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Kultur Regional Winzig kleine Weltretter: „Nacht der Mikroben“ im Werk 2
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13:23 16.08.2018
Kein Stand-Up-Comedian, sondern ein Mikrobiologe: Alexander Jousset in der Halle A des Werk 2. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Wie regelmäßig putzt der Otto Normalverbraucher wohl seine Toilette? Vielleicht ein bis zwei Mal wöchentlich. Wie oft hingegen die Tastatur seines PCs? Seltener. Im Werk 2 eröffneten die Moderatoren Benjamin Korth und Federica Calabrese „Die Nacht der Mikroben“ am Mittwoch mit überraschenden und etwas unhygienischen wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Im Durchschnitt besiedeln 20 000 Mal mehr Bakterien Laptop-Tastaturen als die eigenen Toiletten.” Der Gedanke an die Billionen kreuchenden und fleuchenden Mikroorganismen, die mit bloßem Auge gar nicht auszumachen sind, jagt den rund 450 Zuschauern einen Schauder über den Rücken und ein synchrones „Eeew!“ stöhnt durch die Reihen.

Die Halle A der Kulturfabrik ist gut besucht, trotz stickiger Luft und langem Anstehen vor den Türen freut sich das Publikum auf den „Science Slam“. Mit kühlem Bier und einem Gemisch aus Sprachen füllen sich die dunklen Reihen. Das Event findet im Rahmen des 17. Internationalen Symposiums für mikrobielle Ökologie statt, für das sich derzeit mehr als 2200 Wissenschaftler aus aller Welt in Leipzig treffen. An diesem Abend sprechen sechs von ihnen über ihre Erkenntnisse und reißen mit viel Humor auch diejenigen Gäste mit, welche nicht aus den Fachgebieten kommen. Im Stil einer Late Night Show bemühen sich Korth und Calabrese um gute Laune im Saal und bitten nach der Reihe die Dozenten auf die Bühne.

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Karen G. Lloyd von der University of Tennessee macht den Anfang und spricht über die Macht von unentdeckten Mikroben. Um die Vielfalt der Formeln auf der Leinwand verständlicher zu gestalten, sortiert sie diese in Gruppen: Aliens, Babys und Angela Merkels. Sie veranschaulicht so vor allem, wie viele Mikroben im Verhältnis zu bereits bekannten noch unerforscht sind. Dass genau jene jedoch den Klimawandel bekämpfen könnten, betont Lloyd. „Einige Mikroben können Treibhausgase produzieren, jedoch aber auch konsumieren. Die Umwelt-Mikrobiologie ist also eine Revolution.“

Mikroskopischer Humor

Als Weltretter verstehen sich die meisten Vortragenden und erklären, trotz gelegentlicher Gänsehautschauer, die Vorteile ihrer Forschung. „Wir Wissenschaftler haben Humor, auch wenn er mikroskopisch sein mag”, verkündet Calabrese und lacht. Es ist ein schnell wechselnder Austausch aus Wortspielen und zeigt nebenher die attraktiven Seiten der Mikrobiologie.

Alexandre Jousset von der Utrecht University geht in seinem Vortrag auf die Möglichkeiten ein, Pestizide durch bereits vorhandene Mikroorganismen zu ersetzen. „In China sind sie uns hier mal wieder um zehn Jahre voraus”, sagt Jousset. „Mit Hilfe der richtigen Mikroben von gesunden Wurzeln können bereits erkrankte Pflanzen wiederbelebt werden.” Mary Beth Leigh von der University of Fairbanks stellt ihr kooperatives Projekt mit Künstlern vor. „Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Naturwissenschaften, den Künsten, den Geisteswissenschaften und der Gesellschaft ist die Lösung für den Klimawandel.” In ihren Kunstausstellungen hätten sie gemeinsam um eine Empathie gegenüber der natürlichen Welt geworben und nebenbei Wissen weitergegeben, betont Leigh.

Josh D. Neufeld von der University of Waterloo zeigt, dass Mikroben den menschlichen Körper besiedeln und Lebensgefährten meist dieselben an ihren Füßen teilen. Anja Worrich vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung vertritt den Gastgeber der Veranstaltung und erklärt ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse mit Hilfe einer Märchenanalogie. Zwar gibt es für den Pilz-Prinzen kein Happy End, Worrich erhielt für ihre Arbeit jedoch den Doktortitel. Jan Roelof van der Meer von der University of Lausanne schließt den Abend mit seiner These: „Die Erde wird von Bakterien beherrscht und jedweder Widerstand ist zwecklos.“ Das Desinfektionsfläschchen haben nach dieser Belehrung wohl die meisten Besucher stets parat. Dass nicht alle Bakterien schlecht sind, ist jedoch die wichtigere Botschaft des Abends.

Von Lotta-Clara Löwener