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Kultur Regional „Wir wollten ein Zeichen setzen“ – Peter Hinke über seinen Umgang mit dem Sächsischen Verlagspreis
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Wir wollten ein Zeichen setzen“ – Peter Hinke über seinen Umgang mit dem Sächsischen Verlagspreis
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13:17 17.04.2019
Peter Hinke vor seiner Buchhandlung Wörtersee im Peterssteinweg. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der zum zweiten Mal verliehene Sächsische Verlagspreis geht an die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 1990 von Peter Hinke (52) in Leipzig gegründet. Zuletzt ist dort Thomas Böhmes „Puppenkino“ erschienen. Die Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert, vergeben wird sie vom Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, vom Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Im Interview spricht Peter Hinke über sozialdemokratische Träume, Chancen der Branche und darüber, welches Zeichen er setzen wollte.

Sie haben den Ministerien vorgeschlagen, die Preisverleihung finanziell kleinzuhalten und das dafür eingeplante Geld lieber zu spenden. Warum?

Mir war der Gedanke unangenehm, in einem teuren Rahmen einen Preis entgegenzunehmen, während andere Verlagshäuser derzeit durch die Folgen der Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV große Probleme haben. Und ich sehe den Preis auch als Verpflichtung. Meine Idee war ein unterhaltsamer Abend mit einigen unserer Autoren und – mal symbolisch gemeint – Fettbemmen für alle. Und irgendwie damit verbunden eine Förderung der sächsischen Verlage, denen es nicht so gut geht. Ich dachte mir, es wäre authentischer.

Klingt altruistisch.

Ich hatte wohl unbewusst einen Günter Grass im Hinterkopf, der sich in den 60ern sehr unkonventionell mit Willy Brandt aus einem VW-Bus heraus für sozialdemokratische Werte einsetzte. Vielleicht war das ein wenig naiv gedacht. Aber mein Großvater und mein Vater waren glühende Sozialdemokraten, und denen hätte das gefallen, das Ärmelaufkrempeln, das Volksnahe und Kämpferische. Ich wollte mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Zeichen setzen, und ich bin eben, wie ich bin. Für die Förderung der Verlage werden wir uns nun selbst noch etwas Unterstützendes einfallen lassen.

Wie haben die Ministerien auf Ihren Vorschlag reagiert?

Man hat mir freundlich erklärt, dass man bei so einer Preisverleihung ordentlich repräsentieren muss und diese Veranstaltung auch nicht zu textlastig sein sollte. Man muss das natürlich respektieren, denn es sind ja auch die Preisgeber, die ihr Anliegen verbreiten wollen. Ich habe den Eindruck, dass unser Wunsch nach Bescheidenheit und nach einem Signal verstanden wurde. Doch ich bin wohl auf dem diplomatischen Parkett ungeübt (lacht).Allerdings, ich habe viel gelernt: Zum Beispiel, dass die Politiker, die ich in diesem Zusammenhang kennengelernt habe, kulturell sehr interessiert und voller gutem Willen sind.

Etliche Bundesländer haben inzwischen einen eigenen Verlagspreis. Nun will Staatsministerin Monika Grütters einen bundesweiten ausloben. Ein bisschen viel des Guten?

Ich glaube, wenn es verschiedene Ausrichtungen gibt, dann haben alle Preise eine Bedeutung. Ansonsten finde ich in diesem Zusammenhang sehr passend, was Britta Jürgs von der Kurt-Wolff-Stiftung dazu gesagt hat: Es wird mit einer Förderung kleiner Verlage in Raritäten abseits der Massenverträglichkeit, auch in unbequeme Stimmen und Neudenker investiert, so letztlich in kulturelle Vielfalt und in unsere Demokratie.

Wie politisch ist das Verlegen heute?

Wahrscheinlich ist Verlegen immer auch politisch. Es kommt immer irgendwann der Punkt, an dem man sich positionieren muss, ob man will oder nicht.

Sie haben bereits den Deutschen Buchhandlungspreis, der schon länger von Monika Grütters vergeben wird. Sehen Sie das als eine versteckte Förderung, wo ganz andere Bekenntnisse nötig wären?

