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Kultur Regional Wende aus Kindersicht in Leipzig: „Fritzi“-Filmpremiere am 7. Oktober
Nachrichten Kultur Kultur Regional Wende aus Kindersicht in Leipzig: „Fritzi“-Filmpremiere am 7. Oktober
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16:00 17.09.2019
Szenenbild aus dem Animationsfilm "Fritzi - Eine Wendewundergeschichte" Quelle: Weltkino Filmverleih
Leipzig

Wie war das damals, als in Leipzig die Menschen von der Nikolaikirche loszogen, als Massen auf dem Ring demonstrierten und wenig später die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten fiel? Die Älteren erinnern sich. Für die Jüngeren ist es ein fernes Ereignis, dem sie vielleicht in Familiengesprächen begegnen, im Geschichtsunterricht – oder ab Oktober im Kino: Dann läuft„Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ an, ein Animationsfilm über den Herbst 1989 aus der Perspektive der Leipziger Schülerin Fritzi. Eine Zwölfjährige, die nach den Sommerferien erlebt, wie ihre beste Freundin Sophie nicht aus Ungarn zurückkehrt. Und die selber an der Seite des neuen Mitschülers Bela direkt in die Widerstandsbewegung und die Montagsgebete der Nikolaikirche hineinschlittert. Die Nikolaikirche wird am 7. Oktober zum Ort der Filmpremiere.

Ein großes Bilderbuch in großen Bildern: „Fritzi. Ein Wendewunderbuch“.

Das Regie-Duo Ralf Kukula und Matthias Bruhn stößt mit „Fritzi“ in eine Lücke. Denn: „Es gibt noch keinen Kinderfilm zu dem Thema“, sagt Bruhn. Zumindest keinen, der sich mit historischer Genauigkeit bereits an die Acht- bis Zwölfjährigen herantraut. „Ein Animationsfilm für Kinder mit einem politischen Background, das ist man in Deutschland nicht gewohnt“, sagt Kukula. Was zwar das Gesamtprojekt beträchtlich in die Länge gezogen hat, bis genug Finanziers überzeugt waren, jetzt aber für „ein Alleinstellungsmerkmal“ sorgt, wie Kukula anmerkt.

„Genau recherchiert bis zur Kaffeetüte“

Kukula, Geschäftsführer von Balance Film in Dresden, bezeichnet sich scherzhaft als „Authentizitätsbeauftragten“ des Films. „Ich war in der DDR-Umweltbewegung und oppositionellen Kreisen aktiv und habe mit Ende 20 die Wendezeit sehr bewusst erlebt und mit dem Fotoapparat dokumentiert.“ Auch filmisch hat er sich mit der Zeit bereits auseinandergesetzt, wenn auch mehr dokumentarisch wie in „Oktoberfilm“. Für den Spielfilm setzt er die gleichen Maßstäbe an. „Das Publikum muss spüren, dass die Filmemacher die Umstände kannten. Wir haben das bis zur Kaffeetüte in der Küche genau recherchiert.“ Für die Wohnungseinrichtungen, die Schule oder Straßenzüge galt das Credo: „Es muss so aussehen, wie DDR war.“

Kartenverlosung

Wir verlosen in Zusammenarbeit mit der Nikolaikirche und Weltkino Karten für die Filmpremiere am 7. Oktober, 20 Uhr, in der Nikolaikirche. Mitmachen können Sie unter: www.lvz.de/fritzi

Wenn auch ein großer Teil des Hintergrunddesigns in Luxemburg entstanden ist, die Entwürfe kommen vom Leipziger Andre Martini. „Er ist mit dem Zeichenblock in die Archive gegangen und hat Fritzis Wege nachvollzogen“, sagt Kukula. Das führt zu einer gelungenen Melange aus wiedererkennbaren Orten wie der Nikolaikirche und erfundenen, aber von realen Vorbildern inspirierten Häuserfassaden oder Hinterhöfen.

