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Kultur Regional Weidingers Wechsel nach Linz war „eine unerwartete und schwierige Entscheidung“
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16:50 28.06.2019
Nach knapp zwei Jahren in Leipzig bereits wieder auf dem Sprung: Bildermuseums-Chef Alfred Weidinger. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Im oberösterreichischen Linz knallen die Sektkorken, und in Leipzig gibt es lange Gesichter: Seit Freitagmorgen, 9 Uhr, ist bekannt, dass Alfred Weidinger, 58, schon im ersten Quartal 2020 vom Leipziger Museum der bildenden Künste, dessen Leitung er erst im August 2017 übernommen hatte, ans Oberösterreichische Landesmuseum nach Linz wechselt.

Weidinger zu seiner Entscheidung: „Als mich die Frage erreicht hat, ob ich mir vorstellen könnte, die Leitung des Oberösterreichischen Landesmuseum zu übernehmen, kam das unerwartet und hat mich vor eine schwierige Entscheidung gestellt. In Leipzig bleiben und das Erfolgsmodell MdbK weiter begleiten oder es noch einmal versuchen, ein Museum für die Zukunft fit zu machen? Der Abschied aus Leipzig fällt mir schwer, doch die Möglichkeit, in meine Heimat Österreich zurück zu kehren, kombiniert mit der großartig spannenden Aufgabe, ein Universalmuseum mit einem so enormen Potenzial neu aufzustellen, war letztendlich zu verlockend.“

Ganz großes Universalmuseum

Tatsächlich gehört das Oberösterreichische Landesmuseum in Linz, das nur eine knappe Autostunde von Weidingers Geburtsort Seewalchen am Attersee entfernt liegt, zu den ganz großen Universalmuseen in Österreich.

Es ist über mehr als ein Dutzend Standorte in Linz und darüber hinaus verteilt, deren wichtigste die Landesgalerie, das Schlossmuseum und das Biologie-Zentrum Linz-Dornach sind. Es hat 180 Mitarbeiter, verfügt über einen Jahresetat von 5,3 Millionen Euro und über einen Fundus von fast 20 Millionen Exponaten aus nahezu allen Bereichen der Kunst, der Geschichte und der Naturwissenschaften.

Seit knapp zwei Jahre leitet Alfred Weidinger das Museum der bildenden Künste in Leipzig – im kommenden Jahr geht er zurück in seine Heimat. Seine Zeit in der Messestadt in Bildern.

Weidinger: „Ich freue mich sehr, für das Land Oberösterreich meine Vision von einem Museum für das 21. Jahrhundert, für alle Generationen, über alle Sparten hinweg, mit allen Mitteln der Kunst zu verwirklichen.“

In ruhigeres Fahrwasser

Am Donnerstagabend wurde in Linz die Bewerber angehört. Sieben Kulturmanager, darunter eine Frau, waren in diese Runde gekommen, drei blieben übrig, von denen Alfred Weidinger sich durchsetzte.

Seine Aufgabe für die kommenden Jahre wird es sein, die Institution wieder in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren: Seit Anfang 2018 wird das Haus von einem Münzkundler kommissarisch geleitet, nachdem die einstige Chefin Gerda Ridler offenkundig einer Intrige zum Opfer gefallen war und das Handtuch warf.

Klassisches Kunstmuseum als „Auslaufmodell“

Mit Blick auf seine künftige Wirkungsstätte sagte Weidinger laut „Tiroler Tageszeitung“: „Es geht um die Zukunft“. Die Zeit der klassischen Kunstmuseen sei vorbei, sie seien ein „Auslaufmodell“, ein „Museumsmuseum“.

Er wolle das Universalmuseum, das gut kontextualisieren könne, zu einem Museum der Zukunft machen und es „dorthin führen, wo es hingehört: ins 21. Jahrhundert“ – interdisziplinär, weltoffen, demokratisch, partizipativ.

Insofern ist das Universalmuseum für ihn kein Gemischtwarenladen, sondern eröffnet „riesige Chancen: Sie werden auch bei meiner Arbeit in Leipzig gesehen haben, dass ich ein großer Freund von interdisziplinären Formaten bin. Natürlich steht dabei die Kunst im Mittelpunkt, und da wird sie auch bleiben. Aber ich glaube, dass es nicht nur eine Herausforderung ist, sondern auch einzigartige Möglichkeiten bietet, wenn man relevante Themen aus unterschiedlichen Disziplinen gleichzeitig angehen kann.“

MdbK „geliebt und geschätzt“

Was Leipzig und das Bildermuseum anbelangt, geht Alfred Weidinger mit einer Träne im Knopfloch aber ruhigen Gewissens: „Mein Fazit nach diesen zwei Jahren ist ganz klar: Das MdbK ist solide aufgestellt, ausgestattet mit einem sehr zeitgemäßen Programm für weitere zwei Jahre, geliebt und geschätzt in der Stadt und wahrgenommen als eines der spannendsten Museen in Deutschland.“

Es sei „durch eine vollkommen neue und auf die Zukunft ausgerichtete Programmierung“ gelungen, „das MdbK als Ort der Begegnung und der Kommunikation in Leipzig zu verankern. Die Stadt Leipzig, ihre Bürger und das Museum befruchten sich gegenseitig.

