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Kultur Regional Zwischen Femme fatale und Broterwerb: Schau in Halle zeigt Frauenbild der 20er Jahre
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13:40 03.12.2019
Blick in die Ausstellung „Das Frauenbild der 20er Jahre in Halle“ – mit Ernst Fritschs: „Liegende“ aus dem Jahr 1928. Quelle: Michael Deutsch
Leipzig

Mit dem spontanen Kauf eines Holzschnitts von Max Pechstein legte Frank Brabant vor 55 Jahren den Grundstein für eine Kollektion, die den Wiesbadener Unternehmer in die Phalanx der bedeutendsten deutschen Privatsammler katapultierte. Werke des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit prägen das Profil des ganz nach Vorlieben zusammengetragenen Fundus. Mit 70 dieser Werke, vorwiegend weiblichen Bildnissen, umreißt derzeit in Halle der KunstvereinTalstrasse“ das Frauenbild der 1920er Jahre. Mit Gleichberechtigung und dem Wahlrecht für Frauen, ihrem Zugang zu Kunstakademien, gewannen tradierte Orientierungen in der Weimarer Republik neue Facetten.

Mutter, Geliebte, Heilige oder Muse

Die Werke berühmter Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Beckmann, Peter August Böckstiegel, Otto Dix, Alexej von Jawlensky, Christian Schad, George Grosz zeigen Frauen in klassischem Rollenverständnis als Mutter, Geliebte, Heilige oder Muse, aber auch als Prostituierte oder Halbweltdame im schillernden Amüsierbetrieb, beleuchten sie in ihrem neuen Selbstbewusstsein als Arbeitende, Intellektuelle, kreativ Schaffende.

Dennoch ist die Schau, die das Frauenbild zwischen Femme fatale und Broterwerb ausleuchten will, vor allem eine Projektion des männlichen Blicks. Der fällt wie bei Alfred Hoffmann voll Bewunderung auf pralle weibliche Körper, ist wie bei Walter Gramatté vom Selbstbewusstsein der Gefährtinnen fasziniert, oder wie bei dem wenig bekannten Ulrich Neujahr von Eleganz und Haltung bourgeoiser Gemahlinnen eingenommen. Aufschlussreiche Aspekte bringen in der Ausstellung die biographischen Notizen ein. Da manifestieren sich Einbrüche in Lebensläufe durch Ersten Weltkrieg, Gefangenschaft in Stalinistischen Lagern, Werksverluste durch Kriegseinwirkungen, Freitod und Euthanasie.

Von den Nazis ermordet: Elfriede Lohse-Wächtler

Viele der Künstler wurden von den Nazis als „entartet“ diffamiert. Zu den Avantgardisten der Schau gehört Elfriede Lohse-Wächtler, für die am Donnerstag im Foyer der Dresdner Kunsthochschule eine Gedenktafel enthüllt wird. Sie ist in der Ausstellung mit einem ungestümen Liebesakt vertreten, der in Pastellkreiden raffiniert polarisierendes Kolorit ausspielt. Mit der Diagnose Schizophrenie geriet die geniale Dresdner Bohemienne in die Mühlen der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktion, wurde mit Zwangssterilisierung um ihre Schaffenskraft gebracht und, 40 Jahre alt, in Pirna-Sonnenstein ermordet. „Lungenentzündung mit Herzmuskelschwäche“ stand auf ihrem Totenschein.

Nur wenig mehr als vier Jahrzehnte blieben auch Dorothea Maetzel-Johannsen, deren Frauenakt in der Ausstellung die Auseinandersetzung mit den Expressionisten spiegelt.

Auf eine akademische Ausbildung in Frankreich und Belgien konnte Jeanne Mammen setzen, die mit sicherem Strich auch karikierende Milieuschilderungen schuf. Uneingeschränktes weibliches Selbstbewusstsein fixierte Hanna Nagel. Ihre Blätter weisen sie als souveräne Zeichnerin aus mit einem Blick, der ganz dem Frauentyp gilt, der sich von herkömmlichen Idealen der Weiblichkeit trennte wie die jüdische Bauhausschülerin Hilde Isay.

Käthe Kollwitz verdichtet die Tragödie einer Witwe

Die fünfte der in Halle vertretenen Frauen – bei insgesamt 46 Künstlern – ist Käthe Kollwitz. Sie verdichtete in einem Holzschnitt ergreifend die Tragödie einer Witwe, gebannt von dem Thema, das sie seit dem Tod ihres Sohnes verfolgte: Der Krieg, der die Existenz auch der Lebenden zerstört.

Bereichert wird die Ausstellung von Vitrinen, die mit modischen Accessoires, Glacéhandschuhen, Hüten, Schuhen, Fächern und perlenbestickten Täschchen, Kolorit einer Zeit einbringen, die changiert zwischen Trostlosigkeit und Turbulenz. Eine sehenswerte Kabinettausstellung rundet das Bild ab. Der visionäre Entwurf der Frankfurter Küche, standardisiert und mit exakt durchdachten Abläufen, entsprach Emanzipationsbestrebungen der Frauen, die zunehmend Berufen nachgingen. Er sicherte der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ihren Platz in der Designgeschichte.

Das Frauenbild der 1920er Jahre, Zwischen Femme fatale und Broterwerb, Klassische Moderne der Sammlung Brabant, bis 9. 2.2020, geöffnet Die-Frei 14-19, Sa, So 14-18 Uhr, Kunsthalle „Talstrasse“, Talstr.23, 06120 Halle

Von Ingrid Leps

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