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Kultur Weltweit „Late Night“: Mittelalt, weiß, Frau
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13:26 26.08.2019
Wenn die Kamera läuft, ist sie ganz freundlich – aber nur manchmal: Katherine Newbury (Emma Thompson). Quelle: Eone
Hannover

Katherine Newbury hat es geschafft: Seit fast drei Jahrzehnten ist sie Gastgeberin ihrer eigenen Late-Night-Show im US-Fernsehen. Sage und schreibe 43 Emmys verstauben bei ihr zu Hause in den Regalen. Sie ist da, wo sonst nur Männer in der Unterhaltungsindustrie ankommen.

Ach ja, Newbury ist eine erfundene Figur: In den USA – und genauso wenig bei uns – gibt es bis heute keine Late-Night-Talkerin ihres Ranges. Ein „funkelndes Einhorn“ hat die „New York Times“ diese Frau in ihrer Filmkritik amüsiert beschrieben, um sogleich hinzuzufügen, dass der in dieser Komödie zur Schau getragene Sexismus der Wirklichkeit wohl ziemlich nahe kommen dürfte.

Newbury (Emma Thompson) ist denn auch schlimmer als jeder männliche Chef – und vielleicht gerade deshalb ganz oben. Unter ihren Gagschreibern gibt es keine einzige Frau, und bei ihren männlichen Untergebenen ist sie gefürchtet.

Fordert einer eine Gehaltserhöhung mit Verweis auf seine größer gewordene Familie, wird er umstandslos gefeuert. Die kuriose Begründung der Chefin: Der Mann sei Sexist, keine leistungsbewusste Frau würde heute noch mit Kindern argumentieren.

Die Namen ihrer Mitarbeiter kann Newbury sich nicht merken

Zynismus ist Newburys Überlebensstrategie im knallharten Mediengeschäft. Die Namen ihrer Mitarbeiter kann sie sich nicht merken – und hat diese deshalb der Einfachheit halber durchnummeriert. Sie wechseln ja sowieso ständig oder sterben, ohne dass sie dies auch nur bemerken würde.

Man könnte sagen: Newbury ist in ihrem Denken und Handeln ein alter, weißer Mann – nur eben im Körper einer mittelalten, weißen Frau. Emma Thompson spielt diese Talk-Lady mit großer Lust an der Beleidigung ihrer Mitmenschen und mit der Überheblichkeit eines Bosses, der sich für unersetzlich hält.

Ein jüngerer Spaßmacher soll Newbury ersetzen

Doch ihre Selbstgefälligkeit könnte sich jetzt rächen: Newburys Zeit droht abzulaufen. Die Senderchefin will die Veteranin aus dem Fernsehstudio verbannen und durch einen jüngeren, männlichen Spaßmacher ersetzen, der auch etwas von den sozialen Medien versteht.

Noch einmal erwachen Newburys Kampfinstinkte, angefeuert von ihrem Parkinson-kranken Pianisten-Ehemann (John Lithgow) zu Hause: „So lange das Publikum dich liebt, bist du unersetzlich.“

„Reicht nicht ein Schwuler?“

Newbury will eine Alibi-Frau an Bord holen. „Reicht nicht auch ein Schwuler?“, fragt ihr Produktionschef (Denis O’Hare). Nein, reicht Newbury nicht: Aus Mangel an Kandidatinnen wird vom Fleck weg die indischstämmige Molly (Mindy Kaling) angeheuert, bis dahin in einer Chemiefabrik in Pennsylvania tätig – als Qualitätskontrolleurin.

Ein frischer Blick von außen auf die Inhalte ihrer angestaubten Show kann Newbury nicht schaden. Nur schade, dass sie Kritik der neuen Mitarbeiterin an ihrer Person nicht erträgt.

Rasiermesserscharfe Dialoge durchziehen die Komödie „Late Night“ der kanadischen Regisseurin Nisha Ganatra, die sich mit der TV-Serie „Better Things“ einen Namen gemacht hat. Mit erfrischender Bösartigkeit verkörpert Emma Thompson ihre Figur – und diese entwickelt bei ihrem Versuch, die Liebe des Publikums zurückzugewinnen, sogar Selbstironie: „Ich bin so alt wie Tom Cruise. Aber während er immer noch gegen Monster kämpfen darf, bin ich inzwischen das Monster.“

Ungeahnte soziale Kompetenzen

Nur vertragen sich so viel Spitzen vornehmlich gegen andere Personen schlecht mit der Verwandlung, die Thompsons Figur in gut eineinhalb Kinostunden in dieser Satire abverlangt werden: Newburys Charakter macht eine Runderneuerung durch, sie entdeckt nach Jahrzehnten der selbstgewissen Ruppigkeit plötzlich ihre sozialen Fähigkeiten. Die neue Mitarbeiterin Molly holt all das Gute aus ihrer Chefin hervor, von dem diese bis dahin vermutlich gar nicht wusste, dass es in ihr schlummert.

Schauspielerin Mindy Kaling hat auch das Drehbuch verfasst. Sie kennt sich als Kopf hinter der Comedyserie „The Mindy Project“ bestens aus in der Branche – auch wenn sie zwischen all den männlichen Duckmäusern unwahrscheinlich viel Selbstbewusstsein an den Tag legt.

Männer im Showgeschäft sollten sich ganz klein machen

Nichtsdestotrotz: Männer im Showgeschäft sollten sich hier ganz klein im Kinosessel machen. Man kann verstehen, dass der Streamingdienst Amazon die Rechte für den beschwingten Film gleich nach dessen Premiere in Sundance kaufte – für 13 Millionen US-Dollar, ein Rekordpreis bei dem von Robert Redford gegründeten Festival, das dem Kino außerhalb des immer langweiliger werdenden Studiosystems eine Bühne bietet.

Die Pointe in der Satire „Late Night“ ist nur konsequent: Newbury gerät in die Mühlen der MeToo-Debatte – aber nicht auf Seiten der Opfer.

Late Night“, Regie: Nisha Ganatra, mit Emma Thompson, Mindy Kaling, FSK 0, 102 Minuten

Von Stefan Stosch / RND

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