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Kultur Weltweit Autor und Widerstandskämpfer: Vor 50 Jahren starb Günther Weisenborn
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20:33 25.03.2019
Kollegen und Geistesverwandte: Bertolt Brecht (l.) und Günther Weisenborn. Quelle: Edition Salzgeber / Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Berlin

Er ist frei und der Krieg vorbei. Endlich. Nach Jahren am Rand des Todes, von Zufällen gerettet, auferstanden aus der Hölle der Nazi-Haft, sucht Günther Weisenborn seine Frau. In Berlin findet er sie nicht. Mit einem geliehenen Rad fährt er nach Potsdam, wo eine Schwester seiner Frau gelebt hat. „Ich sah dort auf der Straße unter allen Menschen vor mir eine junge Frau, auf dem Rade. Eine Ahnung ließ mich klingeln. Die Frau vor mir drehte sich um, sie war blaß und ernst. Sie war es. Ihr Rad flog nach links, meins nach rechts, und dann war nichts als schierer Himmel um uns beide.“

So schreibt Weisenborn in dem so wunderbaren wie schwer zu ertragenden Erinnerungsbuch „Memorial“, das den im Wirtschaftswunder-Westen (anders als in der DDR) entweder vergessenen oder sogar diffamierten Widerstandskämpfern um Harro und Libertas Schulze-Boysen ein Denkmal setzt. „Wenn einst von den Nachgeborenen das Kapitel gelesen wird von jener Zeit, die unsere Zeit war, so bitte ich mit aller hartnäckigen Bescheidenheit, jene Hunderttausende nicht zu vergessen, die aufrecht gegen den blutbesudelten Terror gekämpft haben und dabei kämpfend an der Schafottfront gefallen sind“, heißt es in der Vorrede.

Schule der Moral, Moral für die Schule

Im Berliner Verbrecher-Verlag ist das 1948 erschienene „Memorial“ jetzt zu Weisenborns 50. Todestag am 26. März wieder aufgelegt worden, zusammen mit dem Lesebuch „Bist du ein Mensch, so bist du auch verletzlich“, herausgegeben vom Regisseur und Intendanten der Badischen Landesbühne Bruchsal Carsten Ramm. Beides sind Bücher mit zahlreichen Linien ins Heute. Eine Schule der Moral, Moral für die Schule. Weisenborn schreibt bewegend und klar, poetisch und streng.

Wer war dieser 1902 im nordrhein-westfälischen Velbert geborene Autor, an den heute zwei Straßennamen und eine schlichte Gedenktafel in Berlin-Friedenau erinnern – um den ansonsten aber erstaunlich wenig Aufhebens gemacht wird? Machen wir es kurz: Er war ein Held, auch wenn er diese Klassifizierung für sich ablehnte. Weisenborn sah sich als „kleines Rad im Getriebe“, er spreche als Zeuge der Kameraden, die tot sind. „Sie sind das heimliche, das bessere Deutschland gewesen“. Er war es auch.

Weisenborns Bücher werden verbrannt

Weisenborn studiert Germanistik und Medizin, arbeitet als Schauspieler, wird 1928 Dramaturg an der Berliner Volksbühne, wo sein Antikriegsstück „U-Boot S4“ uraufgeführt wird – mit Heinrich George in der Hauptrolle. Er schreibt Gedichte, Lieder, Romane, vor allem aber ist er Dramatiker. Schnell geht sein Stern im Berliner Kulturbetrieb auf. Nach der Machtübernahme durch die Nazis werden seine Bücher verbrannt. Weisenborn emigriert kurz in die USA, kehrt aber 1937 nach Deutschland zurück, schreibt unter Pseudonym.

1939 lernt er Margarete Schnabel (1914–2004), genannt Joy, kennen, die er 1941 heiratet. Auch sie wird später verhaftet. Ihre Mitbewohner sind Libertas und Harro Schulze-Boysen (1909-1942). Weisenborn schließt sich ihrer locker organisierten, aus Offizieren, Künstlern, Arbeitern, Ärzten bestehenden Widerstandsgruppe an. Von der Gestapo wird sie die „Rote Kapelle“ genannt, ein Begriff, der in die Irre führt, denn weder war hier die fünfte Kolonne Moskaus am Werk, noch gab es jemanden, der dirigierte. Man verteilte Flugblätter, klärte über die Gräuel der Nazis auf, unterstützte Juden und Oppositionelle.

