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Kultur Weltweit Andeutungen glücklicher Ausgänge: Daniela Kriens „Die Liebe im Ernstfall“
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14:15 05.03.2019
Daniela Krien Quelle: Maurice Haas / Diogenes Verlag
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Leipzig

Die Buchhändlerin Paula hat Johanna verloren, das jüngere ihrer beiden Kinder – plötzlicher Kindstod. Für ihren Mann Ludger war es die Impfung, gegen die er, der Öko-Fundamentalist, ohnehin gewesen war. Daran zerbricht ihre Ehe. Und auch Paulas Leben droht zu zerbrechen an dieser Tragödie: „Jeden Morgen erwachte sie und war entsetzt. Jeden Morgen wünschte sie, es wäre Abend – der Tag vorüber, die Schlaftablette eingenommen, der schwere Vorhang zugezogen. Sie wollte nicht sterben. Aber leben konnte sie nicht.“ Aber „Wenzel holt sie immer zurück“, jener Wenzel, dessen Frau Maja den Kampf gegen den Krebs verlor, der Wenzel, bei dem Paulas Freundin Judith im Angesicht des Todes seiner Frau „die vollkommene Liebe“ gesehen hat.

Männersuche im Netz

Die Ärztin Judith, die zweite Frau in Daniela Kriens neuem Roman „Die Liebe im Ernstfall“, ist für derlei nicht geschaffen. Sie, die ihre Ängste und Zweifel hinter Perfektionismus verbirgt, verlässt sich emotional nur auf ihr Pferd. Männer sucht sie im Netz – und dann ist da G.H., Richter, 52. Er könnte die Liebe sein. Sie wirft sie weg und lässt sein Kind abtreiben. Doch bei der Lesung Bridas, ihrer Freundin, deren neues Buch „Ein Sommer“ sie Korrektur gelesen hat, kann Judith aus den Augenwinkeln sehen, „wie sich sein Kopf in ihre Richtung dreht“.

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Ein Sommer wird „Ein Sommer“

Brida, die Schriftstellerin, hat die Liebe ihres Lebens gefunden: Götz, der Möbeltischler, der Ausgeglichene, der Selbstbewusste, der Souveräne, der Rücksichtsvolle – und Götz, der Schöne. Sie hat ihn Malika abgejagt. Und dann hat auch sie das Glück nicht halten können, hat zugelassen, dass Judith einen Keil treibt zwischen sie und ihren Mann, hat die Balance nicht gefunden zwischen dem Familienglück, den Kindern und ihrem Schreiben, hat Götz verlassen. Und als sie wiederkehren wollte, war bereits Svenja da. Mit ihr und Götz und den Kindern fährt sie noch einmal in den Sommerurlaub und geht beinahe zugrunde am Glück der anderen. Aber der Schmerz hilft ihr, die Schreib-Blockade zu überwinden: Aus diesem Sommer wird „Ein Sommer“.

Malika, die Geigenlehrerin, verschlingt es. Wie jedes Buch aus Bridas Feder. Denn nur so kann sie ihrem Götz noch ein wenig nahekommen, nur so sich am Leid der Frau weiden, die ihr Glück zerstörte. Denn kein Mann kann ihr mehr geben, was sie mit Götz verlor, dem sie keine Kinder schenken konnte. Und die Familie, der Künstlerhaushalt, in dem ihre kleine Schwester Jorinde stets bevorzugt wurde, kann ihr ebenso wenig Halt geben wie Bertram, der Halb-Nazi aus dem neuen Freundeskreis ihres Vaters, des pensionierten Orchestermusikers.

Annäherung vorstellbar

Jorinde, die stets bevorzugte Schauspielerin, steht ebenfalls vor dem Scherbenhaufen ihrer familiären Existenz. Ihr Mann Torben war ohnehin nie der Richtige. Und nun macht er ihr auch noch das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder streitig. Doch scheint immerhin die Beziehung zu ihrer Schwester Malika nach Jahrzehnten voller Missverständnisse zu retten zu sein. Die beiden ziehen zusammen, Malika kümmert sich um die Kinder, wenn Jorinde zu drehen hat – und am Ende scheint selbst die Annäherung an den eigenen Vater wieder vorstellbar.

Lose verknüpft

Es sind nur Andeutungen glücklicher Ausgänge, in die Daniela Krien die fünf Frauen-Porträts münden lässt, die sie in „Die Liebe im Ernstfall“ malt. Und diese fünf Schicksale sind so lose miteinander verknüpft, dass die Frage erlaubt sein muss, ob es sich hier wirklich um den Roman handelt, den der Diogenes-Titel verspricht.

Andererseits: Die fein beobachteten Psychogramme, die subtil gezeichneten Charaktere, die klug erfassten Lebensumstände, die so verschiedenen Aggregatzustände der Liebe von so unterschiedlichen Frauen, sie taugen allemal als roter Faden. Als Thema ohnehin – welches schließlich wäre größer als die Liebe?

Kleinteilige Rückblenden

„Die Liebe im Ernstfall“ ist ein in kleinteiligen Rückblenden erzähltes Buch der geographisch kleinen Radien. Selten nur verlässt es Leipzig, meist bleibt es in den Wohnungen der Frauen, fast immer in ihren Köpfen und Seelen. Aber Krien braucht keine weiten Horizonte, keine dramatischen Wolkengebilde, kein Pathos, um dem Schmerz in ihren literarischen Aquarellen Wucht zu verleihen.

Wenige Worte in schlichten Sätzen reichen, um Bilder der Liebe zu entwerfen, die am Ernstfall zerbricht oder aus ihm erwächst, um ein Glück zu zeigen, das sich allenfalls im Vorübergehen zeigt wie die auf ihren weiten Reisen immer wieder den Himmel über Leipzig kreuzenden Mauersegler, die Krien oft bemüht. Und es ist so flüchtig wie die Musik, die eine größere Rolle in diesem Buch spielen soll, als sie es wirklich tut, weil die Autorin ihr nur selten näherkommt als in Klischees wie dem von Bachs präziser Polyphonie, die zu Judith so gut passt.

Fragen eher als Antworten

Überkommene Rollenbilder wanken in diesem Buch, aber mangels brauchbarer Alternativen fallen sie nicht. Und die großen politischen Fragen, die Krien beinahe verschämt anreißt, bleiben unbeantwortet, taugen nur als Konflikt- und Sprengstoff in Beziehungen und Familien. Aber das Buch heißt ja auch nicht „Weltanschauungen für den Ernstfall“.

„Die Liebe im Ernstfall“ ist kein fröhliches Buch. Doch weinerlich ist es auch nicht, ebenso wenig wie besserwisserisch. Und es ist insofern immerhin ein bisschen optimistisch, als dass es keinen Zweifel daran zulässt, dass es sich lohnt zu suchen nach einer Liebe, die dem Ernstfall standhält. Zur Not immer wieder.

Daniela Krien stellt „Die Liebe im Ernstfall“ am Freitag 8. März 2019, 20 Uhr, in der Leipziger Hugendubel-Filiale an der Petersstraße 12–14 vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Am 22. März, ab 13 Uhr, ist Daniela Krien zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse, (Halle 5, Stand D 100)

Von Peter Korfmacher