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Kultur Weltweit Träume enden nie – Wie aus Joy Division New Order wurde
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18:06 11.04.2019
Joy Division mit New-Order-Gesang: Bernard Sumner 1981 bei einem Konzert in Manchester. Quelle: Kevin Cummins/Getty Images
Manchester

Die Verwandlung von Joy Division in New Order begann am 30. Juli 1980. Nur zweieinhalb Monate nachdem sich Sänger Ian Curtis das Leben genommen hatte. Der Rest, Bassist Peter Hook, Gitarrist Bernhard Sumner und Drummer Stephen Morris, gaben an diesem Tag ihr erstes Konzert ohne ihn im Beach Club im Norden Manchesters – einem winzigen, dreckigen Loch an der Newgate Street.

Sie sprangen für The Names aus Belgien ein, einer neuen Band ihres Labels Factory Records, und nannten sich – voller Trauer, Unsicherheit und Besorgnis über die Zukunft – The No Names.

„Wir mussten alles neu erfinden“, erzählt Sumner dem englischen Musikmagazin „Uncut“. „Aber wir waren keine Rockchamäleons wie David Bowie oder Madonna. Wir hatten keine Ahnung wie. Wirklich.“

Hook, Sumner und Morris spielten vier, fünf Songs, darunter „In a Lonely Place“ und „Ceremony“, die sie noch gemeinsam mit Curtis geschrieben hatten. Den Gesang teilten sie sich. Sie waren auf der Suche.

Das Cover von „Movement“ hat der Grafikdesiger Peter Saville aus Manchester gestaltet. Er hat auch Cover für andere Bands von Factory Records entworfen. Quelle: Rhino Records/Warner Music

Das Ringen um einem neuen Sound, die Offenheit für Experimente, auch das Chaos dieser Selbstfindungsphase, hört man „Movement“, ihrer ersten LP ohne Curtis, bis heute an. Jetzt ist die Aufnahme in einer Definite Edition, einem hochwertigen Boxset mit Bonusmaterial, erneut veröffentlicht worden.

Die Platte hat eine doppelte Wirkung: Sie könnte sowohl das dritte Joy-Division-Album sein als auch das Debüt von New Order. Der kühle, karge Sound, der aus der Schwärze einer Höhle zu dringen scheint, erinnert einerseits an die alte Band. Andererseits deutet der Synthesizerabspann von „Senses“ die künftigen elektronischen Abenteuer bereits an. Man kann „Blue Monday“ schon erahnen, den Song, mit dem New Order 1983 die komplette Verwandlung gelang – auch in eine lebensbejahende Band.

„Ich wollte nicht, dass wir wie ein Joy-Division-Ersatz klingen“

Die Gruppe, erweitert um Morris’ Freundin und heutige Frau Gillian Gilbert, sollte sich fortan Synthesizern, Samplern und Drumcomputern zuwenden. Sie setzte voll auf helle, tanzbare Elektronik. „Ich wollte nicht, dass wir wie ein Joy-Division-Ersatz klingen, wie ein Ian-Ersatz“, sagt Sumner, der schließlich zum Sänger wurde.

Sein Bassspiel ist Teil der New-Order-DNA: Peter Hook, hier mit seiner Band Peter Hook & The Light. Quelle: Joel Goodman/Imago

Hook beschreibt „Movement“ als ersten Schritt, als „Joy Division mit New-Order-Gesang“. „Dreams Never End“, das erste Lied, singt noch der damals 24-jährige Bassist. Träume enden nie. Er hatte den Text nur Stunden nach der Totenwache bei seinem Freund geschrieben. Hätte er dem Verzweifelten helfen können? Vorwürfe machte er sich lange. „Man hätte das doch raushören müssen und zu Ian sagen: Hör mal, wir müssen mit dir reden. Was ist mit dir los?“, sagte er mal.

Joy Division hatten keinen einzigen heiteren Song. Das Gesamtwerk der Band besteht aus nur zwei Studioalben und insgesamt 45 Liedern. Der pessimistische, düstere Sound von „Unknown Pleasures“ und „Closer“ und Curtis’ Texte über Schuld, Verlust, Heuchelei, Entfremdung, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und die Einsamkeit in einer als verkommen und feindselig empfundenen Gesellschaft sind ewig aktuell. Joy Division gilt als eine der einflussreichsten Popbands überhaupt.

