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Kultur Weltweit Der Wettbewerb von Cannes hat viel Politisches im Programm
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15:34 19.05.2019
Die Regisseurin und Drehbuchautorin Mati Diop (4. v.l.) ,mit den Hauptdarstellern ihres Films „Atlantique“. Quelle: AP
Cannes,

Wie eine trutzige Burg steht das Festivalpalais am Mittelmeer. Ein Wassergraben fehlt zwar, doch niemals endende Absperrgitter tun es auch: Menschenmassen werden ferngehalten oder über unendliche Umwege ins Innere geschleust.

Wut um Bauch

Cannes in Verteidigungsstellung: Das passt gut zu diesem Festival, das sich wie kein anderes an liebgewonnene Traditionen klammert. Immerhin hat Festivalchef Thierry Frémaux eine Filmauswahl versprochen, die einen offenen Blick auf die Welt richtet. Damit hat er sicher nicht nur den unverwüstlichen Ken Loach gemeint. Gerade jüngere Regisseure erzählen mit Wucht und manchmal auch mit Wut im Bauch.

Der Franzose Ladj Ly begibt sich in seinem Spielfilmdebüt „Les Misérables“ in die spannungsgeladenen Pariser Vorstädte – mit Victor Hugo hat das aber nur so viel zu tun, als dass Montfermeil in dessen Roman ebenfalls Schauplatz ist. Banden stecken hier ihre Claims ab: Muslimbrüder, Schwarzafrikaner, Drogenkartelle und eine Sinti-Truppe. Dazwischen: drei Polizisten, deren Einsatz in einer Gewalttat endet und einen jugendlichen Aufstand heraufbeschwört.

Gewaltsame Hoffnungslosigkeit

Der Regisseur ist selbst in diesem Ghetto aufgewachsen. Er wolle, dass sich Präsident Emmanuel Macron den Film anschaue, hat er gesagt. Da traut jemand dem Kino etwas zu. Aber ob es hilft? Vor einem knappen Vierteljahrhundert hat auch schon Mathieu Kassovitz in „Hass“ von der gewaltsamen Hoffnungslosigkeit in den Banlieues erzählt.

In „Atlantique“ der aus dem Senegal stammenden Französin Mati Diop – die erste schwarze Frau im Regiefach überhaupt im Wettbewerb, auch sie liefert hier ihr Spielfilmdebüt ab – schauen wir aus ungewohnter Perspektive aufs Flüchtlingsdrama: Schlecht bezahlte junge Männer haben sich in Dakar übers Meer Richtung Spanien aufgemacht. Auch der Liebhaber von Ada (Mama Sané) ist ohne Ankündigung verschwunden. Mit Ada bleiben wir in Dakar zurück.

Ernstzunehmende Zombies

Wer nun aber ein übliches Flüchtlingsdrama erwartet, liegt falsch: Diop erweitert ihre Liebesgeschichte ins Geisterhafte. Die Zombies, Männer wie Frauen, die hier auftreten, sind ernster zu nehmen als jene in Jim Jarmuschs Eröffnungsfilm: Sie rächen sich an den Ausbeutern, die ihnen im eigenen Land die Zukunft stehlen und sie auf gefährliche Fluchtwege zwingen.

Die Österreicherin Jessica Hausner („Amour fou“), 46 Jahre jung, hat ihren ersten englischsprachigen Film sicher nicht für Kleingärtner inszeniert: In ihrem klinisch kühlen Science-Fiction-Thriller sprießt eine eigentümliche Blume namens „Little Joe“ (und so heißt auch der Film). Das genveränderte Gewächs, der Blutblume nicht unähnlich, mag es, wen man mit ihm spricht – und bedankt sich mit einem Duft, der glücklich macht.

Die Blume und das Glück

Hausner zeigt hier weniger einen „Kleinen Horrorladen“ als ein Frankenstein-Labor. Forscherin Alice (Emily Beecham) hat ihr Geschöpf nicht unter Kontrolle. Bald stellt Alice Veränderungen an all jenen fest, die an der roten Blume geschnuppert haben. Liegt das nun wirklich an der Blume, oder sind die Menschen einfach nur begierig nach Glücksgefühlen?

Gentechnik, Wissenschaftsethik, Schuldgefühle einer alleinerziehenden Mutter: Doch, doch, auch in „Little Joe“ steckt viel Politisches. Mal schauen, wie viel Glück die rote Blume ihrer Regisseurin am Sonnabend bei der Palmen-Vergabe bringt.

Von Stefan Stosch

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