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Kultur Weltweit Chancengleichheit: Davon ist das Filmfestival Venedig Lichtjahre entfernt
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08:37 31.08.2019
Frauen nur auf dem roten Teppich? Das Filmfestival von Venedig zeigt nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb. Quelle: imago images / Future Image
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Venedig

Venedig hat’s so viel leichter als die Berlinale im bitterkalten Februar: Wenn das Filmfestival am sonnenwarmen Lido im Spätsommer startet, dann läuft sich auch Hollywood für die Oscar-Saison warm und nutzt das Festival als Schaufenster für prestigeträchtige Produktionen.

Die vergangenen Jahre sind ein prima Beleg dafür. Von „Gravity“ über „The Shape of Water" bis zu „A Star is Born“: So viele heiße Oscar-Kandidaten hatten in Venedig ihre umjubelte Premiers - und ernteten später auch oft genug Preise.

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Bleibt Venedig die schönste Werbeplattform für Hollywood?

In diesem Jahr hat das Festival am Mittwoch allerdings mit dem sehr französischen Mutter-Tochter-Drama "La Vérité" des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda eröffnet – und schon gibt es erste Spekulationen, ob Venedig sein Renommee als Hollywoods schönste Werbeplattform verloren hat.

Dabei dürfte jedes Festival auf diesem Planeten dem Japaner mit Kusshand den roten Teppich ausrollen. Im Vorjahr gewann Hirokazu Koreeda mit „Shoplifters“ die Goldene Palme in Cannes. In Venedig konnte er nun mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche glänzen.

Richtig ist allerdings, dass Festivaldirektor Alberto Barbera noch lieber mit einem anderen Prunkstück ins Rennen gegangen wäre – und zwar mit Martin Scorseses sehnsüchtig erwartetem Mafiathriller „The Irishman“ mit Robert De Niro und Al Pacino.

Venedig hat keine Scheu vor Netflix-Produktionen

Auf diesen cineastischen Leckerbissen hatte zuvor auch schon Cannes im Mai spekuliert, nun wird er aber erst bei der Konkurrenz in New York Ende September gewürdigt – und gehört als lupenreiner New-York-Film vielleicht auch genau dorthin.

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Venedig bleiben aus US-Kinoproduktion so unterschiedlichen Werke wie Todd Phillips' Superheldenfilm „Joker“ (mit Joaquin Phoenix), Noah Baumbachs Scheidungsdrama „A Marriage Story“ (mit Scarlett Johansson und Adam Driver), Steven Soderberghs „The Laundromat“ (mit Meryl Streep und Gary Oldman) und „Ad Astra“ mit Brad Pitt als Astronaut. Das ist weit mehr als ein Trostpflaster - was auch daran liegt, dass Venedig anders als Cannes oder Berlin ohne Scheu Netflix-Produktionen ins Programm hievt.

Das Filmfestival in Venedig kämpft mit dem frauenfeindlichen Ruf

Um seine Attraktivität in Hollywood muss sich Venedig also keine Sorgen machen, wohl aber arbeitet die Festivalleitung offenbar unbelehrbar an ihrem Ruf als frauenfeindliche Abspielstätte. Nur zwei Regisseurinnen – Haifaa Al Mansour aus Saudi-Arabien und Shannon Murphy aus Australien - haben es in den Wettbewerb geschafft. Da war sogar das für sein Macho-Gehabe berüchtigte Festival in Cannes mit vier weiblichen Regisseurinnen im Mai schon weiter.

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Und damit nicht genug: Venedig hat auch dem umstrittenen Oscar-Preisträger Roman Polanski („Der Pianist") für "J'accuse" einen der begehrten Wettbewerbsplätze freigeräumt. In den USA steht der mittlerweile 86-jährige polnisch-französische Regisseur immer noch im Fokus der Strafbehörden wegen einer Vergewaltigung vor mehr als 40 Jahren. Und nun fragt sich die Festivalgemeinde am Lido wieder einmal, ob man tatsächlich zwischen Werk und Autor unterscheiden kann.

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Venedig hat sich sehr wohl zur Chancengleichheit verpflichtet

Vor allem aber hat Venedig genau wie Berlin, Locarno oder Cannes die Petition "50/50 by 2020" unterzeichnet – und sich damit verpflichtet, beiden Geschlechtern die gleichen Chancen einzuräumen.

Von diesem Ziel ist das illustre Kinotreffen in Italien noch so weit entfernt wie – sagen wir mal – der Astronaut Brad Pitt in „Ad Astra“ von der Erde. Und der ist unterwegs zum Neptun.

Von Stefan Stosch/RND