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Kultur Weltweit Ein Besuch beim Wacken Open Air 2019: Schon morgens wird gefeiert
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20:48 01.08.2019
Das Wacken Festival wird offiziell eröffnet. Quelle: imago images / Future Image
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Wacken

Für Katy Westphal fängt die Schicht um 5 Uhr morgens an. Wenn sich auf den Campingplätzen rund um das Wacken Open Air noch nichts rührt und nur das Surren der Generatoren zu hören ist, öffnet sie ihre Frühstücksbude. Bis 17 Uhr versorgt sie Heavy-Metal-Fans aus aller Welt mit Kaffee, belegten Brötchen und Rührei. „Die ersten kommen so um 6 Uhr – richtig voll wird’s um 9 Uhr“, sagt sie.

Die 50-Jährige hat bei Festivals und Stadtfesten schon alles erlebt. In Wacken ist sie aber am liebsten: „Die Kuttenträger sind freundlich und gut gelaunt – auch wenn die Schlange ganz lang ist oder es zu regnen anfängt.“ Woanders sei die Stimmung auch mal schlechter: „Da heißt es nur ,Gib her’.“ Wer am Abend etwas länger gefeiert hat, kann bei Katy Westphal auch das Katerfrühstück bestellen: Bismarck oder Matjes und ein Kaffee für sechs Euro.

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Wirklich ausschlafen kann man auf dem Wacken Open Air nicht

Wirklich ausschlafen kann man auf dem Wacken Open Air übrigens nicht. „Ab 8 oder 9 Uhr ist es viel zu warm im Zelt, da steht man von alleine auf“, sagt Jacob Ahrens (31), der Montagnacht aus Kiel angereist ist. In einem der Nachbarcamps, in dem ein pinker Flamingo thront, geht es ruppiger zu. „Wer bei uns nicht aufsteht, wird mit der Sirene geweckt“, erzählt Gianluca Caputo (21).

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Das Geschwisterpaar Jens Lencer (49) und Imke Klocke (55) aus Enger und Berlin muss nur einen Kaffee an der kleinen Bude holen. Alles andere ist im Qek, dem kleinen Wohnwagen, gelagert. Zum Frühstück sind die Rollen klar verteilt: Klocke holt die Getränke, Lencer brät die Spiegeleier, die im Anschluss mit Vollkornbrot gegessen werden.

Schließlich braucht Lencer Energie für den Tag: „Ich habe schon im Herbst begonnen, mir alle Bands anzuhören und zu entscheiden, wen ich auf dem Festival sehen will. Heute stehen auf jeden Fall Mambo Kurt und Krokus auf der Liste.“ Wenn man Lencer und Klocke am gedeckten Campingtisch unter dem Sonnensegel vor dem Qek sitzen sieht und sich die schwarz gekleideten Menschen, die laute Musik und die skurrilen Dekorationen wegdenkt, könnte man meinen, man wäre auf einem Campingplatz an der Ostsee.

Schon um 10 Uhr wird beim Wacken Open Air Met getrunken

Wie auf jedem anderen Campingplatz trifft man sich auch in Wacken bei den rund 600 Duschen, 410 Toiletten und 420 Waschplätzen. Jo Wagner kommt gerade von seinem 10-Uhr-„Meting“ und will nun seinen Wasserkanister und sein 1,2 Liter großes Trinkhorn auffüllen. Einen tieferen Sinn beim „Meting“, also dem Trinken von Honigwein, gibt es nicht. Trotzdem wird es nicht weniger Ernst genommen. Dem Kollegen aus dem Büro, der mitgereist ist, hat Wagner immerhin einen wiederkehrenden Termin per E-Mail an seine Firmenadresse geschickt.

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Julia Nielebock war schon um 9 Uhr an den Duschen. Doch angesichts der langen Schlange drehte sie kurzerhand um und entschied sich, gegen 11 Uhr zurückzukommen. „Duschen muss einfach sein, gerade wenn es so warm ist“, sagt die Flensburgerin, die ihre nassen Haare fest in einem Handtuch-Turban verstaut hat.

„Wacken 2.0“: Der Trend geht zum eigenen Klo

Fortschrittlich geht es im Camp „Wacken 2.0“ zu. Statt sich Toiletten und Duschen zu teilen, hat sich eine Gruppe von Wacken-Fans kurzerhand beides mitgebracht: Zwei Dixie-Klos sowie eine Dusche mit 3000 Liter Tank und ein Planschbecken haben 30 Metalheads aus Hamburg, Bamberg und Wismar angeschleppt.

Auch Axel Theißen (59) vertraut – zehn Zelte weiter – aufs eigene Örtchen. „113 Euro als Leihgebühr kostet das für eine Woche. Das sind für jeden von uns gerade mal zehn Euro“, überschlägt er den Kosten-Nutzen-Faktor für seine Gruppe. Sogar eine Vanilleduftkerze wurde bereitgestellt.

Warten auf das Wacken Open Air

Ab 13 Uhr wird es ruhiger an der Frühstücksbude von Katy Westphal. Der letzte Nachzügler holt sich ein Käsebrötchen aus der inzwischen spärlich bestückten Auslage. „Jetzt habe ich ein wenig Zeit, um klar Schiff zu machen und eine Pause einzulegen.“

Die Metal-Karawane hingegen zieht weiter in Richtung Infield. Nur die metallenen Gitter und ein paar Sicherheitskräfte trennen die Fans von ihrem sogenannten „heiligen Land“. „Wacken, Wacken“ schallt es aus allen Richtungen, während sich immer mehr in die Schlangen drängeln. Um 14.30 Uhr geben die Sicherheitskräfte den Weg frei. Wie bei einem Weideaustrieb junger Kälber toben die Metaller jauchzend über die noch grüne Wiese. Jetzt ist Wacken.

Von Kerstin Tietgen und Jördis Früchtenicht/KN/RND