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Kultur Regional Wutbild unterm Hammer: Neo Rauch versteigert „Der Anbräuner“ für guten Zweck
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20:57 25.07.2019
„Der Anbräuner“ (2019, Ausschnitt) von Neo Rauch kann als Replik in Öl Interpretiert werden. Der Maler reagierte damit auf einen Text des Kunstkritikers Wolfgang Ullrich in der „Zeit“, in dem dieser den Künstler dafür kritisiert, dass beim ihm Motive rechten Denkens zu finden seien. Auf dem Bild pinselt ein Maler aus seinen Exkrementen eine Figur, die den Arm zum Hitlergruß hebt. Quelle: GRK
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Leipzig

Neo Rauchs Bilder sind eigentlich Verweigerungen. Sie sollen nicht zu fassen sein, ihre Geheimnisse bewahren, ins Vieldeutige ausschwingen. Es sei wichtig, bei der Arbeit an einem Bild unklar zu bleiben, sagte der Leipziger Maler vor einem Jahr der LVZ. Thema war seine Arbeit an Bühnenbild und Kostümen für den „Lohengrin“ in Bayreuth, gemeinsam mit seiner Frau, der Künstlerin Rosa Loy. „Wenn man sich einer zu großen Eindeutigkeit befleißigt, dann produziert man Propaganda. Es geht immer um Ambivalenz, immer um das Sowohl-als-auch“, sagte er.

Neo Rauchs Ende Juni in der „Zeit“ veröffentlichtes Gemälde „Der Anbräuner“ fällt aus diesem Rahmen. Es ist ein Wutbild, eine Replik in Öl, die an Eindeutigkeit schwer zu übertreffen zu sein scheint. Am Samstag soll es im Rahmen des GRK Golf Charity Masters unter 400 geladenen Gästen im Hotel The Westin Leipzig versteigert werden, für einen guten Zweck. „Der Anbräuner“ zielt auf einen Kunstkritiker, der mit seinen Exkrementen malt. Ein zumindest interessantes Sujet für eine Wohltätigkeits-Auktion. Ach du heilige Scheiße, möchte man ausrufen.

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Auslöser ist ein Essay über rechts gesinnte Künstler in der „Zeit“

Was aber ist der Zweck des Bildes selbst? Den Hintergrund bildet ein Mitte Mai in der „Zeit“ erschienener Text des in Leipzig und München lebenden Kunstkritikers Wolfgang Ullrich. Unter dem Titel „Auf dunkler Scholle“ – Anklänge an „Blut und Boden“ durfte man wohl mithören – ging es um rechts gesinnte Künstler, die heute als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit aufträten. Auch bei berühmteren Künstlern, schreibt Ullrich, würden sich „einige Motive rechten Denkens“ finden, „allen voran bei Neo Rauch“.

Hinweise für diese Deutung hat der Maler zuweilen selbst geliefert. Ullrich zitiert ihn aus einem im April 2018 im „Handelsblatt“ veröffentlichten Interview: „Vor allem bedient er ein in Ostdeutschland beliebtes Narrativ, wonach Deutschland zu einer DDR 2.0 geworden sei. Wie vor 1989 sieht er sich umgeben von einer ,Bagage der Blockwarte, Gesinnungsschnüffler und der Politkommissare’, die ,wieder da’ seien“.

Schwer zu fassende Aussagen, die aber Fragen aufwerfen

Der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp (der inzwischen für die neurechte Zeitschrift „Sezession“ schreibt) scheine ihm „eher ein Wiedergänger Stauffenbergs zu sein“, sagte Rauch damals ebenfalls dem „Handelsblatt“. Eine Aussage, die der Künstler laut MDR später korrigiert hat. Er habe damit nicht den Eindruck erwecken wollen, dass das heutige Deutschland eine Diktatur sei. Was sich wiederum klar von neurechten Diskursen abgrenzt. Schwer zu fassen wie solche Aussagen sind auch Teile der Kritik Ullrichs. Was er aus Rauchschen Bildtiteln wie „Vaters Acker“ oder „Fremde“ ableiten will, bleibt unklar. Dass er mit „leicht surrealen Bildräumen“ eine „autonome Gegenwelt“ erschaffe, zeichnet ja Kunstwerke an sich aus. So etwas wie Antisemitismus liege Rauch allerdings fern, konstatierte Ullrich auch.

Quelle: Neo Rauch

Wie auch immer. Rauch reagierte ohne Worte, mehr als Karikaturist, denn als Maler – und stellte der „Zeit“ das 150 mal 120 Zentimeter große Gemälde „Der Anbräuner“ zum Abdruck zur Verfügung, am 27. Juni war es erschienen. Das Bild findet weit unter der Gürtellinie statt: Zu sehen ist ein Maler. In einer engen Kammer sitzt er auf einem Nachttopf und pinselt mit seinen Fäkalien eine missratene Figur auf eine Leinwand, die offenbar die Hand zum Hitlergruß hebt. Weiter unten im Bild sind in wurstig anmutenden Lettern die Initialen „W.U.“ zu erkennen. Schwer zu vermuten ist, dass hier nicht „Weltuntergang“ oder „Western Union“ abgekürzt werden soll, sondern „Wolfgang Ullrich“. Zur „W.U.T.“ fehlt nur ein „T“, das der unter dem Bild im Bild liegende Hammer bilden könnte, würde man ihn umdrehen. Doch das interpretiert vermutlich zu weit.

Motive aus der Geschichte der Kritiker-Kritik

Hinter diesem unangenehmen „Anbräuner“ stapeln sich Zeitungen. Am linken Bildrand blickt ein Mann durch ein kleines Fenster herein. Man erkennt einen Schnurrbart und einen dunklen Scheitel. Es wird doch nicht ...

Hier kommt einiges zusammen von dem, was man aus der Geschichte der Kritiker-Kritik kennt. Etwa, dass dem Kritiker unterstellt wird, er wäre gerne selbst Künstler, sei aber ohne Talent, weshalb er, statt sich selbst zu geißeln, sich am wahren Künstler abarbeitet, erleichtert. Hier kommt noch der Vorwurf des Rufmords dazu.

Der Attackierte selbst parierte den Angriff mit Gelassenheit: „Dass da nun W und U als Initialen stehen und nicht irgendetwas anderes, halte ich eher für einen Zufall“, sagte Wolfgang Ullrich der „Zeit“. Und weiter: „Ich sehe weniger mich als seinen Adressaten – als vielmehr die Öffentlichkeit insgesamt. Insofern ist es ein mentalitätsgeschichtlich nicht unwichtiges Dokument.“

Mit der Auktion gerät es nun erneut in die Öffentlichkeit.

Von Jürgen Kleindienst