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Kultur Weltweit Bernhard Aichner: „Wir sind alle potenzielle Mörder!“
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20:44 14.10.2019
Der Thriller „Der Fund“ von Schriftsteller Bernhard Aichner spielt unter anderem in einem Supermarkt. Quelle: Stolli
Innsbruck

Bernhard Aichner („Bösland“) ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Österreichs. Mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht er über seinen neuen Thriller „Der Fund“, seine Vorliebe für das Schreiben mit Tinte und seine Recherche beim Bestatter.

„Der Fund“ landete in Österreich sofort nach Erscheinen auf Platz eins. Es ist Ihr erster Ermittlerkrimi.

Das stimmt. „Der Fund“ ist das erste Buch, in dem ein Ermittler die Hauptrolle spielt. Bisher ist es immer um Menschen gegangen, die Böses tun und auf die dunkle Seite wechseln. Die Ursprungsidee bespreche ich schon seit 15 Jahren mit meiner Frau: Was würden wir tun, wenn wir eine Tasche mit einer Million Euro an der Ampel finden? Würden wir sofort zur Polizei gehen? Oder würden wir die Tasche einfach mitnehmen? Werden wir von irgendwelchen Kameras beobachtet?

Inwiefern unterstützt Ihre Frau Sie dabei, einen Plot zu entwerfen?

Wenn ich mal nicht weiter weiß, gehen wir gemeinsam in die Sauna und malen uns dann aus, wie die Geschichte weitergehen könnte. Meine Frau ist Fotografin, aber im Herzen ist sie auch Schriftstellerin. Sie wartet nur noch ein bisschen und schreibt dann ihren ersten Roman mit 60 Jahren – so wie Ingrid Noll. (lacht)

Wenn man Sie so reden hört, kann man sich gar nicht vorstellen, dass Sie richtig heftige Thriller schreiben können?

Bei Lesungen sagen mir viele auch immer: „Sie schreiben immer so grauslige Dinge, dabei scheinen Sie ja ein ganz Netter zu sein. Wie passt das zusammen? Die Faszination, dem Bösen zu folgen und sich da reinzudenken, liebe ich. Kein Mensch ist nur gut, sondern hat auch böse Seiten an sich. Wir sind alle potenzielle Mörder und wären zu einem Verbrechen fähig, wenn die entsprechenden Umstände vorhanden sind. Ich spiele also mit dem Feuer, führe aber in Wirklichkeit ein total unaufgeregtes Leben. Teilweise sitzen meine drei Kinder bei mir am Schreibtisch und malen, während ich meine Thriller schreibe. Ich habe mein Büro zu Hause. Meine Frau sagt zwar immer: „Jetzt mach mal die Tür zu!“, aber ich will sehen, was da im Wohnzimmer alles passiert . Ich brauche die Familie als Erdung, deshalb besteht keine Gefahr, dass ich eines Tages zum Mörder werde. Hoffe ich zumindest. (lacht)

Schreiben Sie auf dem Laptop oder am Computer?

Weder noch. Zuerst schreibe ich alles handschriftlich auf. Danach tippe ich es ab. Ist halt sehr altmodisch, aber Schreiben ist ja auch eine sehr altmodische Angelegenheit. Ich schreibe mit Kugelschreiber, aber auch sehr gern mal mit Tinte. Bevor ich etwas aufschreibe, muss es schon gut sein, weil ich es ja nicht so einfach wieder löschen kann. Aber es kommt schon vor, dass ich beim Abtippen meine Sauklaue nicht mehr lesen kann. Aber dann gebe ich mir noch mehr Mühe mit der Szene und überlege mir dreimal, was ich eigentlich schreiben wollte. (lacht)

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Schreibversuche?

Ich habe mit 15 Jahren Liebesgedichte geschrieben, die wirklich schrecklich waren. Eigentlich wollte ich einen Roman schreiben, aber der war nach elf Seiten schon fertig. Ich war heillos überfordert. Trotzdem war ich fasziniert von Papier und Stiften. Ich habe mir kleine Büchlein gekauft und mir meine Welt erfunden. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es sonst ja nichts.

