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Kultur Regional Wie begonnen, so am Pranger: Chemnitz zeigt Kunst einer „Generation im Schatten“
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17:46 07.01.2019
Ruinen als Kulisse für alltägliche Sehnsüchte: Willy Wittig: Ruinen (ohne Jahr, Aquarell, 37 x 48 cm, Leihgabe Iris Kreher). Quelle: Neue Sächsische Galerie
Chemnitz

Es ist eine der Ausstellungen, die keine Sau interessiert, bis sie jemand macht, wonach einhellig bestätigt wird, wie wichtig sie seien. Als „Generation im Schatten“ werden in der Neuen Sächsischen Galerie (NSG) in Chemnitz 15 einheimische Künstler (eine Frau; meist Maler, zwei Bildhauer) mit Werken aus den 40er und 50er Jahren vorgestellt. Wenn man an Chemnitzer Kunst denkt, so die Argumentation, würde die Clara-Mosch-Gruppe (mit dem Hausheiligen Carlfriedrich Claus) und ihr Umkreis all das in den Schatten stellen, was davor war. Daran hätten auch Ehrungen einzelner Künstler als „Die großen Alten“ in den 90er Jahren nichts geändert. Es sei angebracht, diese Generationen, geboren von etwa der Jahrhundertwende bis Anfang der 20er Jahre, als eine Chemnitzer Stärke zu betonen.

Von Vorteil für die Angelegenheit ist, dass der NSG Anfang der 90er Jahre der Bestand der Bezirkskunstgalerie Karl-Marx-Stadt mit der Kunst ab 1945 übertragen wurde. Die Ausstellung kann also auf den eigenen Bestand setzen und wurde von Kurator Alexander Stoll aus den Nachlässen der Künstler wesentlich erweitert.

Dringende Notwendigkeit

Diese „Generation im Schatten“ ist ein Erlebnis schon deshalb, weil hier alles ernst ist. Handwerk und die Kunst der Kunst lassen ihre dringende Notwendigkeit erahnen. Gewiss wirkt die Not der Zeit daran mit, die physische und die seelische. Viele der Künstler waren im Krieg und in Gefangenschaft. In den meisten Werkgruppen tauchen Ruinen auf, meist gespenstisch, wiederholt halb figurativ. Sie sind Spielplatz und Werkbank oder Kulisse für alltägliche Sehnsüchte und Begierden von Krüppeln, Bettlern, Überlebenden. Bei Marianne Brandt, die wenige Jahre zuvor am Bauhaus markante Designs erfand, leitet ein Selbstporträt noch im bauhäuslerischen Pagenschnitt zu giftig-blassen Aquarellen über, Alltagsnotaten in Trümmern.

Die Zeitenwende 1945 wird vom Spannendsten der Ausstellung abgelöst, das leider Wünsche offen lässt. Es ist ungemein lehrreich, wie in den Werkgruppen expressionistische Momente aufleuchten und doch domestiziert bleiben – und wie sie danach je nach Künstler wieder verblassen oder aber durchgehalten werden. Zunächst erlebt im Chemnitz nach der Naturalismus-Doktrin der NS-Zeit der Expressionismus eine neue Blüte. Der Chemnitzer Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel (aus Döbeln) und Max Pechstein (Zwickau) wurden mit Ausstellungen geehrt und beehrten die Region zeitweise mit ihrer Anwesenheit. Sie spornten mehrere Künstler an, auf starke Farbe und kräftige Geste zu setzen. Im Werk von Fritz Keller, Willy Wittig und Heinz Tetzner wirkt dieser Schwung stark, und er hält länger an, was nicht selbstverständlich ist.

