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Kultur Regional Wofür würden Sie unterschreiben? Schau über legendäre Charta 77 in Leipzig
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15:10 10.09.2019
Zuzana Brikcius (l.) und Johanna Sänger haben die Ausstellung „Charta 77“ im Stadtgeschichtlichen Museum kuratiert. Auf dem Foto im Hintergrund ist Ivan Martin Jirous zu sehen. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Da war es noch lustig“, sagt Zuzana Brikcius und zeigt auf die Fotografien in Schwarz-Weiß. Auf das Bild etwa von Ivan Martin Jirous mit langen Haaren und dickem Brillenrand bei seiner Hochzeit. Auf die Gruppe aus Künstlern auf der Karlsbrücke in Prag. Jirous, genannt Magor, war einer ihrer zentralen Köpfe als Organisator von Kunstveranstaltungen, als Dichter und Musiker der Underground-Band The Plastic People of the Universe, die eine bedeutende Rolle spielte auf dem Weg zur Charta 77.

Ja, da war es noch lustig. Folgt man aber der Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, gelangt man bald an die gegenüberliegende Wand. Hier tut sich quer durch den Saal eine Sichtachse auf zwischen einem späteren Bild Jirous’ an der Seite seiner Frau und dem Hochzeitsfoto. „Dazwischen liegen vier Verhaftungen“, sagt Brikcius.

Viele Unterzeichner landeten im Gefängnis

Brikcius hat sich als junge Frau selbst in den Strudel der Freiheitsbemühungen der CSSR-Opposition begeben und die Charta 77 unterschrieben, die viele Unterzeichner ins Gefängnis brachte und rund 200 in die Emigration zwang. Heute trägt Brikcius dazu bei, die Erinnerung an die aus der Kunstszene gewachsene, wirkmächtige Oppositionsbewegung wachzuhalten. Sie ist Kuratorin der Ausstellung „Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung“, die bereits in der Prager Nationalgalerie zu sehen war und am Dienstag (10.9.) um 18 Uhr im Alten Rathaus eröffnet wird. Für den Anlass hat der tschechische Kontrabassis Tomáš Karpíšek das Stück „Freiheit“ komponiert, das er am Eröffnungsabend mit dem Cellisten Vilém Petras zur Uraufführung bringt.

Die Ausstellung präsentiert sich im Rahmen des tschechischen Kulturjahres und des Gastlandauftritts bei der Leipziger Buchmesse und zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in Leipzig. Konzeptuell leicht verändert und vor allem um einen deutschen Blickwinkel deutlich erweitert. Der Fokus richtet sich auf Wechselwirkungen des Widerstands in der DDR und der CSSR. Ebenso blickt die Ausstellung auf DDR-Künstler, fragt nach Parallelen zur CSSR.

Von der Charta 77 bis zur Samtenen Revolution

Die spätere Sprengkraft der Charta 77 gedeiht auf dem Humus einer lebendigen, nach Freiheit strebenden Untergrund-Kultur. 1976 wurden Mitglieder von The Plastic People of the Universe, die staatlichen Auflagen nicht nachkamen, verhaftet. Philosophen und Schriftsteller, darunter Václav Havel, Ivan Klíma und Pavel Kohout, setzen sich für die Musiker ein, riefen zur Unterstützung auf, und wenige Monate später entstand daraus die Charta 77, die bis zur Samtenen Revolution im November 1989 die Opposition prägte.

Ungehorsame Kunst in der DDR

Johanna Sänger vom Stadtgeschichtlichen Museum, Kuratorin des deutschen Ausstellungsteils, führt zu einem Gemälde der Leipziger Malerin Elisabeth Voigt, die bereits in den 50er Jahren aus der HGB entfernt wurde, die aneckte mit ihrer Kunst. „Wir haben insgesamt acht Kunstwerke ausgeliehen, die für ungehorsame Kunst in der DDR stehen“, sagt Sänger. „Wir haben die Documenta 6 von 1977 zum Anlass genommen, weil dort gegen die Unterdrückung der Charta protestiert wurde und für die Westöffentlichkeit herausgestellt wurde, dass es in der DDR ebenfalls eine Reihe unterdrückter Künstler gab.“ Insgesamt, so Sänger, existierte aber keine so breite künstlerische Bewegung, die sich zugleich politisch positionierte, wie in der CSSR.

