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Kultur Regional Zum 500. Todestag: Leipzig zeigt Leonardo-Ausstellung ohne Leonardo
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13:13 09.07.2019
Spuren des Genies: James Marshalls Kopie von Leonardo da Vincis „Abendmahl“ (1889, Ausschnitt) befindet sich normalerweise in der Leipziger Lutherkirche, ab 11. Juli ist es im Museum der bildenden Künste zu sehen. Quelle: Martin Weicker
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Leipzig

Leonardo da Vinci (1452–1519) war nie in Leipzig, aber er hat in der Stadt im Laufe der Jahrhunderte etliche Spuren hinterlassen. Die Ausstellung „Leonardo war nie in Leipzig“ trägt sie anlässlich seines 500. Todestages zusammen. Sie wurde von Studierenden der Universität Leipzig unter Leitung des Leonardo-Forschers Frank Zöllner erarbeitet. Im Interview spricht der Professor für Kunstgeschichte über die Wirkungen des Genies, Missverständnisse und die Ausstellung im Museum der bildenden Künste.

Im 500. Todesjahr ist Leonardo da Vinci allgegenwärtig. Sie nennen Ihre Schau „Leonardo war nie in Leipzig“ – warum so bescheiden? 

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Leonardo ist ja ein sehr großer Name. Wir wollten daher nicht übertreiben und auch ein wenig ironisch sein. Alles andere wäre ja ein wenig größenwahnsinnig gewesen.

Wieso war er eigentlich nie in Leipzig

In seiner Heimat Italien und in Frankreich, wo er seinen Lebensabend verbrachte, war das Leben für einen Künstler einfach deutlich attraktiver, die Bezahlung besser, auch das Wetter übrigens.

Existiert in Leipzig in irgendeiner Sammlung ein Original von Leonardo – oder war wenigstens mal eins irgendwann hier?

Nicht das ich wüsste.

Sie haben dafür die Leonardo-Rezeption in Leipziger Sammlungen dokumentiert. Wie umfangreich ist die? 

Wenn man die seit dem 16. Jahrhundert zu Leonardo erschienenen Texte mitrechnet, also vor allem Bücher, dann findet sich einiges in Leipzig. Die Ausstellung dokumentiert das in einem von zwei Teilen. Der andere ist Beispielen aus der bildenden Kunst gewidmet, also Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafik.

Was zeigen Sie?

Das größte der Gemälde ist eine Kopie des Abendmahles aus der Lutherkirche, gemalt 1889 von James Marshall, einem damals ziemlich bekannten Künstler. Gerhard Hauptmann hat ihm in einer Komödie ein literarisches Denkmal gesetzt. Marshall muss eine ziemlich konturenreiche Gestalt gewesen sein. Seine Professur für Malerei verlor er wegen seiner Trunksucht. Ich kenne bis heute keinen anderen Maler, dem das gelungen wäre. Weitere Gemälde, zwei Madonnen und ein Christus, stammen aus der Sammlung Speck von Sternburg im Museum der bildenden Künste. Mit Jochen Plogsties ist auch ein zeitgenössischer Künstler dabei. 

Auf dem Cover des Katalogs zeigen Sie Ben Willikens’ Monumentalwerk „Leipziger Firmament“, das die Decke des Museumscafés ziert. Was hat das bitte mit Leonardo zu tun? 

Seit etwa 1976 taucht in etlichen Gemälde des in Leipzig geborenen Ben Willikens der leere Raum von Leonardos Abendmahl auf, also Leonardos Bildraum ohne die Jünger und ohne Christus. Auch im „Leipziger Firmament“. Historische Räume sind ohnehin ein Leitmotiv in seinem Œuvre. Das „Leipziger Firmament“ ist im Übrigen das monumentalste Zeugnis für die Wirksamkeit Leonardos in Leipzig. Außerdem sieht es gut aus auf dem Cover des Kataloges.

Was sind die aus Ihrer Sicht weitere interessante Beispiele in der Ausstellung?

Alle natürlich. Neben den Gemälden und Grafiken erwähnenswert erscheinen mir auf jeden Fall die Bücher über Leonardo und die Faksimile-Edition, in denen seine Zeichnungen und Manuskripte seit dem 19. Jahrhundert publiziert wurden. Im Fokus stehen dabei die bekannteren Sachen: Studien zur Anatomie, Vitruvs Proportionsfigur, Studien zum Fliegen.

Die Sammlung des Maximilian Speck von Sternburg, die gewissermaßen den altmeisterlichen Kernbestand des Museums bildet, weist offenbar diverse Leonardo-„Spuren“ auf. Was sagt das über den Sammler? 

Der Sammler Maximilian Speck von Sternburg muss neben einem gut gefüllten Geldbeutel einen guten Riecher für Qualität gehabt haben, vielleicht gelegentlich auch einen guten Ratgeber. Die beiden älteren druckgrafischen Blätter in der Ausstellung aus der Sammlung Speck von Sternburg beispielsweise waren das beste, was es im 19. Jahrhundert an Druckgrafik nach Leonardo-Entwürfen zu kaufen gab. Mit Andrea Solarios Gemälde „Ecce Homo“ hat Maximilian Speck von Sternburg zudem sogar eines der Hauptwerke dieses von Leonardo beeinflussten Künstlers erworben.