Die Preise sind indirekt Förderungen, insbesondere aber Anerkennungen der „Lebensleistungen“ kleinerer, unabhängiger Häuser. Und es geht nicht zuletzt darum, mit dem Buchhandlungspreis unabhängigen Verlagen Orte zu geben, die für sie und ihre Bücher offenstehen und die somit hier mehr Präsenz bekommen. Deshalb ist ja auch beim Buchhandlungspreis ein Kriterium, ob die jeweilige Buchhandlung Bücher aus kleineren, unabhängigen Verlagen führt.

Der Börsenverein ist derzeit voller Optimismus. Wie geht es dem Buchhandel aus Ihrer Sicht?

Es ist ein täglicher harter Kampf, man muss sich immer etwas Neues einfallen lassen. Doch manchmal denke ich, die kleinen Sortimenter, die konsequent schöne Ideen auf überschaubaren 50 oder 100 Quadratmetern ausleben, die ihr ganzes Herzblut dort hineinlegen, haben vielleicht mehr Perspektiven als manche größere Buchhandlung, deren Profil nicht geschärft ist und die ständig überlegen muss, was man auf drei Etagen oder mehr anbieten kann.

Lässt sich das auf die Verlage übertragen?

Ich glaube, die Verlage, auch gerade die großen Häuser, stehen mehr denn je unter Druck. Da wird viel gepokert und es wird wohl auch auf gut Glück in Auflagen und Verlagsrechte investiert. Die kleineren Verlage sind bodenständiger, entwickeln Ideen und sind oft spezialisiert. Wenn hier ein Titel oder ein Autor Erfolg hat, dann wird er aber natürlich auch schnell mal von einem Großen einkassiert. Das ist dann der Markt.

Sie haben die Connewitzer Verlagsbuchhandlung 1990 gegründet. Würden Sie so etwas heute auch wagen?

Ja, ich kann nicht anders. Ich muss auch Bücher machen. Allein eine Buchhandlung wäre mir langfristig zu einseitig, aber auch die Verlagstätigkeit allein würde mir nicht genügen. Beides zusammen ist prima, so ist man auch immer mit vielen Menschen im Gespräch.

Welche Hoffnungen und Erwartungen von damals haben sich erfüllt?

Ich glaube, wir haben, in den verrückten Wochen und Monaten der Nachwendezeit ohne langfristigen Plan, allein mit Instinkt, begonnen, dieses Projekt einer Verlagsbuchhandlung umzusetzen. Es war eine surrende, ganz schnelle und aufregende Zeit, wir hatten gar keinen Raum für Hoffnungen und Erwartungen, es entwickelte sich einfach.

Gar keine Hoffnungen?

Gut, vielleicht hatten wir gehofft, nach zehn Jahren finanziell unabhängig zu sein. Aber das war natürlich nicht so. Es ist ein langer Weg.

Welche Träume sind hinzugekommen?

Träume nach etwas mehr Zeit. Zeit, um mal einen Gang zurückzuschalten, um mal zu entschleunigen, privat zu sein – und dann vielleicht wieder mit einer neuen Buchidee zu kommen.

Wegen des Preises wurden Sie in den Buchmesserundgang von Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) aufgenommen. Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?

Es ging auch um die Notwendigkeit, kleinere sächsische Verlage, zum Beispiel diejenigen, die durch die KNV-Insolvenz sozusagen „unverschuldet verschuldet“ sind, zu unterstützen, vielleicht durch eine Strukturförderung, günstige Kredite oder auch schon mal durch ein klares Statement. Herr Dulig ist übrigens literarisch interessiert, sowohl an Klassikern als auch an junger Literatur. Als ich ihm Lene Voigts Gedichte als Wunderwaffe gegen jegliches Problem vorschlug, war er mir schon voraus und konnte ihre Verse frei vortragen. Das hätte Lene gefallen! Vielleicht würde sie auch mit Herrn Dulig im VW-Bus übers Land fahren.

Verleihung des Sächsischen Verlagspreises: am 30. April, 18 Uhr, in den Salles de Pologne, Hainstraße 18 in Leipzig; die Festrede hält Elmar Schenkel, Ulrike Almut Sandig liest Gedichte

Von Janina Fleischer

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