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Kultur Weltweit Diversität in Kinderbüchern: “Astrid Lindgren war ihrer Zeit weit voraus”
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12:00 15.10.2019
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren am 30.09.1987 in Stockholm. Quelle: picture alliance / dpa

Frau Dettmar, warum ist es wichtig, dass Kinder Vielfalt im Kinderbuch erleben?

Wenn wir Kindern vielfältige Entfaltungsmöglichkeiten bieten und die Werte einer (welt)offenen und toleranten Gesellschaft vermitteln wollen, muss sich diese gelebte Vielfalt auch in der Kinder- und Jugendliteratur widerspiegeln. Immerhin sind Bücher ein prägendes Medium für Kinder. Sie finden hier Identifikationsmöglichkeiten. Außerdem eröffnet Vielfalt im Kinderbuch die Chance für den berühmten Blick über den Tellerrand. Kinder erfahren von Dingen außerhalb der eigenen Lebensrealität und bekommen die Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen. Das ist wichtig für die kindliche Entwicklung.

Bei vielen erfolgreichen Kinderbüchern lässt sich ein Fortbestand von stereotypen Rollenbildern beobachten

Ute Dettmar

Engagieren sich die Verlage aus ihrer Sicht genug in Sachen Diversität?

Viele Verlage geben sich große Mühe – sowohl bei den Bilderbüchern als auch bei Kinder- und Jugendromanen. Das ist eine gute Entwicklung, immerhin steht jungen Leserinnen und Lesern ein breiteres Angebot zur Verfügung. Ob dieses Angebot auch genutzt wird, ist eine andere Sache. So lässt sich bei vielen erfolgreichen Kinderbüchern ein Fortbestand von stereotypen Rollenbildern beobachten – Mädchen machen Ballett, spielen Prinzessin, sind lieb, Jungs sind mutig, abenteuerlustig und interessieren sich für die Feuerwehr.

Sind solche Bücher eher Nischentitel?

So pauschal würde ich das nicht sagen. Natürlich kann es ein Buch über Behinderung oder Flucht in der Regel nicht mit den Erfolgen von „Gregs Tagebuch“, „Die Wilden Fußballkerle“ oder „Prinzessin Lillifee“ aufnehmen. Solche Titel sind natürlich kommerziell außerordentlich erfolgreich und bescheren den Verlagen entsprechende Umsätze. Vielleicht sind es aber auch diese Erfolge, die es erlauben, mutigere Titel zu machen.

Gibt es Kinderbuchreihen, die Vielfalt gekonnt thematisieren?

Das Genre der Kinderdetektivserien ist ein gutes Beispiel dafür. Früher waren die meisten Hauptfiguren Jungen und die Mädchen eher Nebenfiguren. Das war bei „Emil und die Detektive“ genauso wie bei „TKKG“. Inzwischen hat sich das gewandelt. Heute sind nicht nur Mädchen die Heldinnen, sondern auch Kinder mit Behinderung oder mit anderem kulturellen Hintergrund Teil der Geschichten. Ein tolles und sehr erfolgreiches Beispiel dafür ist „Rico, Oskar und die Tieferschatten“. Die Titelhelden sind sehr ungewöhnlich, und die Geschichte erzählt von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus – ohne pädagogisch zu sein. Gut gefällt mir auch die neue Serie „Familie Flickenteppich“ aus dem Oetinger-Verlag. In dem Mietshaus, in dem die Kinder leben, gibt es ganz unterschiedliche Lebensmodelle und Familienkonstellationen, Eltern mit und ohne Migrationshintergrund, einen alleinerziehenden Vater, ein queeres Paar, ältere Menschen – als Selbstverständlichkeit erzählt und ohne klischeehafte Zuspitzung.

Eltern greifen gerne zu den Klassikern aus ihrer Kindheit.

Ute Dettmar

Verlieren Klassiker wie „Emil und die Detektive“ oder „Wir Kinder aus Bullerbü“ an Relevanz, weil ihre Lebenswelt nicht mehr zeitgemäß erscheint?

Nicht unbedingt. Kinderbücher werden von Erwachsenen gekauft, und Eltern greifen gerne zu den Klassikern aus ihrer Kindheit. Natürlich verändern die sich ein wenig. „Harry Potter“ ist für heutige Eltern präsenter als „Emil und die Detektive“. Trotzdem wird das Buch noch regelmäßig gekauft. Vielleicht fallen heute die Unterschiede zwischen den Lebenswelten stärker auf. So sind in „Wir Kinder aus Bullerbü“ die Genderrollen sehr klassisch. Die Jungs sind wild, die Mädchen spielen mit Puppen. Man muss auch die Zeit bedenken, in der diese Erzählungen entstanden sind.

Gibt es Klassiker, die ihrer Zeit weit voraus waren?

Wenn wir mal beim Thema „Geschlechterrollen“ bleiben, ist „Pippi Langstrumpf“ ein gutes Beispiel. Die Bücher waren damals hochumstritten, vor allem weil Pippi als Mädchen extrem wild und unkonventionell daherkam. Auch ihr antiautoritäres Verhalten gegenüber den Erwachsenen war vielen Pädagogen ein Dorn im Auge. Teilweise wurden die Geschichten in der Übersetzung stark geglättet. Gleichzeitig war Astrid Lindgren mit ihrer Titelheldin ihrer Zeit weit voraus. Das zeigt auch der anhaltende Erfolg der Bücher und Filme.

Warum wird Vielfalt im Kinderbuch oft als Angriff auf traditionelle Werte gesehen?

In Teilen der Gesellschaft stößt Vielfalt in verschiedener Form auf Ablehnung. In den USA wurden zum Beispiel Kinder- und Jugendbücher mit queeren Themen aus Bibliotheken verbannt. Ich finde es wichtig, keine Entweder-oder-Debatten zu führen. Nur weil im Kinderbuch Vielfalt thematisiert wird, verschwinden keine vermeintlich „traditionellen“ Werte. Es geht vielmehr um das Abbilden einer kindlichen Lebenswirklichkeit – und die ist nun mal divers und nicht schwarz-weiß.

Ute Dettmar ist Professorin für Kinder- und Jugendliteratur

Von Birk Grüling/RND

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