Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Wo ist der Zauber? „Dirty Dancing“ noch bis Sonntag in der Leipziger Oper
Nachrichten Kultur Kultur Regional Wo ist der Zauber? „Dirty Dancing“ noch bis Sonntag in der Leipziger Oper
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:50 27.02.2019
Johnny (Luciano Mercoli) und Baby (Anna Weihrauch) tanzen: Noch bis Sonntag ist die Show „Dirty Dancing“ in der Leipziger Oper zu erleben. Quelle: André Kempner
Leipzig

Was für ein Beginn! Der obligatorisch geschlossene Vorhang mit dem riesigen ikonographischen „Dirty Dancing“-Schriftzug in pinker Schreibschrift wird gar nicht geöffnet, sondern zur beeindruckend bebeamten Leinwand, die Stück für Stück transparent wird und immer mehr Tanzpaare auf der Bühne zum Vorschein bringt. Die Ebenen auf und hinter der Leinwand, gefilmte und real inszenierte, verschwimmen – ein perfekter Einstieg also für die Bühnenumsetzung eines Films, der sich seit Jahrzehnten ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat.

Dirty Dancing“ ist zweifelsohne so einer: die 60er in den USA, Familie Houseman im Ferienressort, die jugendliche Tochter Frances, von allen „Baby“ genannt, der Tanzlehrer Johnny Castle. Sie wissen schon: „Ich habe eine Wassermelone getragen“, „Mein Baby gehört zu mir“, „Das ist mein Tanzbereich und das ist dein Tanzbereich“. Statt auf DVD zuhause gibt’s das Ganze nun also auf der Bühne, sechs ausverkaufte Abende im Leipziger Opernhaus.

Kein Zauber, keine Chemie

Der Film ist sicher kein Meisterwerk im eigentlichen Sinne, aber er ist eben auch nicht nur bisschen Tanzen und bisschen Romantikkitsch. Das zeigt „Dirty Dancing – das Original live on Tour“ mehr als deutlich, denn hier stimmen zwar alle harten Fakten bis ins Detail, und doch fehlt im Grunde genommen alles. Kein Zauber, keine Chemie, kein Zwischen-den-Zeilen, nennen Sie’s, wie Sie wollen. Eine Laienspielgruppe macht Sport, eine mit sehr guten Tänzern und Tänzerinnen und auch ein paar guten Stimmen, aber eben doch eine Laienspielgruppe.

Haben diese jungen Menschen in ihren Musical-Schulen eigentlich mal einen Sprech- oder Theaterkurs belegt? Soll das so sein, dass jeder einzelne Dialog wie in einer dieser unsäglichen Scripted-Reality-Formate aufgesagt wird? Hauptfigur Baby (Anna Weihrach) betont je-de Sil-be je-des Wor-tes und spricht ungefähr so natürlich, wie ein Britney-Spears-Song klingt. Oh, Baby, Baby! Ihre Schwester Lisa (Gloria Wind) hat einen hübschen Wiener Akzent (man kennt ja diese Geschwisterpaare mit verschiedenen Dialekten) und kann wirklich herzerweichend schief singen. Ihr „Lisa’s Hula“ am Ende der Show ist ein großer Spaß, die sprichwörtliche Übersetzung der schon komischen Filmsequenz tatsächlich mal gelungen. Wie überhaupt die ins Lächerliche gezogenen Szenen am ehesten überzeugen: Babys hüftsteife erste Tanzversuche oder das überambitioniert expressive Tanzen von Hotelerbe Neil (Oliver Morschel). Gar nicht überzogen oder lächerlich, sondern einfach nur wunderhübsch ist das Duett von Babys Eltern (Martin Sommerlatte und Kerstin Ibald) im zweiten Teil der Show, es scheint direkt einem Hollywood-Film wie „Frühstück bei Tiffany“ zu entstammen.

Richtig schlimm sind dagegen die ernsten Szenen: Babys Gespräch mit Johnnys Tanzpartnerin Penny (Victoria Kaspersky), die Anfang der 60er-Jahre ein Kind abtreiben möchte; ihr unfassbares Plastikkichern in der einen Tanzübungsszene, in der Johnny (Luciano Mercoli) ihren Arm an seinen Hals legt. Und wie Johnny das eine Mal so traurig und so oberkörperfrei an der Wand lehnt! Da muss Baby einfach: „Tanz mit mir!“, sagen und dann müssen sie einfach auch tanzen, diesen einen Tanz, wie heißt er doch gleich, der, bei dem man der Frau die Bluse auszieht und sie dann aufs Bett hebt und ... Sehr gelungen sind auch das Feudeln des Dienstmädchens, das offenbar noch nie im Leben einen Schrubber in der Hand hatte, und die Schlägerei von Johnny und Robbie, die offenbar noch nie eine Schlägerei gesehen haben. Nicht mal im Film. Ganz toll choreographiert!

Die Hebefigur am Ende stimmt

Natürlich ist die Adaption so eines Pop-Heiligtums ein schmaler Grat: Die einen werden alles toll finden, schon aus Prinzip, die anderen werden jede Kleinigkeit bemängeln, die anders ist als im Original. Dass in dieser Nicht-Musical-nicht-Theater-sondern-einfach-nur-Show, gegen die sich Drehbuchautorin Eleanor Bergstein übrigens jahrelang gewehrt hat, wie im Programm zu lesen ist, ziemlich viel nicht hinhaut, dürften auch die irgendwann mal in Jennifer Grey oder Patrick Swayze Verliebten erkennen.

Es heißt ja, ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Dieses Pferd hier hat erkannt, dass man auch einfach grade durchlaufen kann – bisschen was geht dabei kaputt, aber man kommt ja trotzdem an. Hauptsache, die Hebefigur am Ende stimmt! Und die stimmt.

Von Benjamin Heine

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Autorin stellte ihren Kolumnenband „Die letzten Tage des Patriarchats“ im Leipziger Literaturhaus vor – neben Themen wie Gleichberechtigung oder Selbstbestimmung geht es vor allem um die heftigen Reaktionen auf ihre Texte.

27.02.2019

Gabriele Meyer-Dennewitz prägte das Kunstleben in der DDR als Malerin und Professorin – heute gilt sie als vergessen. Die Galerie Koenitz zeigt Werke von „GMD“ im Rahmen einer Retrospektive.

26.02.2019

„Wir wurden von der Realität eingeholt“, sagt Dramaturg Sebastian Schimmel über „Teenage Riot“. Die Stückentwicklung mit jugendlichen Schauspielern unter professioneller Anleitung bewegt sich am Puls der Zeit und verhandelt junge Protestbewegungen. Am 2. März ist Premiere.

26.02.2019