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Kultur Weltweit Enno Bunger: „Batman findet hier keinen Parkplatz“
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16:47 31.07.2019
„Dass zwei von vier Freunden, in diesem Alter, mit unter 30, an Krebs erkranken, ist mehr als unwahrscheinlich“: Enno Bunger. Quelle: Dennis Dirksen
Hannover

„Hell“, antwortet Enno Bunger auf die Frage, wie es ihm jetzt gehe: schwarz, grau oder hell? Diese erste, sehr persönliche Frage drängt sich beim Hören seines vierten Albums „Was berührt, das bleibt“ auf. Man möchte es unbedingt wissen, so nah gehen manche Lieder. Der 32-Jährige verarbeitet darin die vergangenen, von Krankheit und Tod, von Hoffen und Bangen geprägten Jahre.

Den Song „Konfetti“ singt er für Lena, die Frau seines besten Freundes und Schlagzeugers Nils Dietrich, die an Leukämie starb. „Und in deinen letzten Zeilen, da steht in allerschönster Schrift: Ihr dürft lachen, ihr dürft weinen, aber jammern dürft ihr nicht.“ Es ist Lenas letzte Bitte an ihre Freunde. Eine an Coldplay erinnernde, zuversichtliche Gitarre setzt ein. Der Song wird dadurch noch größer.

Zeitgleich mit Lena erkrankte Sarah, die Freundin des Singer-Songwriters, ebenfalls an Krebs. Sie überlebte. Die Zeit der Chemotherapie verbrachte er an ihrer Seite. „Jeder Pieks in den Arm ist ein Stich in mein Herz“, singt er in „Stark sein“. „Dass zwei von vier Freunden, in diesem Alter, mit unter 30, an Krebs erkranken, ist mehr als unwahrscheinlich“, sagt Bunger. Er erzählt, dass das Schreiben der Lieder für ihn eine Art Therapie war. Sogar die Pressearbeit für das Album tue ihm gut. „Die Interviews kommen mir vor wie Therapiegespräche.“

„Ponyhof“ – ein Lied zur Hochzeit

„Ponyhof“, Lied 3 auf dem Album, sang er für Lena und Nils am Tag ihrer Hochzeit. „Jetzt steht ihr hier vor uns mit Ringen an den Händen, die Köpfe voller Liebe, träumt von Dingen, die nie enden.“ Lena ging es nach einer Knochenmarktransplantation besser. Doch die Krankheit kehrte zurück, drei Monate später starb sie.

Fällt es ihm nicht schwer, über Privates derart offen zu singen oder zu sprechen? „Konfetti“ und „Ponyhof“ habe er zu allererst für sich und seine Freunde geschrieben, antwortet er. Sie wollten, dass er die Stücke veröffentlicht.

Selbsthilfepop nach der Trennung

Songs zu schreiben, das Erlebte dabei zu sortieren, half ihm schon einmal in Krisenzeiten. Mit dem Album „Wir sind vorbei“ von 2012 betrauerte er die Trennung von seiner damaligen, langjährigen Freundin. „Regen“ war ein kleiner Hit und offenbarte sein Talent für ungewöhnliche Zeilen: „Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus.“

2015 ließ er mit „Wo bleiben die Beschwerden?“ aufhorchen, einem Protestsong gegen Rassismus und rechte Gewalt. Er hatte in einem Zeitungsartikel über den bis heute unaufgeklärten Tod des Schwarzafrikaners Oury Jalloh gelesen. Jalloh war 2005 in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannt. Er soll sich in seiner Zelle selbst angezündet haben, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war. „Ich konnte das nicht fassen“, sagt Bunger, der bis dahin keine politischen Songs veröffentlicht hatte. „Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?“, fragte er in dem Lied, mit dem er auch NSU-Morde und Pegida-Hetze anprangert. Heute, sagt er, müsste er den Titel aktualisieren und um eine Strophe über den Mord an Walter Lübcke erweitern. Der Kasseler Regierungspräsident hatte sich für Flüchtlinge stark gemacht. Ein Rechtsextremist soll ihn erschossen haben.

Vom Kirchenorganisten zum Regenliedersänger

Der Regenliedersänger besserte schon als Teenager im ostfriesischen Flachsmeer sein Taschengeld als Kirchenorganist und Barpianist auf. Er spielte bei Hochzeiten und Beerdigungen, in Big Bands und in Kneipen. Einmal wurde er engagiert, um Fred Durst, den Sänger von Limp Bizkit, Backstage zu unterhalten. Der Amerikaner stand auf deutschen Schlager. „Dann kam er irgendwann an und hat sich was von Elton John gewünscht.“

Das Schreiben der Lieder war für Enno Bunger eine Art Therapie. Quelle: Dennis Dirksen

Bunger ist selbst ein Pianomann wie Elton John. Er kann sein Publikum zu Tränen rühren, wird nie zu melodramatisch, nie zu pathetisch. Er hat ein Händchen für guten Kitsch. Mit der Klavierballade „Glaube an die Welt“ beschreibt er die Hoffnungslosigkeit und das Hadern nach Lenas Tod. Er hätte auch dick auftragen und eine weinende Pedal-Steel-Gitarre einsetzen können. Darauf verzichtete er aber. Das karge, einsame Klavier sagt alles.

Bunger, der heute in Hamburg lebt, hat sich Lenas Bitte zu Herzen genommen. „Es wäre das Schlimmste für sie, wenn wir nur noch traurig wären und in Selbstmitleid verfielen.“ Und so ist das Album auch eine Aufforderung, nicht aufzugeben, seine Zeit zu nutzen, das Leben so gut es geht zu genießen und nicht auf Superhelden zu warten, sondern sich selbst zu retten, denn „Batman findet hier keinen Parkplatz.“

Nach ihrer Krebserkrankung verbrachte er mit seiner Freundin einen Monat in Kalifornien. „Traumverwirklichung“, nennt er diese Reise Richtung Zuversicht. „Wir haben es einfach gemacht.“ Im gleichnamigen Lied singt er nun über diese Zeit: „Wir wollen nichts mehr werden, wir wollen nur noch sein“ und „Der Sommer meines Lebens beginnt mit diesem Tag.“ Solche Worte klingen häufig schlagersüß, nach dahingesagten Kalendersprüchen, doch hier nicht. Der 32-Jährige und seine Freundin haben sie wirklich wahr werden lassen.

Info: Enno Bunger stellt sein neues Album „Was berührt, das bleibt“ am Freitag, 2. August, beim A-Summer’s-Tale-Festival im niedersächsischen Luhmühlen vor. Seine Tournee im Herbst führt ihn ab Mitte Oktober unter anderem nach Hannover (9.10.), Dresden (10.10.), Leipzig (16.10.), Göttingen (17.10.), Hamburg (18.10.) und Berlin (19.10.).

Von Mathias Begalke/RND

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