Andris Nelsons verlängert in Leipzig und Boston
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Kultur Weltweit Andris Nelsons bleibt bis 2027 Chefdirigent des Gewandhausorchesters
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Andris Nelsons verlängert in Leipzig und Boston

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19:34 05.10.2020
Sonne im Herzen: Oberbürgermeister Burkhard Jung, Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons und Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Mit großen Worten biegt Andris Nelsons in die Zielgerade ein: „Es geht um Menschlichkeit“, ruft er in den Mendelssohnsaal des Gewandhauses hinein, „um Freundschaft und um Liebe“. Und: „Ich bin der glücklichste Dirigent der Welt“ – das sagt er sogar mehrfach bei dieser am frühen Montagabend live in alle Welt übertragenen Pressekonferenz, in der es darum geht, „gute Nachrichten in schwierigen Zeiten zu verkünden“, wie Oberbürgermeister Burkhard Jung es am anderen Ende der Veranstaltung formuliert.

Und diese guten Nachrichten, das sind erwartungsgemäß die Verlängerung Andris Nelsons’ als Gewandhauskapellmeister bis zum Jahr 2027, die als Music Director beim Boston Symphony Orchestra bis 2025, die der Kooperation beider Klangkörper über den Atlantik hinweg mit gemeinsamen Kompositionsaufträgen, dem Austausch von Programmen, dem von Musikern.

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„Wir werden uns umarmen.“

Wobei letzteres derzeit Wunschdenken ist. Denn dem so gut angelaufenen Austauschprogramm hat die Corona-Pandemie ein jähes Ende gesetzt. Wie überhaupt derzeit in Boston der Spielbetrieb weitgehend ruht. Drum scheint Andris Nelsons tatsächlich einen Moment lang um Fassung zu ringen, als über den Monitor der kurze Film flimmert, der im Herbst 2019 in Boston entstand, als die beiden Weltklasse-Orchester des 41-Jährigen erstmals gemeinsam auf einer Bühne musizierten und sich hinterher beseelt in den Armen lagen. „Das werden wir“, sagt der Gewandhauskapellmeister, „wieder machen, sobald Corona überwunden ist. Wir werden musizieren, wir werden uns umarmen.“

Pläne dafür gibt es genug. In Boston, von wo Mark Volpe, Präsident des traditionsreichen US-Orchesters zugeschaltet ist, wird beispielsweise der Grammy-gekrönte Schostakowitsch-CD-Zyklus fortgesetzt. Und beide Orchester gemeinsam wollen für die Deutsche Grammophon die Orchesterwerke Richard Strauss’ einspielen und mit ihnen für ausgedehnte Residenzen durch Europas Musikzentren touren. Gemeinsam – ein einzigartiges Mammut-Projekt. Für die Zeit nach 2022 hat Nelsons sich überdies bereits für die Oper angemeldet, wo er Wagner dirigieren wird.

Dringlich und unsortiert

„Ich habe so viele Ideen für Leipzig, das reicht locker bis 2027. Und darüber hinaus“, lacht der glücklichste Dirigent der Welt in die Runde in seiner so typischen Rede, in der emotionale Dringlichkeit auf erfrischende Unsortiertheit trifft. „Wenn Du sprichst“, sagt dazu Gewandhausdirektor Andreas Schulz, „dann scheint sofort die Sonne“.

Die haben an diesem Montagabend offenkundig alle im Herzen. Vom Oberbürgermeister über die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, die Vorstände beider Orchester bis zu beider Intendanten. Weil Andris Nelsons, das musikalische Oberhaupt dieser Großfamilie, es seit seiner Amtsübernahme in Leipzig Anfang 2018 tatsächlich geschafft hat, zwei sehr unterschiedliche und sehr selbstbewusste Klangkörper zu einem Organismus zusammenzuschweißen, der diese einzigartige interkontinentale Zusammenarbeit mit Leben füllt. Musikalisch und menschlich. Der Oberbürgermeister sagt es so: „Die wegweisende Allianz zwischen den beiden angesehenen Orchestern zeigt ihn als einen der renommiertesten und innovativsten Dirigenten in der internationalen Szene. Ich bin stolz und freue mich, dass er für fünf weitere Jahre Leipzig und dem Gewandhausorchester treu bleiben will.“

Jetzt muss nur noch der Stadtrat der Vertragsverlängerung zustimmen.

Von Peter Korfmacher