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Kultur Regional Zeit der Beschleunigung: Roman über die Erfinder Siemens, Reis und Benz
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08:01 06.12.2019
Selbst entscheiden, wann man aufbricht: Carl und Bertha Benz auf der Rückbank eines Benz Victoria 1893, dem ersten Auto mit Achsschenkellenkung. Vorne seine Tochter Klara und Fritz Held. Quelle: Daimler AG
Leipzig

Die Dampfnudeln sind angebrannt, und der Backenzahn pocht, als Werner von Siemens nach Hause kommt in seine Villa in Charlottenburg. Da er nicht hungrig ist, stört ihn das Malheur nicht weiter; viel lieber möchte er mit seiner jungen Frau Antonie einen Rotwein trinken und über das neueste Gadget, einen „Sprechapparat, ein sogenanntes Telephon“ parlieren.

Eben hatte sie die Gerätschaft noch für einen Kartoffelstampfer gehalten, jetzt entdeckt sie ziemlich schnell den Schwachpunkt des Apparats, dessen Nachfolger bis heute die Kommunikation auf der Welt prägen. Damit könne man ja gar nicht gleichzeitig hören und sprechen, merkt sie an. Siemens pflichtet ihr bei. Es folgen Ausführungen über das Patentrecht und ein erotischer Annäherungsversuch, der von der in die Szene platzenden Tochter Hertha abrupt beendet wird. „Mama, ich kann nicht schlafen.“ Wir befinden uns im Jahr 1877, in Berlin hat die gemeinhin dem amerikanischen Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell zugesprochene Erfindung ein „Telephonfieber“ ausgelöst..

Die Leiden der Erfinder

Die Kunsthistorikerin Ortrud Toker beschreibt in ihrem Roman „Vom Ende der Langsamkeit“ die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein Zeitalter der Beschleunigung, das die Vorstellungen von Zeit und Raum grundlegend änderte und bis heute prägt. In drei abwechselnden, zuweilen verknüpften Erzählsträngen geht sie den Biographien von Bertha und Carl Benz, Werner von Siemens und Philipp Reis nach, berichtet von ihren Zweifeln, ihrem Scheitern, den Widerständen, den prekären Bedingungen, unter denen sie Jahre zubringen.

Deutlich wird: Es genügt keineswegs, etwas Neues zu entdecken und es technisch umzusetzen. Die Zeit muss auch reif sein für eine Erfindung, ihr Schöpfer braucht Fürsprecher, eine Lobby. Der hessische Lehrer Philipp Reis (1834–1874) hatte keine, dabei war er der zentrale Wegbereiter des Telefons. 1861 führt er seinen Schülern seine Apparatur vor, die Töne in die Ferne schickt, mit der nicht nur Knattern und Knarzen sondern auch Musik und Worte über einen durch das Fenster über den Hof bis zum Zwetschgenbaum reichenden Draht gehen.

„Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“

Vom ersten Satz, der so übertragen wird, „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“, kommen immerhin die ersten drei Worte an. Die Schüler sind begeistert, auch die Mitglieder des Physikalischen Vereins in Frankfurt gratulieren freundlich. Doch der einflussreiche Herausgeber der „Annalen der Physik und Chemie“, Johann Christian Poggendorf, lehnt eine Veröffentlichung ab. Reis’ Erfindung findet nur wenig Anerkennung.1874 stirbt er an der Schwindsucht.

Carl Benz (1844–1929) wiederum hat eine starke Fürsprecherin, seine Frau Bertha (1849–1944). „Ich würde viel darum tun, könnt man frei und zwanglos selbst entscheiden, wann man aufbricht und losfährt“, sagt er während einer Kutschfahrt, bei der er seine spätere Frau kennenlernt. „Ein zupackender Mechaniker und Brückenbauer, etwas zerstreut, aber sympathisch“, denkt sie über ihn. Wenig später heiratet das Paar. Bertha ist keine Staffagefigur, Toker porträtiert sie als starke Frau, die ihren Mann mit Geld und Zuversicht unterstützt. „Carl erfand, sie setzte durch“: 1888 gelingt ihr zusammen mit den beiden Söhnen die erste Überlandfahrt mit dem dreirädrigen Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 von Mannheim nach Pforzheim. Ein Abenteuer, ein neues Sein. „Alles war möglich. Alles war neu. Nichts stand mehr fest.“

Städte und Länder verdrahtet

Auch Werner von Siemens (1816–1892) ist so ein Pionier, Forscher, Erfinder und sozial denkender Unternehmer; er ist der eigentliche Held des Romans, ein Feuerkopf, der seine Lockenfrisur nie unter Kontrolle bekommt, dafür aber „in der Weltgeschichte herumfuhr und Städte und Länder miteinander verdrahtete“. Der Roman konzentriert sich auf seine Entwicklung des Zeigertelegraphen.

Seit vielen Jahren ist Ortrud Toker freiberufliche Mitarbeiterin im Museum für Kommunikation in Frankfurt. Das merkt man beim Lesen; sie kennt sich aus. Und bei allem Fiktion und Fakten verwebenden, mitunter etwas klischeehaften, aber meist doch schwungvollen Erzählen führt sie den Leser ab und an in museumspädagogisch anmutende Nachdenkzonen. Etwa wenn ein Arzt am Ende bei einem Lichterfest in der Siemens-Villa den Fokus auf die Nachteile der allgegenwärtigen Beschleunigungen legt, „Schwindel, Kopfschmerzen und Unruhe“ diagnostiziert und auf eine „Armee von Erschöpften, Strapazierten und Nervösen“ verweist.

Im 18. Jahrhundert brauchen Botschaften Tage

Beginnen lässt sie ihr Buch mit der Hinrichtung Marie Antoinettes am 16. Oktober 1793. „Die Boten auf ihren Pferden, die diese Nachricht ungefähr fünfhundertsiebzig Kilometer von Paris bis nach Frankfurt am Main transportierten, benötigten dafür mehrere Tage. Dies war der Takt der Zeit.“

Von Jürgen Kleindienst

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