Die sozialistischen Kämpfe um die Kunst sind in der Schau zu ahnen

Denn wie begonnen, so am Pranger. Die sozialistischen Kämpfe um die Kunst sind in der Ausstellung zu verfolgen, genauer gesagt: zu ahnen. Schon 1947/48, spätestens 1953 wurde mit Kanonen auf die sogenannten Formalisten, auf expressive und jegliche andere intensivierte Form in der Kunst geschossen: Die Doktrin für einen volksnahen Realismus als Reichtum des vereinigten Volkes verbot die als soziale Isolation verstandenen Eskapaden der kapitalistischen Abstraktion. Die meisten der Künstler überlebten in Brotjobs, teils in der Textilindustrie. Albert Hennig, der in den 80er Jahren mit abstrahierenden Farbfantasien sehr populär wurde, arbeitete davor zwei Jahrzehnte im Betonbau. Seine in dieser Zeit entstandenen Zeichnungen sind zum weiten Feld des expressiven Realismus zu zählen.

Das reichliche Dutzend Künstler ist heterogen, eine Ausnahme stellt Otto Müller-Eibenstock dar. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Abstrakter, ging er nach 1945 in einen moderaten Stil über, der die Geometrie in der Welt herausarbeitet und sie dennoch real erscheinen lässt. Es erfolgt also, so oder so, eine Anpassung. Ist das nun Verleugnung des Eigenen oder auch ein gültiger Zeitstil? Selbst Kurt Teubner, der als Kommunist schon 1942 Malverbot hatte und im hier berücksichtigten Zeitraum magisch-realistisch malte, erlebte erst im Alter ein Coming out. Er stellte dann vor allem fröhlich-dadaistische Objekte her (die späteren Werke sind nicht ausgestellt), was die Frage provoziert: Hat er es 30 Jahre vorher schon gewollt? In dieser Hinsicht ist die Entwicklung des Zwickauers Heinz Fleischer wohl tragisch zu verstehen. Kaum 30 Jahre alt, bekam er 1949/50 einen Berliner und den neuen Max-Pechstein-Preis. Im Sinne des Bild-Tagebuchs eines Frans Masereel und stilistisch im herb-knubbligen Schwarz-weiß der Expressionisten schnitt er die so existenzielle wie witzig-herbe Serie „Rummel“ (1947). Doch in der zwei Jahre später beendeten Folge „Die Grube“ hat sich sein Stil gemäßigt, ist bei der Arbeit am politisch erwünschten Thema berichtend und illustratorisch geworden: Die argumentatorische Geschwätzigkeit hat den „Formalisten“ bezwungen.

Einschränken muss man, dass die kleine Auswahl die beiden Jahrzehnte nicht erschöpfend darstellen kann. Auf zum Beispiel Martha Schrag und Elisabeth Ahnert, die wesentliche Bilder zum Zeitraum beitrugen, wurde verzichtet, weil sie etwas älter sind. Unzufrieden lässt etwas, womit das kleine Museum NSG vermutlich einfach überfordert ist: Zwar verzeichnet der Katalog Biographien der Künstler, anhand derer zu ahnen ist, in welchem Verhältnis sie zu den Zeitläuften standen. Doch wann und wie der sogenannte Formalismus-Streit in Chemnitz verlief, wird nicht erkennbar.

Irdische Seite der Medaille

Überraschenderweise wird auch kein Bezug auf die „Verschollene Generation“ in der deutschen Kunst genommen. Unter diesem Begriff fasste der Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann 1980 Künstler der Generationen zusammen, deren Werk durch den Krieg unterbrochen worden war und danach vergessen wurde. Motivisch und vor allem mit der entschiedenen Liebe der Chemnitzer zum „Expressiven Realismus“, wie der Begriff bei Zimmermann heißt, wäre allein damit schon deutlich zu machen gewesen, dass die Chemnitzer Entwicklung kein regional-marginales Ereignis ist, sondern existentielle Kunstproduktion. Chemnitz glänzt sozusagen als irdische Seite der Medaille. Auf der anderen erstrahlte im Westen der Geist der Abstraktion, der auch einen größeren Schatten warf.

Bis 24. Februar in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz (Moritzstraße 20), geöffnet Mo, Do–So 11–17, Di 11–19, Mi geschlossen

Von Meinhard Michael

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