Weisenborn klopft um sein Leben

1942 wird Weisenborn verhaftet, von der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße inhaftiert, 1943 vom Reichskriegsgericht wegen Hochverrats zum Tod verurteilt. Es beginnt ein Spiel auf Leben und Tod, das Weisenborn in „Memorial“ beschreibt: Zwei Aussagen lagen gegen ihn vor. „Und zwei Aussagen brauchte das Gericht für sein Todesurteil.“ Die erste sei durch nichts mehr zu erschüttern gewesen, „denn der Aussagende war bereits hingerichtet“. Die zweite stammte, wie er erfährt, von einem, der noch lebte, der ebenfalls im Gestapokeller liegt. „Und zwar neben mir in Zelle 8.“ Es ist der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942); er wird später hingerichtet. „K. musste seine Aussage zurückziehen.“

Dick wie ein Arm lang ist, ist die Mauer zwischen ihnen. Über Klopfzeichen versucht er, Kontakt aufzunehmen, schlägt „mit dem Bleistiftende unter der Wolldecke an die Mauer ...  Er klopfte unregelmäßig zurück. Er verstand nicht.“ Weisenborn klopft die Buchstaben nach der Stellung im Alphabet – ein Mal für a, zwei Mal für b ... – Schumacher etwas, das Morse sein könnte. Weisenborn kann kein Morse. Bis tief in die Nacht kommunizieren sie aneinander vorbei. In der nächsten Nacht klopft Schumacher plötzlich zurück, 22 Mal, ein v, aus dem „verstehe“ wird. „Ich lag starr und glücklich unter der Wolldecke. Wir hatten Kontakt von Hirn zu Hirn.“ Schumacher zieht die Aussage zurück, Weisenborns Todes- wird in eine Zuchthausstrafe umgewandelt.

Die Gestapo mordete nach Alphabet

Sein Überleben hängt weiter am seidenen Faden. In den letzten Kriegstagen – er sitzt im Zuchthaus Luckau, die Rote Armee steht vor der Tür – sollen die „Politischen“ noch schnell beseitigt werden. 13 Häftlinge werden in Plötzensee hingerichtet, 9 sollen am nächsten Tag abtransportiert werden. Dazu kommt es nicht mehr, die Rote Armee befreit das Zuchthaus. Wieder hat Weisenborn Glück, sein Anfangsbuchstabe rettet ihn. Die Gestapo mordete nach Alphabet.

Nach dem Krieg gründet Weisenborn das Hebbel-Theater neu, für zwei Jahre gibt er die satirische Zeitschrift „Ulenspiegel“ heraus. 1946 wird sein Widerstands-Drama „Die Illegalen“ aufgeführt. Unbeirrbar schreibt Weisenborn an gegen die Wiederbewaffnung im Westen, atomare Aufrüstung, zynischen Geschäftssinn und das Vergessen. Er opponiert gegen Dichter, die „machtvoll in ihrem Gefühls-lala hausen“, gegen ein Theater, das rebellisch die alten Formen zerschlägt, „aber wenn man auf die Inhalte schaut, so bleibt’s bei der alten Filzpantoffelweise“.

Militärrichter Roeder diffamierte in der Bundesrepublik weiter

Das zweite Verbrechen gegen einen Mann der nur um ein Haar Fallbeil oder Fleischerhaken in Plötzensee entkommen ist und gegen die 59 seiner Widerstandsgruppe, die nicht überlebten, fand in der alten Bundesrepublik statt: Der Gestapo-Begriff von der „Roten Kapelle“, das damit verbundene Denken lebte fort, mit Anschuldigungen aus dem Hinterhalt, mit Verleumdungen in Artikeln von „Spiegel“ und „Stern“. Drahtzieher dieser Diffamierungen ist eben jener Militärrichter, der für mindestens 45 Todesurteile gegen Mitglieder der Schulze-Boysen-Gruppe verantwortlich ist: Manfred Roeder. Unter dubiosen Umständen kann er sich verschiedenen Verfahren gegen ihn entziehen. Später engagiert er sich bei rechtsradikalen Parteien, versorgt Magazine mit Nazi-Prozessakten, lebt zuletzt im hessischen Glashütten von seiner Pension als Generalrichter. 1968 wird er dort zum Ersten Beigeordneten der Gemeinde gewählt. Er stirbt 1971, zwei Jahre nach Weisenborn.

Es ist gut, dass diese Geschichte, in der so viel Mut und Ungerechtigkeit zusammenkommen, noch einmal erzählt wird – in den neuen Buchveröffentlichungen und in dem großartigen Film von Weisenborns Sohn Christian aus dem Jahr 2017: „Die guten Feinde – Mein Vater, die Rote Kapelle und ich“ (DVD, ab ca, 12,89 Euro, Salzgeber & Co). Weisenborn schreibt nach einem Besuch in Theresienstadt: „Die Unmenschlichkeit, so viel ist nach unserer Erfahrung klar, beginnt bei der ersten Unterlassung ...“

Von Jürgen Kleindienst

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