Jäger und Sammler sterben aus: Der klassische Tonträgermarkt in einer tiefen Krise
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Jäger und Sammler sterben aus: Der klassische Tonträgermarkt in einer tiefen Krise

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16:55 08.01.2021
Die höchste Form bewussten und professionellen Hörens: Tonmeister Holger Busse bei der Arbeit. Quelle: Maik Schuck/Genuin
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Leipzig

Eigentlich könnte es ganz einfach sein: Seit einem Dreivierteljahr können die Menschen kaum noch oder keine Konzerte mehr besuchen, also holen sie sich ihre Musik woanders. Daher müssten Tonträger in Zeiten der Pandemie einen Aufwind erleben, der wenigstens einen Teil der Lücken zu schließen vermag, die der Wegfall von Konzerten und die Schließung von Plattenläden seit März 2020 ins Musikgeschäft gerissen haben.

Holger Busse im Genuin-Studio. Quelle: Genuin

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Tatsächlich blickt Holger Busse, Mitbegründer und Geschäftsführer des Leipziger Labels Genuin, zufrieden auf das zurückliegende Jahr und in die unmittelbare Zukunft: „Im Moment haben wir überdurchschnittlich viel zu tun“, sagt der Tonmeister, der derzeit in Hamburg unter Corona-Bedingungen Kammermusik von Johannes Brahms produziert. „Für Januar ist zwar vieles abgesagt worden. Aber im November und Dezember waren wir sehr gut ausgelastet, 2020 war, was die Aufnahmetätigkeit anbelangt, ein gutes Jahr für Genuin, auch 2019 ist sehr gut gelaufen.“

Tonmeister-Label Genuin

Natürlich sei es ein Schock gewesen, als im März 2020 von einem Tag auf den anderen alles abgesagt wurde und es bis Juni keine Perspektive gab, wie es weitergehen sollte. „Da haben wir Kassensturz gemacht und geschaut, wie lange wir ohne Einnahmen überleben können. Aber bald nahm das Produktionsgeschäft wieder Fahrt auf. Im Sommer konnten wir kaum alle Anfragen bedienen.“

Ein Bild aus besseren Open-Air-Zeiten: Genuin-Technikaufbau auf dem Augustusplatz. Quelle: genuin

Was auf den ersten Blick so erstaunlich erscheint, ist auf den zweiten logisch: Weil Musikern ihre Auftrittsmöglichkeiten wegbrachen, selbst festangestellte Orchestermusiker mit einem Mal viel Zeit hatten, nutzten sie die für Studioproduktionen, wovon ein Tonmeister-Label wie Genuin naturgemäß profitiert. Busse: „Wir fahren zweigleisig. Das Label ist uns sehr wichtig. Durch diese Krise hat uns bisher auch der regelrechte Aufnahme-Boom geholfen. Dadurch konnte alles weiterlaufen, und wir mussten keine Kurzarbeit beantragen.“

„Er schrumpft immer weiter“

Der Boom auf der Aufnahmeseite sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tonträgermarkt in einer tiefen Krise steckt – und von der Corona-Pandemie keineswegs profitiert. Zwar mag Busse nicht auch ins Horn derer blasen, die den klassischen Tonträgermarkt bereits für tot erklären, aber „er schrumpft immer weiter“.

Quelle: Genuin

Was auch damit zusammenhängt, dass der Musikkonsum insgesamt abgenommen hat: 2018 hörte jeder Bundesbürger noch durchschnittlich knapp 22 Stunden pro Woche Musik, Mitte 2020 waren es nur noch 19 Stunden und 43 Minuten. Und das liegt vor allem daran, dass viele Musik nicht bewusst hören, sondern eher nebenbei konsumieren: auf dem Weg zur Arbeit im Auto oder über Kopfhörer, im Fitnessstudio, beim Joggen – bei Tätigkeiten eben, die der Pandemie ebenfalls in großem Umfang zum Opfer gefallen sind.

Besitzbedürfnis lässt nach

Die physischen Verkäufe, der Handel mit CDs zum Beispiel, ging 2020 um rund 25 Prozent zurück und erreichten im ersten Halbjahr 2020 nur noch einen Marktanteil von 20 Prozent. Die Schallplatte immerhin blieb stabil, legte sogar leicht auf einen Umsatzanteil von 4,5 Prozent zu. Streaming dagegen legt auch in Corona-Zeiten weiterhin mit zweistelligen jährlichen Zuwachsraten zu und hat mittlerweile einen Umsatzanteil von 65,7 Prozent erreicht. Was sich mit den Erfahrungen Holger Busses und des Leipziger Labels Genuin deckt: „Die Einnahmen aus Streaming und Downloads sind um 25 Prozent gestiegen und machten im vergangenen Jahr erstmals mehr als die Hälfte unserer Einnahmen aus.“

Offenbar lässt das Bedürfnis, Musik zu besitzen, also immer mehr nach. Man könnte es für nachrangig halten, ob jemand seine Musik daheim im CD-Regal stehen hat, auf Schallplatte, auf der Festplatte – oder sie bei Bedarf bei Spotify holt, bei Tidal, Quobuz, Apple Music, Idagio, ... Tatsächlich aber wird diese Entwicklung gravierende Auswirkungen auf den Musikmarkt haben, weil es den Bedarf verschiebt.

Zu Häppchen filetiert

Busse: „CDs produzieren wir für Jäger und Sammler, die entweder genau wissen, was sie haben wollen, oder am liebsten gleich alles haben wollen. Solche Musikhörer kaufen und hören sehr gezielt nach Werk oder nach Interpret.“ So kann man natürlich auch die gewaltigen Archive der Streamingdienste durchforsten. Aber die Realität sieht doch anders aus: Streaming wird eher wie Radio genutzt. Man hört im Hintergrund das, was gerade kommt. Gern in Form von Playlists, die nach Genre, Stimmung, Lautstärke, Tempo vorkuratiert sind und innerhalb derer die Identität des Einzeltitels unter die Räder kommt. Auch bei der Klassik, die zu diesem Behufe selbstredend oft zu Häppchen filetiert wird.

Der Streaming-Hit des umfangreichen Genuin-Programms ist „Bach Without Words“ – Choräle Johann Sebastian Bachs sehr schön, sehr weich, sehr bedächtig und sehr romantisch gespielt auf dem Klavier. Braucht kein Mensch – wurde aber über zwei Millionen Mal geklickt. Natürlich ist es legitim, wenn Musiker und Labels derlei Bedürfnisse befriedigen. Sie sind ja da. Aber wenn angesichts solcher Bedürfnisse künftig vor allem gesichtslose Wohlfühlklassik produziert wird, sieht es nicht gut aus für unser Musikleben, und die größte Bedrohung heißt nicht Covid-19. Busse: „Ich habe keine Ahnung, wo das noch hinführt. Aber umso wichtiger ist es, dass wir jetzt die Zeit zum Aufnehmen nutzen, damit wir auch 2022 noch genug Material haben – für jeden, dem nach Musik ist. Auch für Jäger und Sammler.“

www.genuin.de

Von Peter Korfmacher