Wann haben Sie Ihren ersten richtigen Text eingereicht?

Mit 19 Jahren habe ich meine Gedichte zu einem kleinen Tiroler Verlag geschickt, aber die haben das nicht so super gefunden und nur geschrieben: „Das ist schon ganz nett, aber vielleicht übst du noch ein bisschen.“ Das war damals sehr motivierend für mich.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe die Schule abgebrochen und bin später zur Abendschule gegangen. Zu der Zeit habe ich drei Jahre lang in einem Fotolabor gearbeitet und Fotos entwickelt. Das war extrem spannend. Ich war der Typ, der die Urlaubsfotos in die Umschläge gesteckt hat. (lacht)

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Die interessanteste Erkenntnis war, dass alle Menschen dasselbe fotografieren. Urlaub in Venedig, Urlaub am Strand mit Sonnenuntergang, Taufen, Hochzeiten, Geburten, Kindergeburtstage. Alle fotografieren nur schöne Dinge – bis auf die Sachverständigen von Versicherungen und die Tatort-Fotografen der Boulevardzeitungen. Ab und zu waren ein paar Fotos von Leichen zwischen all den schönen Aufnahmen. Aber die Highlights waren die Nacktfotos. Das hat man auf den Negativstreifen schon gesehen. Als 20-Jähriger, in einer Zeit, in der es noch kein Facebook gab, war das Leben der anderen schon faszinierend. Vor allem, wenn die dann ihre Fotos abgeholt haben und du einen Einblick in deren Leben hattest.

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In Ihrem letzten Thriller „Bösland“ gibt es einen Charakter, der in einem Fotolabor arbeitet. Recherchieren Sie immer so akribisch für Ihre Bücher?

Ich habe tatsächlich schon mal auf dem Friedhof ein Grab ausgehoben, weil ich eine Reihe über einen Totengräber geschrieben habe. Was die für eine Arbeit leisten, ist der Wahnsinn. Auf vielen, kleinen Friedhöfen in Österreich ist so wenig Platz, dass da der Bagger nicht durchkommt. Da müssen die im Winter schwer schuften, wenn alles gefroren ist. Ein absoluter Albtraum.

Haben Sie für Ihre „Totenfrau“-Trilogie etwa auch mal bei einem Bestatter gearbeitet?

Woher wissen Sie das? (lacht) Ich bin damals zu einer völlig aufgeschlossenen Bestatterin in Innsbruck gegangen und erzählte ihr, dass ich da sehr gern recherchieren würde, weil meine nächste Romanheldin eine Bestatterin sein sollte. Daraufhin hat sie gesagt: „Du kannst gern recherchieren, aber du musst mithelfen! Morgen um 14 Uhr geht es los.“ Bis vor ungefähr 15 Jahren war es ja so, dass die Verstorbenen zu Hause abgeholt wurden, dann kam ein Deckel drauf und ab zur Beerdigung. Seitdem ist es schönerweise wieder mehr im Kommen, dass man sich am offenen Sarg von den Verstorbenen verabschiedet. Damit das möglich wird, habe ich Hand angelegt. Ich habe ich alles gemacht, was anfällt: Die Verstorbenen müssen komplett entkleidet und gewaschen werden. Wunden werden versorgt. Danach muss in alle Körperöffnungen Watte gesteckt werden, damit es nicht riecht. Das war schon eine Herausforderung.

Wie lange haben Sie das gemacht?

Über drei oder vier Monate hat die Bestatterin mich immer wieder angerufen und hat zum Beispiel gesagt: „Heute habe ich einen 92-jährigen Mann, der Selbstmord begangen hat.“ Und dann bin ich da wieder hingefahren. Nur tote Kinder habe ich ausgelassen. Das konnte ich nicht. Im Grunde meines Herzens bin ich dann doch ein sehr sensibler Mensch. Im Thriller knallhart, im echten Leben aber ein Weichei. (lacht)

Das Buchcover zu „Der Fund“. Quelle: Promo

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Von Thomas Kielhorn/RND

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