Die Ausstellung läuft auf 1989 zu, und es zeigt sich, wie Stasi und die Staatspolizei der CSSR versuchten, Kontakte von Oppositionellen beider Staaten zu unterbinden. Ausgestellt ist ein Ausschnitt aus dem Oppositionellen-Organ „Grenzfall“, in dem ein Betroffener vom Katz-und-Maus-Spiel berichtet, das begann, wenn ein unter Stasi-beobachtung stehender DDR-Bürger in die CSSR reisen wollte.

Rainer Müller lernte Tschechisch

Einer, der das immer wieder getan hat, ist Rainer Müller, Leipziger Bürgerrechtler und Ende der 80er einer der Sprecher im „Arbeitskreis Gerechtigkeit“. Der Arbeitskreis gehörte der organisierten Opposition in der DDR an. „Für unsere Arbeit hatte ich Tschechisch gelernt, um Texte der Charta 77 und anderer Bürgerrechtsgruppen ins Deutsche übersetzen zu können.“

Müller arbeitete an der Untergrund-Publikation „VARIA“ mit, einem Textheft zu den politischen Repressionen in der Tschechoslowakei, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

„Es war selbstverständlich für uns, über die Grenzen zusammenzuarbeiten, ob mit Solidarnosc oder der Charta“, sagt Müller. Aus der Charta 77 wiederum entstand 1978 das Komitee für die Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (VONS). „Das war für uns im organisierten DDR-Widerstand Vorbild für die Gründung der überregional arbeitenden Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR“, sagt Müller. Auch das Prinzip, drei Sprecher zu wählen, die unabhängig von basisdemokratischen Verfahren schnell handeln konnten, wurde übernommen.

Vervielfältigung mit der Wachsmatritzenmaschine

Ebenfalls in der Ausstellung befindet sich eine Wachsmatritzenmaschine, mit der Müller damals Texte vervielfältigte. Versteckt wurde sie in der Kirche Frohburg, 1989 geriet sie aus dem Blickfeld. Müller: „Vor wenigen Wochen hat sie der Hausmeister wiedergefunden.“ Gerade noch rechtzeitig für die Ausstellung. Für eine Ausstellung, die einen großen Bogen schlägt und zeigt, wie die aus Künstlerkreisen entstandenen Untergrund-Strukturen trotz Verfolgung über Jahre Bestand hatten bis zum Fall des kommunistischen Regimes, bis einer ihrer Vertreter, Havel, selbst Präsident wurde. Die das Gedächtnis wach hält in einer Zeit, da liberale Demokratien unter Druck geraten und rechte Kreise mit einer „Charta 2017“ versuchen, die Aura der Charta 77 für ihre Zwecke zu kapern. „Wofür würden Sie heute unterschreiben?“ fragt eine Wand die Besucher der Ausstellung – und verbindet die Werte der Charta 77 mit der Gegenwart.

Charta 77 Story. Kunst und Protestbewegung. Stadtgeschichtliches Museum (Böttchergasse 3), Eröffnung am Dienstag (10.9.) um 18 Uhr im Alten Rathaus; bis 17. Nov.; Rahmenprogramm, u.a.: 24. Sept., 18 Uhr: Zeitzeugengespräch; 10. Nov., 11.30 Uhr, Passage Kinos: Dok-Film „Bürger Havel“; 17. Nov., 16 Uhr: Finissage mit Eugen Brikcius; www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de

Von Dimo Rieß

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