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Kultur Regional Wolfgang Stumph berichtet 30 Jahre danach vom Abhauen und Ankommen
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22:58 16.09.2019
Wolfgang Stumph mit Katrin Riemay, heute Apothekerin in Quedlinburg. Quelle: MDR/Dokfilm/Thomas Koppehele
Leipzig

Zwei Fotos. Eines von damals. Eines von heute. Damals, das war der Herbst 1989. Die Tage aus Abschied, Flucht, Ankunft. Der Wechsel von Ost nach West. Plötzlich und abrupt für die einen, überlegt und mit dem Gefühl einer Chance für andere. Was alle einte: Sie wollten weg aus einer DDR, deren Führung erstarrt war – und unfähig zu irgendeiner Veränderung. Die die Zeichen der Zeit nicht erkannte, obwohl sie selbst die Merkmale einer Umbruchsituation nach Lenin jahrzehntelang gepredigt hatte. Die Fotos von damals: eine Mutter mit ihrer Tochter im Trabi, zwei Jungen, die aus dem Zugfenster in Hof jubeln, ein blondes Mädchen, das auf der Berliner Mauer sitzt, eine junge Frau, die am offenen Zaun auf dem Brocken steht. Unter das Bild hat sie groß geschrieben: Frei!

Auf den Spuren der Grenzgänger

Wolfgang Stumph ist 30 Jahre danach den Spuren der Grenzgänger gefolgt, hat ein halbes Dutzend besucht, nach Erinnerungen von damals und dem Leben heute gefragt und ganz verschiedene Geschichten gehört. Von Fremde und Heimat, Eingewöhnen und Rückkehr, vom Abenteuer Flucht und vom Abenteuer Alltag West.

Einmal geht Wolfgang Stumph über die Brücke der Werra nach Herleshausen. Die Grenze ist verschwunden, geblieben sind die Bilder vom November 1989. Da kamen am ersten Wochenende über die offene Grenze 28 000 aus der DDR, um ihr Begrüßungsgeld von 100 Mark abzuholen. Lange Schlangen vor der Bank, ein übervoller, kleiner Supermarkt. 2,8 Millionen Mark gingen über den Schalter der Sparkasse. Abenteuerlich, wie Amtsleiter Helmut Schmidt das Geld organisierte, wie Supermarkt-Chef Wolfgang Maenz den Nachschub für seine Regale holte.

90-minütige Erkundungstour

„Grenzenlos“, die 90-minütige Erkundungstour, sucht und findet in den Fluchtgeschichten die tiefe Unzufriedenheit, die 1989 das Weggehen leicht machte. In den privaten Erzählungen wetterleuchtet die Halsstarrigkeit von SED und Regierung, die zum Abhauen gleichsam aufforderte. Steffi Seifert war mit Kathi, der siebenjährigen Tochter, gerade am Balaton, als das Paneuropäische Picknick am 19. August die Grenze für drei Stunden öffnete. Sie kam zu spät, landete in Budapest – bis ein Kamerateam der ARD sie und Kathi, versteckt im Bulli, nach Österreich brachte. Heute ist sie in Ottabrunn (Bayern) Spediteurin in ihrer Ein-Frau-Firma. „Leicht war’s nicht, die Entscheidungen im neuen System zu treffen“, sagt die Vogtländerin.

Lydia machte Schlagzeilen

Aus Leipzig geflohen ist Familie Geißler mit drei Kindern. Die vierjährige Lydia machte Schlagzeilen, als sie bei 120 Stundenkilometern aus der Tür des Zuges fiel und nach langen eineinhalb Stunden von Suchhunden entdeckt wurde: Fuß gebrochen, Kniescheibe lädiert, Platzwunden. Heute trifft Wolfgang Stumph in Passau eine 34-Jährige, die freie Maskenbildnerin wurde. Thomas Haase und Dirk Bräuber aus Sebnitz, 22 der eine, 17 der andere, waren jene Zwei, die glücklich aus dem Zugfenster winkten, als der Zug aus Prag am 1. Oktober in Hof eintraf. Schon am 6. Oktober hatten beide einen Job im gleichen Betrieb. Der machte 2018 dicht. Thomas Haase schulte um und betreut jetzt Autisten. Wenn er jetzt die Eltern besucht, fühlt er sich in der Sächsischen Schweiz fremd – trotz der Landschaft. Zurück will er jedenfalls nicht. Das ist bei Katrin Riemay anders. Sie lernte in Bayern, studierte Pharmazie, kehrte 1998 nach Quedlinburg zurück und wurde Chefin der Adler- und Rats-Apotheke, liebt die Natur um die Kleinstadt und geht gern wandern.

Nicht jeder, der vor 30 Jahren gegangen ist, schlug im Westen Wurzeln. Nicht jeder, der unzufrieden war mit der DDR, ging einfach weg. Uwe Hardamm, der Maurer, dachte gar nicht daran. Ein altes Foto zeigt ihn auf einer Brücke über die Ecker bei Stapelburg. Ein hölzernes Provisorium, spontan nach der Grenzöffnung gebaut, vom Technischen Hilfswerk West verstärkt. Die Stimme klingt belegt, wenn Uwe Hardamm vom Empfang jenseits des DDR-Sperrgebiets erzählt. Es war die erste offene Grenze ohne Absprache. Heute rollt Wolfgang Stumph im Auto über die Landstraße 85, die nun nichts mehr weiter ist als einfach irgendeine Landstraße.

Auf die gemütliche sächsische Art

Diese kleinen Momente, dieses kleine Reden über die kleinen Dinge schafft in „Grenzenlos“ (MDR: 29. September um 20.15 Uhr) die Räume zum Erinnern und Nachdenken über eigene Wege. Wolfgang Stumph versucht erst gar nicht, den investigativen Nachforscher zu machen. Er erkundet vielmehr auf die gemütliche sächsische Art – und hört zu. So schließt man eher auf als durch nassforsches Fragen und Nachhaken. Hin und wieder sagt er auch einfach Ich. Sagt, dass er damals geblieben ist, weil er was im Land verändern wollte. Es gab schon bald, nach dem euphorischen Herbst 1989, nichts mehr zu ändern. Nach den Monaten der Anarchie kam der Sommer des Geldwechsels und der Herbst der Vereinigung. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

„Grenzenlos“ erlebt am 23. September, 19.30  Uhr, mit Wolfgang Stumph seine Premiere in der Schaubühne Lindenfels. Das MDR-Fernsehen zeigt sie am 29. September um 20.15 Uhr.

Von Norbert Wehrstedt

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