„Wer kann mich von den Träumen erlösen, die mich auf morgen vertrösten?“: Joy-Division-Sänger Ian Curtis. Quelle: Kevin Cummins

Curtis trug seine Texte überall mit hin. Sie bedeuteten ihm alles. Die Roh- und Endfassungen schrieb er in Notizbücher und auf lose DIN-A4-Blätter. Diese bewahrte er in einer Plastiktüte auf, die er im Proberaum, auf Tour und bei allen Treffen seiner Band dabeihatte. In Macclesfield bei Manchester, in seinem Haus, legte er die kostbare Tüte in seinem Arbeitszimmer ab. Ein Sofa gab es da noch, seine geliebten LPs und einen Aschenbecher. Diese äußerliche Übersichtlichkeit sollte selbst enge Vertraute über seine innere Unordnung hinwegtäuschen.

Lampenfieber und Flugangst waren für den angehenden Rockstar wohl noch die geringsten Probleme. „Wer kann mich von den Träumen erlösen, die mich auf morgen vertrösten?“, sang er in „Dead Souls“ – und meinte auch sich damit. Der depressive und an Epilepsie leidende Curtis erlöste sich schließlich selbst, indem er sich am 18. Mai 1980 erhängte. Er war erst 23 Jahre alt. New Order prägten den Sound der Achtziger mit, doch die tragische Vorgeschichte ist nie verblasst.

Das erste New-Order-Album ohne Peter Hook, „Music Complete“, erschien 2015. Hooks sein typisches, melodieführendes Spiel fehlt darauf nicht wirklich, weil es von seinem Nachfolger Tom Chapman einfach kopiert wird. Quelle: Mute Records

Hook, dessen typisches, melodieführendes Bassspiel zur DNA der Gruppe gehört, ist seit 2007 nicht mehr dabei. Er erklärte New Order seinerzeit für erledigt, stieg aus und attackierte seitdem vor allem Sumner, der unbeirrt weitermacht. Die beiden rauften in der Presse, weil New Order für Joy Division einen Twitter-Account einrichtete, ohne Hook zu fragen. 2015 verklagte der Bassist seine ehemaligen Freunde und Kollegen, weil sie den Bandnamen New Order weiterverwendeten, ohne ihn angemessen zu beteiligen. Er warf ihnen „Plünderei“ vor. Man einigte sich außergerichtlich.

Peter Hook ließ alle Erinnerungsstücke versteigern: „Weg damit!“

Zuletzt, Anfang März, sorgte der 63-Jährige für Schlagzeilen, weil er all seine persönlichen Erinnerungsstücke aus Joy-Division- und New-Order-Zeiten versteigern ließ, darunter den Gibson EB-O-Replica-Bass, mit dem er das erste Joy-Division-Album einspielte. Er hatte ihn 1976 gekauft, am Morgen nach dem Sex-Pistols-Konzert in Manchester, das ihn und Sumner zur Bandgründung inspirierte. 11 000 Pfund brachte allein das Instrument. Mit einem Teil des Gesamterlöses der Auktion will er die britische Epilepsy Society unterstützen. Er denkt viel an seinen toten Freund. Mit seiner Band Peter Hook & The Light spielt er auch weiter die alten Songs.

Behalten hat er trotzdem keines der Andenken. Alles musste raus. „Ich will die Vergangenheit und den Schmerz aus meinem Leben haben“, sagte er dem „Spiegel“. Das Kapitel sei für ihn seit dem Gerichtsverfahren beendet. „Was soll ich da noch mit alten Gitarren? Weg damit! Für mich zählt nur die Musik, und die wird immer für mich da sein.“

Info: New Order – Movement, Definitive-Edition-Boxset, Rhino Records/Warner Music. Auch erhältlich: die 12-Zoll-Singles „Ceremony“ (in der Originalversion und einer Neuaufnahme), „Everythings Gone Green“ und „Temptation“.

Weiterlesen: „Aras“ – Kommt der Hip-Hop-Song des Sommers aus Hannover?

Von Mathias Begalke/RND

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