Die 2019 im Vergleich zum Vorjahr wohl nahezu sich verdoppelnden Besucherzahlen, das große internationale Interesse an den Entwicklungen im MdbK Leipzig und die beachtlichen Projektförderungen sprechen für sich.“

Lebendiger Ort des künstlerischen Diskurses

Das deckt sich weitgehend mit der Einschätzung von Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Die Linke), die Weidinger am Freitag attestierte: „In kürzester Zeit ist es ihm gelungen, das MdbK wieder zum lebendigen Ort des künstlerischen Diskurses zu entwickeln. Mit streitbaren Ausstellungen, vor allem aber mit der aufrichtigen Hinwendung zu den Leipziger Schulen und einer längst überfälligen Aufarbeitung von DDR-Kunst, insbesondere in der Reibung mit gegenwärtigen Positionen der Leipziger Kunstszene, gelang es ihm, dem Museum neuen Relevanz zu verleihen.“

„Die Leute hereinkriegen“

Tatsächlich ist es Weidinger seinem schon bei Amtsantritt am 1. August 2017 formulierten Ziel sehr nahe gekommen: „Wir haben hier ein sehr schönes Museum mitten in der Stadt. Wir müssen nur noch die Leute hereinkriegen.“

Allein die Anfang April eröffnete und noch gut eine Woche laufende Yoko-Ono-Werkschau „Peace is Power“ sahen bisher deutlich mehr als 60.000 Besucher, der bisher zweitbeste Wert im neuen Haus nach Neo Rauch, der 2010 die 100.000er-Marke nur knapp verfehlte und vor Paul Klee (2016, 58.210), doch beginnend mit der großen Arno-Rink-Werkschau „Ich male!“ (ab April 2018) haben die gut zwei Dutzend großen und kleinen Ausstellungen, die unter Weidingers Ägide bisher entstanden, allesamt ihr Publikum erreicht.

Weil Weidingers Motto „Connect Leipzig“ aufgegangen ist: „Das Museum muss mit der Stadt verbunden werden.“ Was durch Weidingers kommunikative Arbeit und zusammen mit seinem „tollen Team“ auch gelungen ist.

Rückstufung vom Eigen- zum Regiebetrieb

Beim Jobwechsel allerdings hört die Kommunikation auf – an der Katharinenstraße wurde man von der Nachricht ebenso kalt erwischt wie im Rathaus, wo man jetzt drei Jahre früher als Gedacht einen neuen Direktor fürs Bildermuseum braucht.

Weidingers Sechsjahres-Vertrag, um dessen vorzeitige Auflösung er nun erfolgreich bat, lief noch bis 2023. Die Befristung war seinerzeit neu. Weidingers Vorgänger Hans Werner Schmidt war noch unbefristet eingestellt worden – und hatte als selbstständiger Amtsleiter einen Eigenbetrieb geleitet. Mit dem Amtsantritt seines Nachfolgers wurde das Bildermuseum als Regiebetrieb dem Kulturamt zugeordnet.

Internationale Ausschreibung

Nun wird die Stelle wieder international ausgeschrieben, Kulturbürgermeisterin Jennicke: „Leipzig und seine Museen sind attraktiv. Alfred Weidinger hat gezeigt, dass hier etwas bewegt werden kann. Mit Sorgfalt und Umsicht werden Verwaltung und die Vertretungen der Fraktionen im Leipziger Stadtrat das Ausschreibungsverfahren angehen.“

Die Schau zur Wende

Bis zu seinem Amtsantritt in Linz, voraussichtlich im März, gilt für Weidinger: „Ich werde meinen Vertrag in Leipzig zu 100 Prozent erfüllen. Es ist nicht meine Art, jemanden hängen zu lassen. Ich bin jetzt ein Leipziger, und in meinem Herzen nehme ich Leipzig mit – die Stadt und ihre Kunst werden gewiss auch für meine Arbeit in Linz eine Rolle spielen.“ Bereits angeschobene Projekte werden mithin bis auf weiteres realisiert: Am 23. Juli bereits eröffnet „Point of No Return“ (bis 3. November), die Schau zur Wende vor 30 Jahren. Vom 6. September bis zum 24. November gibt es Udo Lindenbergs „Zwischentöne“ zu sehen, ab November „Impressionismus in Leipzig I: Liebermann“.

Weidinger „Die große Klinger-Schau im Frühjahr werde ich auf jeden Fall selbst noch eröffnen. Und auch Ai Wei Wei und Gurski finden statt. Ich fände das unseriös, das Museum so programmlos zu hinterlassen, wie es mir übergeben wurde.“

www.mdbk.de

Von Peter Korfmacher

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