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Kultur Regional Zum Jubiläum unzensiert: Joseph Roths Roman „Die Rebellion“ erscheint im Original
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08:00 02.09.2019
Der Schriftstelle und Journalist Joseph Roth (undatiertes Foto) wurde am 2. September 1894 in Brody in Galizien geboren. Quelle: epd
Leipzig

Als Joseph Roths Roman „Die Rebellion“ 1924 erschien, lag die Welt zwischen zwei großen Kriegen. Heimkehrer Andreas Pum verehrt die Regierung, glaubt an das Gesetz und an einen gerechten Gott. Er hat ein Bein verloren und eine Auszeichnung gewonnen, das Kreuz trägt er mit Stolz.

„Ein Invalider durfte auf die Achtung der Welt rechnen. Ein ausgezeichneter Invalider auf die der Regierung.“ Denkt der Mann, der eine Krücke und eine Lizenz zum Leierkastenspiel besitzt. Der eine verwitwete Frau heiratet und sich nichts zuschulden kommen lässt. Er war mal ein guter Nachwächter, nun ist er ein guter Leierkastenmann. Lässt mit Sorgfalt die Nationalhymne erklingen, was ihn auf eine Stufe mit einem Beamten stellt. Eigentlich.

Zwei Druckseiten Änderungen

Doch Zufälle und ein Missverständnis bringen ihn ins Gefängnis, entfernen ihn von jetzt auf gleich von der Gesellschaft, der er sich zugehörig fühlen wollte. „Todgeweiht blieb er dennoch am Leben, um zu rebellieren. Gegen die Welt, die Behören, gegen die Regierung und gegen Gott.“ Noch dazu verraten von der eigenen Frau. „War Gott noch Gott, wenn er sich irrte?“, fragt sich Pum in seiner Zelle. Die darauf folgenden Sätze fehlen seit der Erstausgabe der „Rebellion“.

Insgesamt kommen rund zwei Druckseiten zusammen, die nun erstmals wieder in ihrer Originalversion zu lesen sind, erschienen im Wallstein Verlag, ediert nach der Handschrift, die im Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt wird.

Auf den rund 130 Seiten starken Roman folgen im gleichen Band Feuilletons aus den Jahren 1919 bis 1924, zusammen ergibt das eine herausragende Würdigung zum 125. Geburtstag des österreichischen Schriftstellers, der am 2. September 1894 in Brody geboren wurde. Er starb 1939 im Pariser Exil im Alter von 44 Jahren.

Kritik an der Obrigkeit

Andreas Pum fragt sich nun wieder: „Was blieb überhaupt noch es selbst? Das Vaterland? Wem gehörte es? Demjenigen, der die Kurbel des Leierkastens drehte? Oder Willi, der die Würste stahl? Oder dem Krämer, dem sie gehörten? Dem Richter im Talar? Dem Aufseher, der die Gefangenen spazieren führte?“

Die Abweichung der Erstausgabe vom Manuskript ist, wie alle Veränderungen, auch in Grammatik und Orthographie, im Anhang dokumentiert. Das Fehlen einzelner Passagen mag, heißt es dort „zuweilen der Nachlässigkeit des Setzers geschuldet sein. In anderen Fällen, vor allem bei mehrzeiligen Passagen, die als deutliche Kritik an der Obrigkeit verstanden werden können“, sei unklar, „ob die Streichungen in der Erstausgabe einer Zensur des Verlags ohne Wissen des Autors darstellen oder ob sie kurz vor Drucklegung von Roth selbst vorgenommen wurden“.

Jedes Wort trägt Gewicht

Zum anderen offenbaren sich Verluste in Details. Hier fehlte ein „gleichsam“, „natürlich“ oder „sogar“, dort ein „von merkwürdigem Trotz befallen“. Nun „sägte“ eine Stimme wieder, wo sie bislang nur etwas „sagte“. Dabei ist es die Prägnanz seiner Sprache, die Joseph Roth zu einem Schriftsteller von Weltrang gemacht hat.

Bei ihm trägt jedes Wort Gewicht, jede Beobachtung erfüllt ihren Zweck. Etwa wenn er schreibt: „Stille Kinder kommen uns immer wie wissende Beobachter vor und es schmeichelt uns, wenn wir ihnen gefallen.“

Nachdem Roth 1915 sein erstes Gedicht und kurz darauf seinen ersten Prosatext veröffentlicht hatte, schrieb er regelmäßig für Zeitungen, ging 1919 von Wien nach Berlin, war in der „Neuen Berliner Zeitung“ zu lesen, im „Berliner Tageblatt“, der „Frankfurter Zeitung“, in der „Neuen Leipziger Zeitung“ oder in „Der Drache“. Um 1923 war er „einer der umtriebigsten, begehrtesten und bestbezahlten Journalisten“, wie Herausgeber Ralph Schock im Nachwort darlegt.

Drehtür des Lebens

Es sind neben berühmten Romanen, neben „Hotel Savoy“, „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“, „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“, neben der posthum veröffentlichten Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“, die Feuilletons, in denen der Heimatlose sich zeigt, der Kriegserfahrung und eigenes Unbehaustsein mit gesellschaftlichen Widersprüchen in Zusammenhang bringt. Der die Dörfer gekannt hat und die Städte, vor allem die Bahnhöfe, Cafés und Hotels. „Gut geht es mir nur in der Fremde“, schrieb er an Verleger Gustav Kiepenheuer. „Wo es mir schlecht geht, dort ist mein Vaterland“.

Herausgeber Ralph Schock hat „Die Rebellion“ mit Feuilleton-Texten ergänzt, die von Bettlern erzählen und durch eine Drehtür verteilten „Abseits-Menschen“. Räume der Verzweiflung und Melancholie betritt der Schriftsteller mit Humor. Wer die Menschen liebt und die Sprache, kann sich bei Joseph Roth zu Hause fühlen.

Joseph Roth: Die Rebellion. Roman. Nach dem Manuskript ediert und mit einem Nachwort herausgegeben von Ralph Schock. Wallstein Verlag; 280 Seiten, 24 Euro

Das Werk Joseph Roths hat Illustratoren im In- und Ausland angeregt, so brachte der Verlag Faber & Faber 2004 „Hotel Savoy“ mit Illustrationen und Originalholzschnitten von Hartwig Ebersbach heraus. Im Literaturhaus Leipzigstellt Rainer-Joachim Siegel am 10. September einige illustrierte Ausgaben vor; 19.30 Uhr, Gerichtsweg 28; Eintritt frei

Von Janina Fleischer

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