Manchmal hat die Leonardo-Rezeption für Missverständnisse gesorgt …

Ja, eine der ersten anatomischen Zeichnungen Leonardos, die publiziert wurde, war seine Darstellung eines Beischlafs. Ästhetisch zählt die Zeichnungen nicht zum Besten, was Leonardo geschaffen hat. Sachlich ist sie alles andere als korrekt. Leonardo illustriert in seiner Zeichnung etliche Irrtümer aus den anatomischen Lehren der Antike, darunter die Vorstellung, dass das männliche Sperma direkt aus dem Gehirn komme. Die in der Ausstellung präsentierte druckgrafische Reproduktion dieser Zeichnung aus dem Jahre 1830 hat zudem den Charme, dass Sigmund Freud sie seiner irrigen Deutung der Sexualität Leonardos zugrunde legte.

Inwiefern irrte Freud?

Freud hat aus der Reproduktion der Leonardo-Zeichnung in der „Tabula anatomica“ auf ein gestörtes Verhältnis des Künstlers zur Sexualität beziehungsweise zu Frauen geschlossen. Was natürlich unsinnig ist, da die Reproduktion von 1830 den Ausdruck der Zeichnung Leonardos verfälscht. Überhaupt hing Freud dem Irrglauben an, man könne aus Kunstwerken direkt auf die Persönlichkeit des Künstlers schließen. Die Sache ist, wie wir heute natürlich wissen, doch ein wenig komplizierter.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen, hat Leonardo ein Paar beim Sex gezeichnet oder sich das anderweitig „anempfunden“? 

Erfahrungswerte, würde ich sagen, sowie Kenntnisse der antiken Literatur zur Anatomie. Die sogenannte Koitus-Zeichnung steht aber ganz am Anfang der Studien Leonardos zur Anatomie, entstanden um 1489. Das ganze Innenleben des Paares hatte sich Leonardo da noch aus der antiken Literatur zusammengereimt. 20 Jahre und etliche Leichenöffnungen später war er schlauer. Das belegen andere Zeichnungen.

Sind Sie im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung auf Entdeckungen, Überraschungen gestoßen?

Zu Leonardo selbst gibt es natürlich kaum etwas wirklich Neues auf der Welt. Aber ein paar kleine Entdeckungen haben wir schon gemacht. Da ist dieser kuriose Maler James Marshall, der sich nach dem Verlust seiner Professur in Leipzig mit Auftragsarbeiten durchschlägt. Interessant sind auch seine Arbeiten für die Lutherkirche und deren Schicksal. Zudem aufschlussreich fand ich den Umstand, dass eine druckgrafische Kopie der „Felsgrottenmadonna“ ein Detail aus dem Gemälde Leonardos komplett verändert. Auch der Zusammenhang der Überlegungen Sigmund Freuds zur Sexualität Leonardos mit den Fehlern der druckgrafischen Reproduktionen des frühen 19. Jahrhunderts ist meines Wissens noch nie in einer Leonardo-Ausstellung thematisiert worden. Aber man sollte nicht ständig in Superlativen denken, der erste, der größte, der schönste et cetera. 

Gab es vor oder nach Leonardo einen Künstler, der so intensiv und langanhaltend nachwirkte?  

Alle Künstler haben ihre Konjunkturen. Langfristiger einflussreich als Leonardo war im Laufe der Kunstgeschichte eigentlich Raffael, der aber etliche Ideen Leonardos in seinen Zeichnungen und Gemälden aufgegriffen hat, was die Ausstellung am Beispiel der „Nelkenmadonna“ auch thematisiert. Leonardo hat allerdings ein sehr viel breiteres Spektrum an Interessen zu bieten, denken Sie an die zahlreichen Studien zu fast allen damals bekannten Wissensgebieten. Das war und ist absolut singulär. Und er war deutlich weniger „Mainstream“ als Raffael.

Zum Abschluss ein Blick über Leipzig hinaus: Das Leonardo zugeschriebene Werk „Salvator Mundi“ wurde 2017 für 450 Millionen Dollar versteigert und galt lange als verschollen. Nun soll es sich neuen Berichten zufolge auf einer Luxusyacht des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman befinden. Wenn es denn stimmt, ist das aus Ihrer Sicht ein guter Ort?

Eine Yacht ist natürlich kein guter Ort für ein Altmeistergemälde. Aber die ganze Geschichte ist inzwischen so schräg, dass man gar keine Lust mehr hat, jede weitere schräge Wendung zu kommentieren. Das erinnert ein wenig an die Ergüsse von Donald Trump. Auch hier wird man langsam müde, jeden Unsinn zu kommentieren.

Museum der bildenden Künste in Leipzig (Katharinenstraße 10); Eröffnung am Donnerstag um 18 Uhr; bis 15. September. Zum gleichen Zeitpunkt werden zwei weitere Ausstellungen eröffnet

Von Jürgen Kleindienst