Von der Idee bis zum fertigen Film hat es rund zehn Jahr gedauert. 2009 arbeitete Kukula an einem Filmprojekt mit dem gerade in Leipzig gegründeten Verlag Klett Kinderbuch. Dabei entdeckte er im Verlagshaus die Skizzen zu einem Werk, das zum 20. Jahrestag des Mauerfalls geplant war: „Fritzi war dabei“. Die Vorlage zum jetzigen Film. „Ich war sofort begeistert“, sagt Kukula. „Ein Stoff, so naheliegend, dass man sich fragt: Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen. Aber keiner hat es gemacht. Das ist das große Verdienst des Verlages.“

Der Stoff basiert auf Zeitzeugen-Interviews

Verlegerin Monika Osberghaus, 2009 mit der Familie gerade nach Leipzig gezogen, um den Verlag aufzubauen, wurde von ihrem damals sechsjährigen Sohn zum Thema gestupst. Er stellte viele Fragen über diese sonderbare Zeit mit zwei Deutschlands – und ihr fiel auf, dass es kaum Bücher gibt für Grundschüler, die die Wendezeit gut erzählen. „Mein Mann hatte die Idee, dafür Menschen zu interviewen, die als Kind die Zeit in Leipzig erlebt haben“, sagt Osberghaus, die damals die Autorin Hanna Schott beauftragte. Schott wiederum kam über Pfarrer Christian Führer an Zeitzeugen und komponierte aus mehreren Erfahrungsberichten die Geschichte Fritzis.

Für die Filmfassung hat Drehbuchautorin Beate Völcker den Stoff um Figuren wie Bela und den Hund Sputnik ergänzt und Fritzi, die sich sogar heimlich bis zur Grenze durchschlägt, eine deutlich aktivere Rolle zugedacht. „Wir müssen die Kinder, die vielleicht keine Ahnung von einem geteilten Deutschland haben, auch emotional abholen und über die Geschichte packen“, sagt Bruhn. Was über eine zugespitzte Handlung und eine etwas idealisierende Bildwelt mit rot-goldenen Sonnenuntergängen hinter Braunkohlebaggern gelingen könnte. Beide Regisseure, die sich als Ost-West-Tandem in ständigem Austausch die Arbeit geteilt haben, hoffen, mit dem Film Neugierde zu wecken und Diskussionen in Familien oder Schulen über die Wendezeit auszulösen. Mit einem Film, der zwar überwiegend in Leipzig spielt, aber kein Leipzig-Film sein soll, sondern deutsche und europäische Geschichte verhandelt.

Europäische Kooperationen ermöglichen den Film

Die Bedeutung konnten die Macher offensichtlich vermitteln und „Fritzi“ mit Partnern in Belgien, Luxemburg und Tschechien zu einem europäischen Projekt ausbauen. Prag freilich spielt über die Rede Genschers in der westdeutschen Botschaft auch eine inhaltliche Rolle. In Tschechien feiert „Fritzi“ im November zum 30. Jahrestag der Samtenen Revolution Premiere, die entsprechende Synchronfassung wird derzeit erarbeitet. Vorher ist der Film auf Festival-Tour und zum Beispiel im belgischen Naumur und Bukarest zu sehen.

„Fritzi“ spielt auch als Buch zehn Jahre nach dem Erscheinen eine lebendige Rolle. Autorin Schott tourt mit Lesungen. „Spätestens wenn ich frage, wessen Eltern sich gar nicht kennen gelernt hätten ohne Wiedervereinigung oder wer seine Großeltern nicht besuchen könnte wie Fritzi, weil sie im anderen Teil Deutschlands wohnen, ist das persönliche Interesse geweckt“, sagt Schott.

Der Verlag spürt ein wachsendes Interesse der Schulen. Über Gelder des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Lutz Rathenow, konnte schulisches Begleitmaterial entwickelt werden. Die Stiftung Friedliche Revolution, die jüngst ihre Sorge darüber ausgedrückt hat, dass „die AfD die friedliche Revolution für ihre Zwecke missbraucht“, organisiert für Schulklassen Spaziergänge auf Fritzis Spuren, die allerdings vorläufig ausgebucht sind. Initiiert von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung spendet die Sparkasse Leipzig 10 000 Euro, um möglichst vielen Leipziger Schulklassen den Fritzi-Kinobesuch zu ermöglichen.

Wir verlosen in Zusammenarbeit mit der Nikolaikirche und Weltkino Karten für die Filmpremiere am 7. Oktober, 20 Uhr, in der Nikolaikirche. Mitmachen können Sie unter: www.lvz.de/fritzi

Von Dimo Rieß

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