian Göschel, im Lofft für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich, „als Theater inmitten eines großen Museums, einem Industriedenkmal ansässig. Da stellt sich natürlich die Frage: Was machen wir damit?“

Hörspaziergang durch die „Fabrik der Frauen“

Gute Frage. Denn mag auch Industriekultur gerade das große Ding in Sachsen sein, so fällt die Partizipation einer sich mit dem Themenfeld explizit auseinandersetzenden darstellenden Kunst vergleichsweise gering aus. Dabei könnte gerade diese, nicht zuletzt auch dank ihrer geringeren kommerziellen Gewinnspannen, ihrer Unmöglichkeit der künstlerischen Kapitalanlagenproduktion, den Kontrapunkt bieten zum geschäftstüchtigen und tourismusaffinen Zwitterdasein einschlägiger Industriekultur- und Kunstmanufakturen. Könnte an diesen Orten fotogener Denkmal-Musealität und zeitgeistgestylter Kreativwirtschaft nicht nur historische Wandlungen nachzeichnen, sondern von einer sich in diesen Wandlungen verflüchtigenden (oder auch nur verwandelnden) Substanz erzählen.

Zu „X Spindeln“ versuchen das drei Stücke, allesamt unterstützt von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Und wenn man sich kurz noch mal die Binsenweisheit ins Gedächtnis ruft, dass ein ökonomischer Strukturwandel immer auch ein gesamtgesellschaftlicher ist und dieser wiederum einer der individuellen Lebenssituationen, verspricht, was das angeht, Diana Wessers „Fabrik der Frauen“ geradezu Grundlegendes.

Denn grundlegend meint hier tatsächlich auch Grund-legend. Meint eine Basis, verfügt aus ganz persönlichen, individuellen Erinnerungen und Geschichten. Es waren ja vor allem Frauen, die einst ihre Arbeit an den Spindeln des ehemaligen „VEB Baumwollspinnerei“ verrichteten, über dessen Gelände jetzt Wesser zum Audiowalk, zum Hörspaziergang einlädt. Auf den Ohren dabei: Lebensgeschichten, Erinnerungen, Reflexionen der einstigen Arbeiterinnen. Vor den Augen: Die alten Hallen, die alten Kulissen. Und in diesen dann jene Frauen, die heute dort ihre so ganz anderen Arbeiten verrichten und denen im persönlichen Gespräch zu begegnen, Wessers Hörspaziergang ebenfalls die Möglichkeit bietet.

Eine Frage der Haltung

Wo sich im Strukturwandel die Biografien wandeln, wandeln sich auch Haltungen. „Labora“ heißt das Tanzstück, mit dem Choreografin Irina Pauls diesen Haltungen nachspürt. Was erst einmal ganz konkret Körperhaltungen meint. Körperhaltungen, die bestimmte Arbeitsprozesse und Arbeitsmittel einfordern. Vom Transmissionsriemen ausgehend hin zum Laptop zeigt Pauls dabei den Struktur- als (Körper-) Haltungswandel; umkreist den Menschen an der Maschine – seine Haltung an und zu ihr. Und darüber hinaus vielleicht sogar seine Haltung zu sich selbst; zum Selbstverständnis als Mensch, das sich wandelt und gleich bleibt wie alles andere auch.

Menschen-Wahrnehmung. In „Cloudmeeting“ simuliert Louise Walleneit einen Chatroom als Touchscreen-Installation. Virtuelle Realität und Körperwirklichkeit: ein Raum, umspannt von halbtransparentem Stoff. Die, die draußen stehen, sehen schemenhaft, was drinnen passiert. Und können auch selbst rein; rein, in dieses stoffumspannte, tastensensible Drinnen, wo dann der eigene Körper mit jeder Bewegung Klänge erzeugt, einen Chat der Schritte und Gesten und Sounds. Und über die Impulse zweier Tänzerinnen vielleicht eine kollektive Kommunikation abseits des Verbalen entsteht.

Identitätsstiftender Identitätswandel

Drei Tage, drei Arbeiten. Drei Künstlerinnen: „Industriekultur ist weiblich!“, postuliert Göschel lachend. Mit Blick auf die Geschichte der Baumwollspinnerei als „Fabrik der Frauen“ ein schlicht traditionsbewusstes Statement. Ein Zeichen für eine bestimmte Art identitätsstiftenden Identitätswandel ebenfalls. Nicht nur für Leipzig: „Unser Ziel ist es“, erklärt Lofft-Chefin Anne-Cathrin Lessel, „zum einen sichtbar zu machen, wie facettenreich Industriekultur in Zukunft erfahrbar sein kann. Ebenso wollen wir mit dem Touring-Projekt auch zeitgenössische performative Kunstformen über die großen sächsischen Städte hinaus für ein Publikum erlebbar gestalten.“ Klingt gut, identitätsstiftend auch. Fast schon staatstragend.

„X Spindeln“ im Lofft, Spinnereistraße 7, Halle 7: Donnerstag, 19 Uhr „Fabrik der Frauen“, 19.30 Uhr „Kick off Industriekultur“ (Impuls im Foyer), 20 Uhr „Labora“; Freitag, 10 bis 17.30 Uhr Zukunftslabor Textil, 11 bis 19 Uhr „Fabrik der Frauen“; 18, 19 und 21.30 Uhr „Cloudmeeting“, 20 Uhr „Labora“, 21.30 Uhr Publikumsgespräch dazu; Samstag, 16 bis 22 Uhr „Fabrik der Frauen“, 16, 17, 18 und 19 Uhr „Cloudmeeting“, 17 Uhr „Arbeiten auf der Leipziger Baumwollspinnerei“ (Runde mit den Akteurinnen), 20 Uhr „Labora“, Eintritt zwischen 0 und 16 Euro

Von Steffen Georgi

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