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Kultur Weltweit High Life: Robert Pattinson als Sträfling im Weltall
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11:01 27.05.2019
Gönnt sich gelegentlich eine Auszeit: Die Schiffsärztin Dibs (Juliette Binoche) zieht sich dann in die „Fuck Box“ zurück. Quelle: Foto: Pandora
Hannover

Keine Aliens, keine sprechenden Roboter und auch keine draufgängerischen Weltraumcowboys: In Claire Denis’ Science-Fiction-Film „High Life“ ist der Mensch allein mit sich im All. Das ist ein harter Job – wenn man bedenkt, dass er schon auf Erden nicht gut mit sich klar kommt.

Was bleibt also, wenn Weltraumfahrer auf ein Schwarzes Loch zusteuern? Wenn der Kontakt zur Erde längst abgebrochen ist und nur ein paar graukörnige Erinnerungsmomente von dort über die Bildschirme flimmern? Wenn allen klar geworden ist, dass auf Rückkehr kaum zu hoffen sein dürfte?

Robert Pattinson als Astronaut – Wie Werbung für den Baumarkt

In den ersten Szenen aus dem Innern des Raumschiffs scheinen geradezu paradiesische Zustände zu herrschen: In einem von Berieselungsanlagen in schwüle Feuchtigkeit getauchten Garten Eden sprießen Früchte und Obst – bald kann auch die erste Erdbeere geerntet werden. Das erinnert an Douglas Trumbulls „Lautlos im Weltraum“. In einem Laufstall nahebei plappert und grient ein gut gelauntes Baby, während Papa draußen am Raumschiff mit Schraubenschlüssel heimwerkelt. Der Mann könnte beinahe auch für einen Baumarkt Werbung machen.

Allerdings sind diese beiden, wie wir sogleich erfahren, die letzten Überlebenden in diesem Raumschiff. Schon in einer der nächsten Szenen wird Papa Monte (Robert Pattinson) die Leichen der restlichen Besatzung in ihre Raumanzüge stecken und hinaus ins All befördern. Wie in einem Ballett trudeln sie einer ewigen Dunkelheit entgegen, ein friedliches Bild. In Rückblenden erfahren wir von ihrem Schicksal.

Es ist doch nicht so gut gelaufen in diesem bei genauerer Besichtigung ziemlich heruntergekommenen, in hässlichen braun-beigen Tönen gehaltenem Raumschiff. Der dänische Künstler Olafur Eliasson hat das Gefährt gestaltet wie einen reichlich groß geratenen Frachtcontainer. In manchen Ecken sieht es aus wie in einer städtischen Notfallklinik, deren Finanzetat schon vor etlichen Jahren zusammengestrichen wurde.

Rückblende: Das Raumschiff soll ein Schwarzes Loch anzapfen

Nicht ganz freiwillig ist das Häuflein Passagiere (mit dabei: Lars Eidinger in einer kleinen Nebenrolle) vor geraumer Zeit in den Weltraum gestartet: Junge Schwerverbrecher, Männer und Frauen, wurden vor die wenig erquickliche Wahl lebenslanger Knast oder All gestellt. Sie dürften sich beim Abflug wohl kaum bewusst gewesen sein, dass dies letztlich aufs Gleiche rauskommen könnte. Eine Rückkehr war für sie gar nicht vorgesehen.

Offizieller Auftrag: Die Mannschaft soll die Energie eines Schwarzen Lochs abzapfen und der Menschheit auf Erden das Überleben sichern. Tatsächlich aber handelt es sich bei den Passagieren eher um ein Häuflein Versuchskaninchen, das man in die Unendlichkeit entsorgt hat.

Regisseurin Denis („Der Fremdenlegionär“) widmet sich einem ihrer Lieblingsthemen: menschlichen Körpern und wozu sie dienen können. Mit an Bord ist die Ärztin Dibs (Juliette Binoche), genannt: „Sperma-Schamanin“. Dips experimentiert besessen an der Fortpflanzung der Menschheit, die sich – möglicheweise aufgrund eines Strahlenunfalls – als schwierig gestaltet.

Regisseurin Claire Denis nimmt die Isolation der Raumfahrer ernst

Viel erklärt wird nicht in diesem Film, der die zunehmende Isolation der (Rest-)Besatzung ernst nimmt. Recycling scheint hier das oberste Gebot: Praktisch jede Körperausscheidung wird wiederverwertet – siehe die Berieselungsanlagen im Garten.

Die Männer müssen täglich bei Dibs ihre Samen abliefern, Frauen ihre Körper als Brutmaschine zur Verfügung stellen. Dibs selbst verschwindet gelegentlich in einer „Fuck Box“ und befriedigt sich beim wilden Ritt auf einem silberfarbenen Dildo (mit Kondom), einem der provokantesten Szenen in diesem an Provokationen nicht eben armen Film.

Nur Monte hat sich nach eigenen Worten der „Keuschheit“ verschrieben. Ausgerechnet er wird jedoch Opfer einer Vergewaltigung (wie auch manche Frau in diesem Film) und Vater einer Tochter – aber das wissen wir ja schon. Das Baby Willow wächst zum Teenager (Jessie Ross) heran und rast gemeinsam mit Papa Monte auf das Schwarze Loch zu.

Claire Denis hat ein erstaunliches Science-Fiction-Experiment gewagt

Ist das nun das Ende oder der Anfang einer neuen Epoche der Menschheit? Jedenfalls hat die mutige Kinofrau Claire Denis, inzwischen auch schon 72 Jahre alt, sich an ein ganz erstaunlich originelles Science-Fiction-Experiment gewagt.

Klar, die Regisseurin ehrt die großen Meister wie Andrei Tarkowski („Solaris“) und Stanley Kubrick („2001: Odysee im Weltraum“), gibt ihrem Film zusätzlich auch einen somnambulen Terrence Malick-Touch („The Tree of Life“) mit, gewinnt dem Genre in ihrem ersten englischsprachigen Kinodrama aber letztlich doch etwas ganz Eigenes ab.

Komisch: Von solchen düsteren Zuständen im All hat uns Astro-Alex alias Alexander Gerst nie etwas erzählt.

„High Life“, Regie: Claire Denis, mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Lars Eidinger, 110 Minuten, FSK 16

Von Stefan Stosch/RND

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